Tod von George Floyd Amerika vor der Zerreißprobe
Der Tod George Floyds entfacht einen Flächenbrand, der mehr und mehr Städte von Küste zu Küste erfasst – wie 1968 nach dem Mord an Martin Luther King.
Der Tod George Floyds entfacht einen Flächenbrand, der mehr und mehr Städte von Küste zu Küste erfasst – wie 1968 nach dem Mord an Martin Luther King.
Washington - Schweren Schrittes bewegt sich Terrence Floyd auf das überlebensgroße Mural zu Ehren seines Bruders George zu, das ein Straßenkünstler wie ein Altarbild auf die Wand des „Cup Foods“-Supermarktes in Minneapolis gemalt hat. Wie ein Heiligenschein umgeben die Namen anderer Schwarzer seinen Kopf, die, wie er, Opfer von Polizeigewalt geworden sind. Davor haben Menschen Blumen abgelegt, Andenken und Schilder hinterlassen, auf denen „Black Lives Matter“ steht. Dann bleibt Terrence stehen. Ungefähr hier muss es gewesen sein. Er beugt sein Knie nahe der Stelle, an der sein Bruder George vor einer Woche unter dem Knie eines weißen Polizisten qualvoll erstickte. Das ist nun amtlich, seit ein Autopsiebericht offiziell den Foltertod in Zeitlupe bestätigte. Der mutmaßliche Mörder Dereck C. sitzt in Untersuchungshaft und wartet auf seinen Prozess. Die drei Polizisten, die tatenlos zuschauten, verloren zwar auch ihren Job, laufen aber noch frei herum.
Terrence bleibt so lange auf den Boden gekauert, wie der Todeskampf seines älteren Bruders dauerte. Es ist ein feierlicher Moment, an einem andächtigen Ort, um den in den letzten Tagen die Leidenschaften der Demonstranten und Flammen der Zerstörung aufloderten. George sei nach Minneapolis gekommen, um ein besseres Leben für sich zu suchen, sagt Terrence. Dann kam das Coronavirus, und George verlor wie mehr als 40 Millionen Menschen in den USA seinen Job als Türsteher in einem Nachtclub. In seiner Not versuchte er, mit einem gefälschten 20-Dollar-Schein etwas zu kaufen. Der Rest ist Geschichte. Eindringlich fleht Terrence die Menge an, nicht in die Falle der Gewalt zu tappen. „Sie wollen, dass wir uns selbst zerstören“, mahnt er zu friedlichen Protesten. „Hört auf zu plündern, macht das Friedenszeichen.“
Hafsa Islam (18) versteht, wie schwer das vor allem jungen Menschen fällt, die vom Rassismus im Alltag zutiefst desillusioniert sind. Selbst in einer progressiven Stadt wie Minneapolis, in der mit Jacob Frey ein 38-jähriger Reformer als Bürgermeister regiert, steht Polizeigewalt auf der Tagesordnung. Obwohl Schwarze nur 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen, stellen sie 60 Prozent der Opfer von Polizeigewalt der vergangenen zehn Jahre.
Hafsa, deren Vater unweit von dem Denkmal für Floyd während der großen Rezession das Gandhi-Mahal-Restaurant eröffnete, verfolgte von ihrem Auto aus zufällig, wie die Polizei den verängstigen George aus dem Supermarkt zerrte. „Diesen Gesichtsausdruck werde ich nie vergessen“, beschreibt sie die Situation, um dann die Geschichte ihrer Familie zu erzählen. Ihr Vater, der während der Diktatur des Militärs in Bangladesch aufgewachsen war, bot angesichts der brutalen Taktiken der Polizei an, sein wegen der Corona-Pandemie geschlossenes Restaurant zu einer Erste-Hilfe-Station für verletzte Demonstranten umzufunktionieren.
