SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück macht Wahlkampf, auch unter freiem Himmel. Doch vor der Bundestagswahl wird nichts dem Zufall überlassen. Ein eigens für ihn angefertigter überdimensionaler Schirm soll vor Regen und Gewitter schützen.
Berlin/Hamburg - Wer in Deutschland regieren will, strebt nach Höherem – im ethisch-moralischen Sinne und machttaktisch sowieso. Deshalb muss es einen nicht wundern, dass die Kanzlerin und ihr Herausforderer sich dieser Tage beim Begehen verschiedener Höhenwege im Gebirge haben ablichten lassen. Das Kanzleramt ist nun einmal der Gipfel der Macht in diesem Land. Dass es im Wahlkampf ratsam ist, auch die umgekehrte Richtung nicht zu vernachlässigen, ist für die Kampagnenmacher aller Lager aber ebenfalls eine Binsenweisheit. Wann, wenn nicht vor der jeweils nächsten Wahl, ist es Zeit, dass die hohe Politik raus aus den Ministerien, raus aus dem Plenarsaal und runter von dem roten Teppich strebt, der ihr während des laufenden Regierungs- und Oppositionsgeschäfts gar nicht so selten ausgerollt wird?
Die Bundestagswahl, erklärt in einer interaktiven Infografik (zum Vergrößern klicken):
Für die Kampagne der Sozialdemokraten hat das bei dieser Bundestagswahl ganz praktische Folgen. Kanzlerkandidat Peer Steinbrück sucht im Wahlkampf die Augenhöhe mit dem Souverän. Nicht von oben herab – also auf einer Bühne stehend – will er seine Wahlreden halten. Steinbrück klettert runter vom Sockel und nimmt seinen Standpunkt an der Basis ein. Diesen Schritt hätte ihm sicher nicht jeder zugetraut, der Steinbrück in früheren Stationen seiner Karriere als mindestens selbstbewussten und bisweilen durchaus zur Arroganz fähigen Bundesfinanzminister oder Ministerpräsidenten erlebt hat.
Aber die Zeiten ändern sich, und die Anforderungen ebenso. Jetzt sucht Steinbrück, das suggeriert die Inszenierung, jedenfalls die Begegnung mit seinesgleichen. Ein hübsches, kegelförmiges Zeltdach, das ein wenig an das Berliner Sony-Center erinnert, überdacht seine Veranstaltungen und soll wenigstens einen Teil der Zuhörer beschirmen, falls der Rekordsommer während des langsam warm laufenden Wahlkampfs doch mal wieder eine Gewitterpause einlegen sollte. Das Zeltdach ohne Bühne drunter haben die Sozialdemokraten in drei verschiedenen Größen eigens für Steinbrücks Auftritte konstruieren lassen. Es aufzustellen dauert einen ganzen Tag – sage niemand, dass der SPD die Botschaft dieses Raumarrangements nebensächlich ist. Am Donnerstag ist der Schirm erstmals am Hamburger Michel im Einsatz, wo Steinbrück seine „Klartext Open Air“-Veranstaltungsreihe startet. Die Hinwendung zum Wahlbürger unten an der Basis soll für ihn aber im Endeffekt natürlich auch nur in eine Richtung führen: dahin wo die Macht angesiedelt ist.
Oben-unten-links-rechts: Was die politische Orientierung anlangt, hat der österreichische Sprachexperimentalist und Lyriker Ernst Jandl schon vor vielen Jahren eine ewige Wahrheit in wunderbare Worte gefasst: Dass es ein Irrtum sei, anzunehmen, man könne „lechts“ und „rinks“ nicht verwechseln. Heute wissen wir: Das gilt für „onten“ und „uben“ auch.