Die Oscars ringen mit Corona und um Vielfalt Steven Soderbergh inszeniert digitale Gala

So wird Diversität noch zu selten gelebt: Der „Moonlight“-Regisseur Barry Jenkins (rechts) und die Produzenten Jeremy Kleiner und Adele Romanski 2016 mit ihren Oscars für den Besten Film. Foto: imago/Xinhua

Neue Richtlinien bei den Oscars sollen Frauen und Minderheiten fördern. Zugleich muss die Academy darauf reagieren, dass Corona die Kinokrise verschärft und sie am boomenden Streaming kaum mehr vorbeikommt.

Stuttgart - Die Oscar-Nominierungen werden am 15. März 2021 verkündet, und die Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die die Preise vergibt, hat lange auf eine Live-Veranstaltung im Dolby Theater in Hollywood gehofft, denn die „Oscar Night“ lebt von der Anwesenheit der Stars und der Künstler. Der Termin wurde vom 28. Februar auf den 25. April 2021 verschoben, die Deadline für den bislang obligatorischen, siebentägigen Kinoeinsatz vom 31. Dezember auf den 28. Februar 2021. Filmemacher sollten ihre unterbrochenen oder zunächst abgesagten Projekte fertigstellen können, die Kinos wieder geöffnet haben. Doch seit Anfang Dezember in Los Angeles ein dreiwöchiger Corona-Lockdown verhängt wurde, gilt eine Verleihung zumindest ohne Publikum als sehr wahrscheinlich.

 

An diesem Dienstag hat die Academy drei Persönlichkeiten präsentiert, die die Show so inszenieren sollen, dass sie auch ohne zwischenmenschliche Momente ein Millionenpublikum fesselt: Steven Soderbergh (Regie-Oscar für „Traffic“), die Produzentin Stacey Sher (Oscar-Nominierungen für „Erin Brokovich“ und „Django Unchained“) sowie Jesse Collins (Emmy-Nominierung für die Grammys 2019). Die Oscars 2021 seien „die perfekte Gelegenheit, die Möglichkeiten der Preisgala neu zu denken“, zitiert der „Hollywood Reporter“ den Academy-Präsidenten David Rubin and die Geschäftsführerin Dawn Hudson.

Netflix könnte triumphieren

Die Nöte reichen allerdings tiefer. Wegen der Pandemie hat die Academy in den Augen der Kinowirtschaft eine rote Linie überschritten: Sie berücksichtigt erstmals auch Filme, die nur digital gestartet sind, deren Verleiher aber die Absicht hatten, sie im Kino einzusetzen. Tatsächlich war 2020 nur eine sehr überschaubare Zahl an Filmen mit Oscar-Chancen im Kino wie etwa Christopher Nolans Thriller „Tenet“.

Netflix dagegen könnte erstmals mit mehr Eigenproduktionen ins Rennen um den Besten Film gehen als alle Studios zusammen. Zur Auswahl des Streamingdienstes gehören Ron Howards „Hillbilly Elegy“ (mit Amy Adams und Glenn Close), David Finchers „Mank“ (mit Gary Oldman), Spike Lees „Da 5 Bloods“, Aaron Sorkins 68er-Drama „The Trial of the Chicago 7“, das Musical „The Prom“ (mit Meryl Streep und Nicole Kidman), „Ma Rainey’s Black Bottom“ (mit Viola Davis und Chadwick Boseman) sowie „The Midnight Sky“ von und mit George Clooney – um nur einige zu nennen.

Neue Qualifikationsrichtlinien

Diese Zeitenwende trifft eine Institution, die sich neu zu erfinden versucht. Zu weiß, zu männlich, zu alt – so lautete das vernichtende Urteil über die Academy im Jahr 2015, als zum zweiten Mal in Folge keine schwarzen Schauspieler nominiert waren. Eine Kampagne unter dem Hashtag #OscarsSoWhite führte dazu, dass mehr Frauen und Mitglieder ethnischer und anderer Minderheiten berufen wurden, darunter die deutschen Schauspielerinnen Diane Kruger und Nina Hoss.

2020 hat die Academy außerdem neue Qualifikationsrichtlinien mit vier Diversitätsstandards vorgelegt, die bei der 96. Oscar-Verleihung im Jahr 2024 erstmals greifen sollen. Für die Königskategorie „Bester Film“ kann sich dann nur noch qualifizieren, wer mindestens zwei dieser vier Kategorien erfüllt. Das Ziel: Filme sollen in Zukunft diversere Geschichten erzählen, die Filmteams diverser aufgestellt ein. Dabei geht es um vier als „unterrepräsentiert“ bezeichnete Gruppen: Frauen, Angehörige ethnischer Minderheiten, Menschen mit diversen sexuellen Orientierungen und Dispositionen (LGBTQ, „Lesbian Gay Bisexual Transgender Queer“) sowie Behinderte.