Am Wochenende ist es bis auf die Grundmauern abgebrannt. Erst habe sie sich geärgert, erinnert sich Hafsa an ihre erste Reaktion. Dann habe sie gehört, wie ihr Vater Verständnis für die Wut zeigte: „Lasst mein Gebäude brennen. Das kann man wieder aufbauen.“ Da habe sie verstanden, dass es diesmal um mehr gehe. „Wenn so etwas geschehen muss, damit wir Gerechtigkeit bekommen, ist es das wert.“
Bürgermeister Frey gehörte zu den Ersten, die eine Festnahme der Polizisten verlangten. Und er beklagt lautstark das Wohlstandsgefälle im Ballungsraum um Minneapolis und St. Paul. Vor allem versucht Frey, die unsichtbaren Mauern zwischen den Nachbarschaften der Stadt einzureißen. Doch was der Tod George Floyds ausgelöst hat, geht weit über die Grenzen seiner Stadt hinaus. Es ist ein Flächenbrand, wie 1968 nach dem Mord an Martin Luther King, der Mittelzentren und Millionenstädte von Küste zu Küste erfasst hat. In mehr als zwei Dutzend Städten herrscht der Ausnahmezustand, es gibt Tote, Verletzte und Tausende Festnahmen. Und ein Ende ist nicht in Sicht.
In Washington lösten am Montagabend Sicherheitskräfte eine Demonstration auf dem Lafayette-Platz vor dem Weißen Haus mit Tränengas und Gummigeschossen auf. Kurz darauf kündigte der US-Präsident im Rosengarten an, die Unruhen notfalls mit dem Militär niederzuschlagen. „So etwas haben die Leute noch nie gesehen“, drohte er. Donald Trump unternahm in seiner kurzen „Rede an die Nation“ nicht einmal den Versuch, an die Einheit der Amerikaner zu appellieren. Stattdessen benutzte er sein Auftauchen aus seinem Versteck im Weißen Haus, um sich als „Präsident von Recht und Ordnung“ zu verkaufen. Den Gouverneuren aus den 50 Bundesstaaten hatte er zuvor in einer Telefonkonferenz empfohlen, nicht zimperlich vorzugehen. Sie müssten die Demonstranten „dominieren“ und dürften sich nicht zu „Narren“ machen. Im Rosengarten ging er noch einen Schritt weiter. „Bürgermeister und Gouverneure müssen eine übermächtige Vollstreckungspräsenz schaffen, bis die Gewalt bezwungen ist.“ Ansonsten werde er das Militär einsetzen in ihren Bundesstaaten „und das Problem schnell für sie lösen“.
Ob der Präsident gegen den Willen der Gouverneure Truppen schicken kann, ist rechtlich umstritten. In der Regel darf das Militär im Inneren nicht eingesetzt werden. Die Ausnahme regelt der „Insurrection Act“ von 1807, der die Mobilisierung von Bundessoldaten zur Unterdrückung von „Aufständen“ und „Rebellionen“ erlaubt. Er gebe den „Möchtegern-Diktator“, kommentiert der CNN-Korrespondent Jim Acosta den bizarren Auftritt Trumps, dem ein Telefonat mit seinem Mentor Wladimir Putin vorangegangen war. Dazu passte die martialische Bildsprache. Der tagelang in einem Bunker unter dem Weißen Haus verschanzte Präsident schritt plötzlich mutig über den eben geräumten Lafayette-Platz. Umgeben von Schwiegersohn Jared Kushner, Tochter Ivanka, Verteidigungsminister Mark Esper, Berater Stephen Miller und Justizminister William Barr.
Ziel der weißen Phalanx war die mit Graffiti verschmierte „Kirche der Präsidenten“, in deren Keller es am Sonntag gebrannt hatte. Vor St. John’s postierte Trump mit einer Bibel für Fotos. „Wir sind das großartigste Land der Welt“, verkündete der Präsident. Die Bischöfin der Episkopal-Kirche Mariann Edgar Budde ist empört über den Missbrauch des Gotteshauses für die verstörende Inszenierung. Die Nation brauche in diesem Moment jemanden, der moralische Führungskraft zeige: „Er spaltet uns nur.“
Als Führer mit diesen Qualitäten hat sich der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo während der Covid-19-Krise profiliert. Er verzichte „dankend“ auf das Militär, erklärte Cuomo zu Trumps Auftritt. In New York, dem Epizentrum der Covid-19-Pandemie verhängten Gouverneur Andrew Cuomo und Bürgermeister Bill de Blasio eine Ausgangssperre. Beide Politiker sorgen sich darum, dass das tödliche Virus durch die fehlende soziale Distanz der Demonstranten in einer zweiten Welle zurückkommt. „Ich stehe hinter den Demonstranten und ihren Zielen“, sagte Cuomo, aber wenn er die Bilder von den Protesten sehe, „fürchte ich Hunderte und Hunderte neuer Infektionen“. Doch das ist nur die eine Seite. Die andere hat mit der Intensität der Wut zu tun, die die Sicherheitskräfte am Wochenende erstmals die Kontrolle über Stadt verlieren ließ.
