InterviewDie Rekordweltmeisterin vor der WM im Interview Warum manche Biathleten Magdalena Neuner aus dem Weg gehen

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Keine deutsche Biathletin war erfolgreicher als Magdalena Neuner. Heute arbeitet sie immer wieder für die ARD als TV-Expertin, wo es ihr mal mehr, mal weniger schwerfällt, unangenehme Fragen zu stellen.

Magdalena Neuner wird heute noch immer gerne von Journalisten befragt – und sie selbst nimmt vor den TV-Kameras ihre Ex-Kollegen ins Kreuzverhör Foto: dpa/Matthias Balk
Magdalena Neuner wird heute noch immer gerne von Journalisten befragt – und sie selbst nimmt vor den TV-Kameras ihre Ex-Kollegen ins Kreuzverhör Foto: dpa/Matthias Balk

Stuttgart - Magdalena Neuner ist mit zwölf WM-Titeln Rekordweltmeisterin, nach ihrem Rücktritt 2012 wurde sie Mutter und arbeitet heute als TV-Expertin. Eine Rolle, die ihr viel Spaß bereitet, die aber auch ihre Tücken hat, wie sie im Interview verrät.

Frau Neuner, sind Sie bereit für die WM?

Ja, aber ich werde erst in der zweiten Woche ab dem 17. Februar vor Ort sein.

Fahren Sie beruflich oder privat?

Nur beruflich, privat besuche ich keine Biathlon-Wettbewerbe mehr. Von Mittwoch an bin ich dann für die ARD im Einsatz als Expertin vor der Kamera, daneben habe ich noch einige Termine mit Sponsoren und ich werde bei einigen Events am Abend dabei sein. Mir macht die Arbeit als Expertin großen Spaß, ich verstehe mich mit Michael (Antwerpes, ARD-Redakteur, d. Red.) sehr gut. Ich glaube, das kommt auch am Fernseher so rüber, dass wir ein gutes Team sind. Ich finde diese Sicht aus der Medienwelt richtig spannend – zum einen auf der anderen Seite zu stehen und wieder näher dran zu sein am Biathlon, zum anderen aber mit der nötigen journalistischen Distanz die Sache zu betrachten.

Da müssen Sie auch kritisch sein, ich denke da an den ziemlich schlechten Saisonstart der Deutschen.

Erinnern sie mich bitte nicht. Aber es hilft ja nichts …

Wie schwer fällt es, den ehemaligen Kollegen unangenehme Fragen zu stellen?

Ich versuche objektiv zu sein, mich aber trotzdem in den Sportler hineinzuversetzen. In mir schlägt ja doch noch ein Sportlerherz und ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn der Wettkampf nicht so gut gelaufen ist und alle auf einem herumtreten. Aber letztendlich muss man ganz klar sagen, wenn etwas nicht gut war. Ich finde es gut, dass die meisten unserer Sportler kritikfähig sind, ich denke da etwa an Erik Lesser, der nach einem schlechten Wettkampf selber ziemlich deutliche Worte äußert. Der dazu stehen kann, wenn der Tag nicht gut gelaufen ist. Das macht es uns natürlich etwas einfacher, wenn wir solche Sätze aufgreifen können. Schwierig wird es, wenn es bei den Mädels schlecht gelaufen ist, und eine dann vor der Kamera sehr emotional wird. Dann wird es schwieriger, den richtigen Ton zu treffen.

Gelingt Ihnen das?

Es gibt immer welche, die fordern, wir müssten noch kritischer sein und andere, die uns vorwerfen: Warum tretet ihr immer auf den armen Sportlern rum? Man wird nie alle glücklich machen können, das kennen Sie in Ihrem Job ja auch.

Bringen die Athleten Ihnen Verständnis für Ihre Aufgabe entgegen? Unterhalten Sie sich gelegentlich mit ihnen darüber?

Ich suche nicht direkt das Gespräch, weil ich weiß, dass sie nach dem Wettkampf am liebsten schnell weg von der Bildfläche wollen. Ich möchte nicht diejenige sein, die immer wieder hinterher kommt und reden will. Ich spüre schon Unterschiede. Es gibt Sportler, mit denen kann ich mich ungezwungen unterhalten und es gibt welche, die gehen mir schon mal gerne aus dem Weg. Aber ich verstehe das.

Auch Laura Dahlmeier hat die Seiten gewechselt. Vom Biathlon-Star zur Biathlon-TV-Expertin.

Ja, ich habe mich mit ihr natürlich darüber unterhalten. Sie sagt, sie findet es total spannend, jetzt auf der anderen Seite zu stehen und dass sie viele jetzt auch in einem anderen Licht betrachtet. Laura war als Athletin ja auch eine, die die Medien eher gemieden hat und nicht immer Verständnis für die Belange der Reporter aufgebracht hat, wie die die Dinge beurteilt haben. Ich glaube, wenn man ehemaliger Sportler ist, tut es immer weh, wenn man als Experte kritisch sein und unangenehme Fragen stellen muss.

Zu Saisonbeginn haben sich die deutschen Fans entsetzt die Augen gerieben, in Östersund und Hochfilzen stand fast das ganze Team neben sich. Wurde im Sommertraining etwas falsch gemacht?

