Die Plakatschlacht ist eröffnet: Seit Samstag dürfen in der Stadt Wahlplakate aufgehängt werden. Wir haben einen Design-Experten die Motive analysieren lassen und nicht alle geraten den Bewerbern zum Vorteil.

Digital Unit : Anja Treiber (atr)

Stuttgart - Die kleinen Werbegeschenke kann man ablehnen, zu den Wahlveranstaltungen muss man nicht hingehen – und seinen Briefkasten kann man mit „Werbung, nein Danke“ frei halten. Allein den zahlreichen Wahlplakaten können sich die Stuttgarter seit dem vergangenen Wochenende kaum mehr entziehen. Im öffentlichen Raum sind sie die Visitenkarte der Bewerber – und die will gut durchdacht sein. Der Diplom-Designer und Autor Achim Schaffrinna bloggt seit 2006 von Hannover aus in seinem Design-Tagebuch zum Thema Kommunikationsdesign. Für uns hat er sich die Kopfplakate der vier Bewerber, die von Fraktionen im Stuttgarter Gemeinderat unterstützt werden, einmal näher angeschaut: 

Sebastian Turner
Der bürgerliche Kandidat Sebastian Turner bringt gleich zwei Bilder von sich in Umlauf: Einmal den seriösen Kandidaten des bürgerlichen Lagers in Anzug, Krawatte und mit korrektem Seitenscheitel und einmal den lässigen Turner mit aufgeknöpftem Hemd, ungekämmten Haaren und freundlichen Sonnenblumen im Hintergrund. „Diese zwei Motive sind in Bezug auf die Darstellung des abgebildeten Kandidaten höchst unterschiedlich – und das ist ein Problem“, sagt Achim Schaffrinna. „Vielleicht möchte er damit verschiedene Zielgruppen ansprechen, auf mich wirkt es eher konzeptlos“, ergänzt er. Eine Einordnung der Person Turner sei für den Betrachter so schwierig. Sein Tipp wäre gewesen, die strenge Variante nicht zu veröffentlichen.

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Bettina Wilhelm

Legt man die Plakate der vier Bewerber nebeneinander, stechen sicherlich die von Wilhelm am meisten ins Auge. „Die Plakate unterscheiden sich stilistisch zwar von denen der anderen Kandidaten, allerdings entzieht die Schwarz-Weiß-Fotografie dem Motiv auch die Frische, die Freundlichkeit, das Persönliche“, analysiert der Design-Experte. Auch für den Rotton muss die SPD-Kandidatin Kritik einstecken: „Schwarz-Weiß-Rot – das erinnert eher an die Linkspartei.“ Die neue Farbe der Sozialdemokraten sei Purpur, diese Linie verlasse die Kandidatin der Sozialdemokraten. Für den Passanten sei es so nicht einfach, dem Namen Wilhelm eine Partei zuzuordnen.

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Fritz Kuhn

„Mir geht’s um Stuttgart“ – so wirbt der Grüne Kuhn auf seinem Plakat für sich. „Das ist nicht gerade ein kreativer Slogan für eine OB-Wahl in Stuttgart, sondern eher eine Selbstverständlichkeit“, meint Achim Schaffrinna. Der Spruch sei wenig aussagekräftig, wirke wenig durchdacht – eher wie ein Schnellschuss. Was die Gestaltung anbetrifft, gefällt dem Designer dieses Plakat am besten. Außerdem füge es sich im Gegensatz zu den Plakaten der anderen in das Corporate Design der Partei ein, für die der Kandidat steht.

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Hannes Rockenbauch

Der Kandidat des Bündnisses SÖS hat das kleinste Budget zur Verfügung. Aber das sehe man seinem Wahlplakat nicht an, sagt Schaffrinna. Der Stuttgart-21-Gegner schaut seinem Betrachter direkt in die Augen – mit zerzausten Haaren und Dreitagebart. „Das hat Charme und ist mit Sicherheit nicht zufällig so passiert, sondern Teil einer Inszenierung“, ergänzt er. Nur mit der Farbe Orange hat der Experte ein Problem: „Diese ist schon von den Piraten besetzt und deshalb schwierig auf dem Plakat eines Kandidaten, der diesen Hintergrund überhaupt nicht hat.“

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Schaffrinna: "Kein Faupax"

Sein Fazit: „Keiner der Kandidaten hat sich einen Fauxpas erlaubt.“ Bedenke man, dass ihre Budgets unterschiedlich groß sind – und dass mit Turner ein Werbeprofi unter ihnen ist, dann seien die Unterschiede in der gestalterischen Qualität erstaunlich gering.

„Aber wer glaubt, dass Wähler nur wegen eines gelungenen Plakates einen Kandidaten wählen, der irrt sich“, sagt Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler an der Uni Hohenheim. Ihre Informationen holen sie sich woanders, vor allem über die Medien und die Homepages der Kandidaten, sagt der Experte und ergänzt: „Wahlplakate setzen vor allem das Signal: Jetzt beginnt die heiße Wahlkampfphase.“



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