Chaos herrscht auch in Atlanta, wo der Fall des Schwarzen Ahmaud Arbery frisch in Erinnerung ist, den im Februar bewaffnete Weiße umgebracht hatten. „Ich hätte nie gedacht, dass ich für die Anwesenheit der Nationalgarde dankbar bin”, sagt der Bürgerrechtler Timothy McDonald zur Gewalt, die in der Vorzeigestadt des schwarzen Amerika eine Spur der Verwüstung hinterlassen hat. Der Geistliche, der einmal an der Spitze der Southern Christian Leadership Conference stand, in der Martin Luther King aktiv war, glaubt, dass die Randalierer von außen kamen. „Das waren keine Leute von hier.“ Diesen Verdacht gibt es in fast allen Metropolen. Er richtet sich gegen das Netzwerk weißer Nationalisten und Suprematisten, die im Internet kein Geheimnis daraus machen, einen Rassenkrieg anzetteln zu wollen. „Boogaloo“ oder „Big Igloo“ lauten die Codewörter dafür in der Szene. Verschiedene US-Medien berichten, wie deren in Hawaiihemden gekleidete Anhänger sich unter die Demonstranten mischten und Gewalt ausübten. Wie real das ist, zeigt die Festnahme eines jungen Rechtsextremisten in der Hauptstadt der Countrymusik Nashville, der sich nun wegen zweifacher Brandstiftung verantworten muss.
Wer in Louisville im Kohlestaat Kentucky in der Nacht zum Montag auf einem Parkplatz im West End auf die Polizisten geschossen hat, kann auch niemand sagen. Sicher ist nur, dass David McAtee (53), ein Nachbarschaftsaktivist und Restaurantbesitzer tot ist. Getroffen von einer Polizeikugel. „Mein Sohn hat niemandem etwas getan“, klagt seine Mutter Riley über den Tod ihres Sohnes, der in seinem Restaurant die Polizei umsonst verköstigte. „Und jetzt haben sie ihn getötet“, sagt sie.
Louisvilles Bürgermeister Greg Fischer verspricht, der Sache auf den Grund zu gehen. Dabei ist nicht einmal klar, ob überhaupt jemand auf die Beamten geschossen hat, wie Polizeichef Steve Conrad behauptet. Oder dies nur eine Schutzbehauptung für den Waffengebrauch gegen die Menschenmenge war, die sich nicht an eine verhängte Ausgangssperre gehalten hatte. Herausfinden lassen wird sich das nur schwer, weil die Polizisten bei ihrem Einsatz die Körperkameras abgeschaltet hatten. Anlass für den Bürgermeister, den umstrittenen Polizeichef zu feuern, den Bürgerrechtler auch für den Tod Breonna Taylors im März verantwortlich machen. Schon damals kam es in Louisville zu Unruhen: Polizisten in Zivil drangen mitten in der Nacht ins Haus der Rettungshelferin ein, ihr Freund schoss in Notwehr auf die Eindringlinge, die feuerten zurück und töteten die junge Frau, die tagsüber gegen Covid-19 im Einsatz war. Drogen fanden die Beamten ebenso wenig wie die Person, die sie eigentlich suchten. Die Ermittler hatten sich schlicht vertan.
Unter den Protesten gibt es auch ermutigende Zeichen von Zivilcourage. Polizisten, die spontan ein Knie beugen, um sich mit den Demonstranten zu solidarisieren. Oder den Sheriff von Flint, Christopher R. Swanson, der in dem von Rassenkonflikten geplagten Michigan seinen Helm und Knüppel ablegte. „Wir wollen für euch da sein“, versicherte er den Demonstranten. „Ich möchte das zu einer Parade machen“, versprach er der Menge, die „Geh mit uns“ skandierte. Swanson tat, was er sagte, setzte sich an die Spitze des Marschs. „Ich liebe euch Leute“, versicherte der Sheriff. „Die Polizei liebt euch.“