Das ist aus der Ferne schwer zu beurteilen, es hat ja jeden Sportler unterschiedlich betroffen. In Pokljuka hat Denise Herrmann erklärt, dass das schnelle Schießen für sie nicht der Weg zum Erfolg ist, Franziska Preuß dagegen ist eine, die am Schießstand sehr gute Zeiten hinlegt. Man kann das nicht allgemein beurteilen. Ich finde es grundsätzlich gut, wenn Trainer etwas Neues ausprobieren und neue Impulse setzen – wir hatten Zeiten, wo Dinge immer gleichgeblieben sind, weil nie einer den Mut hatte, etwas zu wagen. Sobald man feststellt, dass dies bei manchen nicht passt, macht man eben wieder die Schritte zurück. Deshalb muss man doch nicht gleich neue Trainer fordern, wenn es mal nicht so läuft.

Das ist der Fußball-Reflex.

Genau. Es hängt von so vielen Faktoren ab. Etwa, dass Franziska Preuß immer wieder mit Krankheiten kämpft oder Vanessa Hinz ihrer Laufform hinterher läuft. Man müsste jeden Einzelnen analysieren, sonst macht man es sich viel zu leicht, wen man einfach die Trainer auswechselt. Ich bin zuversichtlich für die WM, die Tendenz zeigt nach oben.

Auch Denise Herrmann, von Bundestrainer Mark Kirchner als die Frontfrau bezeichnet nach Laura Dahlmeiers Rücktritt, hat in die Spur gefunden. Sie kennen das, wenn alle Welt auf einen blickt.

Diese Rolle auszufüllen ist nicht einfach. Denise ist ein der wenigen, die damit umgehen kann; sie ist eine, die sehr selbstbewusst ist, die sympathisch rüberkommt und die auch vor der Kamera eine gute Figur abgibt und gut reden kann – das sind ja auch Dinge, die dazugehören. Man muss das ganze Paket mitbringen. Sie hat eine klasse Entwicklung hinter sich. Sie ist vom Langlauf gekommen, ist Weltmeisterin geworden – ihre Geschichte passt zu einer, die als Frontfrau vorausgeht. Denise kann das, da mache ich mir keine Sorgen.

Bei den Männern haben wir Ex-Weltmeister Simon Schempp, der seit mehr als einem Jahr in einem Loch steckt.

Das ist ganz schwierig. Ich glaube, er sucht selbst nach dem Grund für seine Misere. Er ist mit 31 nicht mehr ganz jung, aber im Biathlon gab es deutlich ältere, die noch in der Spitze dabei waren, etwa Ole Einar Björndalen. Es sind im deutschen Team mit Johannes Kühn und Philipp Nawrath die Jungen nachgedrängt, da tut mir Simon ein bisschen leid. Ich denke, es war richtig von ihm, aus dem Weltcup auszusteigen und sich ganz auf sich selbst zu konzentrieren.

Bei den Männern findet ein Generationswechsel statt.

Eine wirklich positive Entwicklung, natürlich nicht einfach für die Älteren, aber jemand wie Arnd Peiffer muss sich keine Gedanken machen, er gehört zur Weltspitze. Aber das Team bei den Herren ist sehr geschlossen, da könnte man immer einen auf die Top-drei setzen – einer schafft das. Peiffer, Kühn, Nawrath und Benedikt Doll, sie alle waren schon ganz vorne dabei. Das ist eine Luxussituation, da herrscht eine eher entspannte Atmosphäre als bei den Damen, wo man sich fragt: Was kommt da nach?

Es gab doch einige Wechsel, es war immer mal wieder eine Neue dabei.

Ja, und man darf nicht gleich zu viel erwarten. Als ich zum ersten Mal im Weltcup gelaufen bin, war ich auf Rang 41 unter ferner liefen. Es ist schwer, wenn man aus dem IBU-Cup kommt und das Niveau im Weltcup plötzlich um drei Klassen besser ist. Da muss man den jungen Mädchen schon ein bisschen Zeit lassen, um reinzuwachsen.

Die deutschen Fans erwarten gute Leistungen – da wird Zeit zum Luxusgut.

Natürlich, aber eine wie Janina Hettich muss sich da keine Gedanken machen. Für sie ist es toll, zur WM zu fahren. Ich kann mich gut hineinversetzen. Als ich 2007 zum ersten Mal bei einer WM war, da bin ich völlig ohne Druck hingegangen – da hatten wir Kati Wilhelm, Martina Glagow und Andrea Henkel.

Die WM war in Antholz und Sie brachten als Neuling drei Goldmedaillen mit.

Das muss nicht der Maßstab sein. (Lacht.) Jetzt schauen die Fans auf Denise Herrmann und Franziska Preuß, so dass die Jungen unbeschwert an den Start gehen können. Ich sage: Gebt den Jungen Zeit, auch wenn wir in der Vergangenheit im Biathlon verwöhnt wurden. Die Norweger hatten auch magere Jahre, jetzt sind sie wieder dominant.

Extrem dominant. Wie schlägt man Johannes Thingnes Bö und Tiril Eckhoff?

Ich finde, dass unsere Jungs absolut das Niveau haben, mit Johannes Thingnes Bö mitzukämpfen – es gab schon einige Schlussrunden, in denen er nicht die Nase vorn hatte. Auch wenn Johannes oft läuft wie in einer anderen Liga, ein Saisonhöhepunkt wie Olympia oder eine WM hat immer eigene Gesetze. Auch Stars stehen mal mit dem linken Fuß auf.

Auch Sie haben in Ihren besten Zeiten nicht jeden Wettkampf gewonnen.

Da haben Sie recht. Aber das macht Biathlon aus. Dass man vor dem letzten Schießen nicht weiß, wer gewinnt. Es gibt immer Überraschungen, bei einer WM passieren oft Dinge, die man nie für möglich gehalten hat. Da kann man spekulieren wie man möchte – erst am Ende ist man schlauer.

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