Viele Hintertüren

Die Studios reagierten zunächst geschockt, dürften sich bei näherem Hinsehen aber wieder beruhigt haben: Sie bekommen viel Spielraum und profitieren zudem davon, dass es in tendenziell liberalen Kreativbranchen wie der Filmindustrie in einigen Bereichen ohnehin niedrigere Einstellungshürden gibt.

Standard A bezieht sich auf die Besetzung und nennt drei Kriterien, von denen nur eines erfüllt sein muss: Mindestens eine Schauspielerin oder ein Schauspieler in einer wichtigen Rolle stammen aus einer ethnischen Minderheit, im Zentrum der Geschichte stehen Angehörige einer der vier Gruppen oder mindestens 30 Prozent der Besetzung besteht aus Menschen aus mindestens zwei der Gruppen. Hier bietet das erste Kriterium eine Hintertür, die die meisten Filme bereits erfüllen: Im rein weiß besetzten „Joker“ spielt die schwarze Deutschamerikanerin Zazie Beets die Nachbarin des Protagonisten, mit der er sich eine Liebesbeziehung ausmalt.

Frauen

Standard B bezieht sich auf die Zusammensetzung des Teams hinter der Kamera und nennt ebenfalls drei Kriterien, von denen nur eines erfüllt sein muss: Zwei oder mehr Leiter wichtiger Gewerke gehören einer der vier Gruppen an, mindestens sechs weitere Teammitglieder stammen aus einer ethnischen Minderheit oder mindestens 30 Prozent der Filmcrew stammen aus den vier Gruppen. Schon jetzt arbeiten bei Casting, Maske und Kostümen überwiegend Frauen, auch in den Leitungspositionen. Martin Scorceses überwiegend weißer, männlicher Film „The Irishman“ würde sich durch den mexikanischen Kameramann Rodrigo Prieto („Babel“) qualifizieren.

Standard C fordert, dass der Verleih oder die Produktionsfirma mindestens zwei Praktikanten aus den Gruppen beschäftigen oder Menschen daraus eine Ausbildung oder Arbeitsplätze anbieten. Standard D besagt, dass leitende Personen im Marketing, in der Werbung und im Vertrieb aus einer der Gruppen stammen sollen. Das dürfte für die Filmindustrie kein Problem sein – siehe oben.

Zumindest ein Signal

Kaum ein bisheriger Oscar-Gewinner fiele durchs Raster – nicht einmal der rassistische Stummfilm-Erfolg „Birth of a Nation“ (1915) oder rein männliche Kriegsfilme wie „Platoon“ (1986). Die neuen Richtlinien sind also eher eine symbolische Geste, um das Bewusstsein zu schärfen und den leisen Wandel zu stützen, der bereits im Gange ist: 2016 bekam das Drama „Moonlight“ des schwarzen Regisseurs Barry Jenkins über einen schwulen afroamerikanischen Jungen den Oscar für den Besten Film. Ermöglicht haben ihn weiße Produzenten – genau wie Steve McQueens Sklavendrama „12 Years a Slave“, für das unter anderen der Schauspieler Brad Pitt als Produzent 2014 einen Oscar in die Höhe recken durfte.

Hintergründe zum Oscar

Academy Award of Merit

Die goldenen Statuetten werden seit 1929 vergeben. Der Spitzname „Oscar“ kam in den 30er Jahren auf, die Urheberschaft ist unklar. Seit 1950 dürfen auch Erben Oscars nicht mehr verkaufen.

Die Academy

Die Institution namens Academy of Motion Picture Arts and Sciences wurde 1927 gegründet auf Initiative des MGM-Chefs Louis B. Mayer. Das Board of Governors lädt neue Mitglieder ein, Voraussetzung sind eine Oscar-Nominierung oder Verdienste um die Filmkunst. Die Mitglieder wählen die Nominierten und die Preisträger. 2012 waren laut „Los Angeles Times“ 94 Prozent der 5765 Mitglieder weiß, 77 Prozent männlich und 86 Prozent über 50. Nach Protesten 2015 gegen die wiederholte Nichtnominierung schwarzer Darsteller lud die Academy neue Mitglieder ein, um sich zu diversifizieren und zu verjüngen, im April 2020 waren es knapp 10 000 Mitglieder.

Rassismus

Der erste Oscar für eine afroamerikanische Person ging 1940 an Hattie McDaniel und gilt heute als Spiegel der Haltung des alten Hollywood: Sie spielte im Südstaatenepos „Vom Winde verweht“ die stereotype Rolle einer schwarzen Haussklavin.

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