Die Rapperin Juju im Wizemann Rotzige Erfahrungen einer Großstadtgöre

Von Swantje Kubillus 

Die Rapperin Juju feierte im Wizemann ihr Solodebüt „Bling Bling“. Es fliegen Konfetti und BHs.

Erkältet,  aber gut drauf: Juju im Wizemann Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone 12 Bilder
Erkältet, aber gut drauf: Juju im Wizemann Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Stuttgart - Warum Juju gefällt? „Weil sie authentisch ist“, sagt ein weiblicher Fan nach dem Konzert, und jemand anderes sagt, „ihre Texte sind einfach gut und wahr“. Zweifellos ist die Rapperin Juju, die 1992 als Judith Wessendorf in Berlin zur Welt kam, derzeit unglaublich angesagt. Erst Anfang November gewann sie bei den MTV Europe Music Awards den Preis für den besten deutschen Act und setzte sich damit gegen Annen May Kantereit, Marteria und Casper, Luciano und Rammstein durch.

Am Samstagabend feierte die 26-jährige Neuköllnerin im ausverkauften Wizemann vor 1300 Fans ihr Solodebütalbum „Bling Bling“ ab. Obwohl sie wegen einer Erkältung leicht angeschlagen und heiser war, wirbelte sie eine gute Stunde nonstop über die Bühne. Zwischendurch musste sie zum Tee greifen, der allerdings – Juju eben – mit Whisky angereichert war. Immer wieder forderte sie zum „Moshpit“ auf, einem Kreis in der Saalmitte, in dem wild getanzt wird. Der „Bling“ kam aus Konfetti-Kanonen, in Silber und Gold, oder aus riesigen seifenblasenartigen Bällen, die durchs Publikum flogen und irgendwann platzten. Der Schalldruckpegel lag bei guten 104 Dezibel. Fünfzig sind fürs menschliche Ohr angenehm, bei 130 wird die Schmerzgrenze überschritten.

Von Party zu Party

Neben neuen Songs wie „Hi Babe“, „Vermissen“ und „Live Bitch“ spielte Juju auch zwei Medleys mit Stücken aus ihrer Zeit bei SXTN. Das meiste an diesem Abend läuft im Halb-Playback – auch Henning Mays Gesang (Annen May Kantereit) bei „Vermissen“.

Das Hip-Hop-Duo SXTN (sprich „Sikstn“) bestand zwischen 2014 bis zur Auflösung der Band 2019 aus Juju und der Rapperin Nura. SXTN verursachten allgemeine Aufregung wegen ihrer provokativen Texte, die von Beschimpfungen und Fäkalsprache durchzogen sind. Gerade das machte die Band vor allem beim jüngeren Publikum attraktiv. Oftmals geht es um Drogen, Alkohol, Probleme in der Schule, mit den Eltern oder mit dem Freund. Bei zu viel Stress sei es am besten zu rappen. Ein Stück wie „So high“ hält jedenfalls, was der Titel verspricht.

Es sind zur Abwechslung junge Frauen, die hier mit ihrer Girls-Gang „von Party zu Party“ ziehen, Alkohol trinken, kiffen und sich dabei nicht von Männern dumm anmachen lassen wollen, sondern einfach die Sau rauslassen und die anderen vorführen. „Scheiß auf die Arbeit, scheiß auf dein’ Chef/Wir gehen feiern, brauchen kein Cash/Gib mir ’ne Kippe, gib mir dein Bier“/Die Nacht ist jung, denn es ist grad mal um vier“, lautet zum Beispiel einer ihrer Verse. Die Rapperinnen schildern in ihrer Musik ihre Erfahrungen als Berliner Großstadtgören, Erfahrungen aus dem Jugendclub und von der Straße. Dabei nehmen sie kein Blatt vor den Mund. Sie trauen sich also etwas. Texte und Musik sind einfach gestrickt und animieren zum Mitrappen. Am Konzertabend im Wizemann steht in den hinteren Reihen manche Mutter, die auf ihre Tochter wartet, die sich gerade im „Moshpit“ befindet.

Und die Kamera ist mit dabei

Als Grund für die Trennung von SXTN heißt es, man hätte sich auseinandergelebt. Auch Nura ist jetzt mit Soloprojekten unterwegs, häufig als Feature von anderen Deutschrappern. Juju verzichtet als Solokünstlerin auch nicht auf die Derbheit früherer Tage, sie hat sich aber mehr dem Pop zugewandt und klingt nun wohliger, als es noch bei SXTN der Fall war. Nach etwa der Hälfte ihres Konzerts am Samstag fragt die Sängerin ins Publikum, wer zu ihr auf die Bühne kommen will, um mit ihr den nächsten Song „Deine Mutter“, das erste Lied von SXTN, zu singen. Sie muss nicht lange warten, und Lena heißt die glückliche Auserwählte, die auf die Bühne darf. Gemeinsam zelebrieren sie den Song. Auch die Zugabe „Vermissen“ lässt Juju komplett von ihren Fans singen. Die Smartphones dienen als Lichtermeer. Dann fliegen zwischendurch BHs auf die Bühne. Auch das gehört bei einem Juju-Konzert einfach dazu. In einem sei angeblich ein Joint versteckt. Die Sängerin freut sich darüber. Vielleicht hilft es bei der Genesung, meint sie scherzhaft. Eine weitere Zugabe gibt es: „Live Bitch“. Ein Song über ihren Erfolg als Rapperin. Einen Großteil des Auftritts wird Juju wie immer von einem Kameramann begleitet. Livemitschnitte von den ebenfalls aus­verkauften Konzerten in München, Dresden und Leipzig befinden sich bereits auf Instagram – das gehört inzwischen zum ­Geschäft.

Jujus Song „Hi Babe“ ist ein Cover des Songs „Dilemma“ des US-Rappers Nelly. „Dilemma“ hat er 2002 zusammen mit der R-&-B-Sängerin Kelly Rowland (ehemals Destiny’s Child) aufgenommen. Das Lied wurde damals mit einem Grammy und international mehrfach mit Gold und Platin ausgezeichnet. Nelly zu Ehren wird der Refrain auch am Samstagabend angespielt: „No matter what I do/All I think about is you.“