Detroit kann seine Schulden nicht mehr bezahlen. 18 bis 20 Milliarden Dollar Defizit bedeuten den größten Bankrott einer Stadt in der US-Geschichte. Doch manche Bewohner sehen das auch als eine Chance zum Neuanfang.
Stuttgart - Sind es nun umgerechnet 13,8 Milliarden oder gar 15,3 Milliarden Euro Schulden? Einen Tag nach dem größten Bankrott einer kommunalen Gebietskörperschaft in der Geschichte der USA war noch nicht einmal klar, welchen Berg an Verbindlichkeiten die Stadt genau abzutragen hat. Er wird jedenfalls mehrfach größer sein als beim bisherigen Rekordhalter Jefferson County in Alabama, der 2011 bei einem Defizit von umgerechnet 3,2 Milliarden Euro das Handtuch warf. Städte wie New York und Philadelphia, die in den siebziger Jahren knapp am finanziellen Abgrund vorbeigeschlittert sind, haben damals andere Auswege gefunden.
Die Bevölkerung in Detroit quittierte die Nachricht über den Bankrott mit einer Mischung aus Fatalismus und der Hoffnung, dass es jetzt nur noch aufwärts gehen könne. „Hoffentlich bedeutet das die Wende. Wir brauchen sie“, zitierte das „Wall Street Journal“ stellvertretend den Pastor einer Detroiter Kirchengemeinde. „So wie die Autofirmen ihr Geschäft neu erfunden haben, so wird das auch Detroit tun“, sagte der Chef einer lokalen Wirtschaftsinitiative der Zeitung „Detroit News“. Aus Washington jedenfalls, so verlautete im Weißen Haus am Freitag, gibt es keine Hilfe.
Der Bankrott zum jetzigem Zeitpunkt entbehrt nicht einer bitteren Ironie: Der US-Autoindustrie, die immer noch mit dem Namen der Stadt eng verbunden ist, geht es zurzeit recht gut. General Motors, dessen Hauptquartier immer noch im Herzen der Stadt am Detroit River steht, und Chrysler sind aus ihren im Jahr 2009 eingeleiteten Konkursverfahren gestärkt hervorgegangen.
Der Autoindustrie geht es inzwischen viel besser als der Stadt
Doch schon lange sind das Schicksal der Autoindustrie und das der vor allem durch verantwortungslose Politiker ruinierten Stadt weitgehend entkoppelt. Produziert werden die Autos inzwischen im Umland, wo auch die Häuser der Arbeiter stehen – und wohin auch die Steuern fließen. Einige der umliegenden Städte wie Dearborn gehören zu den wohlhabendsten in den Vereinigten Staaten. Detroit hingegen lebt inzwischen von den Abgaben der Spielcasinos, die auf der verzweifelten Suche nach Einnahmequellen in den vergangenen Jahren eröffnet wurden.
Detroit ist heute eine Stadt, in der nur noch die Hälfte der Straßenlampen funktionieren, zwei Drittel der Krankenwagen nicht mehr fahren und Zehntausende Gebäude nur Ruinen sind. Bei mehr als der Hälfte der Hausbesitzer schafft es die Stadt nicht mehr, die Grundsteuer einzutreiben. Ob deshalb die Renaissance der Autofirmen ein Vorbild sein kann, bleibt offen.
Detroit ist selbst für amerikanische Verhältnisse ein krasser Fall. Während anderswo in den USA die Verödung der Innenstädte längst gestoppt wurde, ist dort beispielsweise ein mit vielen Hoffnungen verbundenes Stadtbahnprojekt nie über das Planungsstadium hinausgekommen. Die Innenstadt hat sich in den vergangenen Jahren dennoch dank der Ansiedlung von größeren Firmen teilweise wieder belebt – an der Misere des städtischen Haushalts änderte dies nichts.
Ergebnis eines politischen Versagens
Schon seit März ist Detroit unter Kuratel. Rick Snyder, der republikanische Gouverneur von Michigan, entmachtete den Bürgermeister und den Stadtrat. Seither regiert ein Zwangsverwalter. In einer Stadt, mit einer zu 82 Prozent schwarzen Bevölkerung, in der die Demokraten mit die besten Wahlergebnisse in den USA einfahren, wirkte dies wie ein politischer Putsch. Der Zwangsverwalter hat nun nach Gesprächen mit den Kreditgebern der Stadt kapituliert.
Die Lokalzeitung „Detroit News“, die angesichts der Misere schon vor Jahren ihr tägliches Erscheinen eingestellt hat, sieht die Pleite als das Ergebnis eines politischen Versagens. „Detroits Bevölkerungsrückgang ist nicht über Nacht passiert“, heißt es im Leitartikel zum Bankrott der Stadt: „80 000 Häuser und Geschäftsgebäude sind nicht an einem einzigen desaströsen Tag geleert worden, wie es in New Orleans der Fall war, als der Hurrikan Katrina die Stadt traf – dies geschah im Verlauf eines halben Jahrhunderts.“ Die Pleite werde die Misere der Einwohner zunächst vertiefen – aber sie habe sich lange angekündigt.
Der in Detroit seit 2009 amtierende Bürgermeister Dave Bing hatte von seinem Vorgänger Kwame Kilpatrick eine von Skandalen, Günstlingswirtschaft und Korruption erschütterte Stadt geerbt. Kilpatrick sitzt nach mehreren Gerichtsverfahren im Gefängnis. 2008 hatte ihn ein Sexskandal zu Fall gebracht, bei dem aufflog, dass er mit einer städtischen Mitarbeiterin eine Affäre gehabt hatte. In deren Verlauf hatte er 14 000 zumeist erotische Textnachrichten von seinem Diensthandy aus versandt. Der Detroiter Polizeichef, der diesen Skandal publik machen wollte, war von Kilpatrick deshalb entlassen worden.