Die riesigen 360-Grad-Bilder von Louis Braun Braun zeigt den Augenblick der Entscheidung

Reportage: Robin Szuttor (szu)
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In allen Bildern geht es um Krieg. Die Schlachten von Sedan, Weißenburg oder Mars-la-Tour sind längst geschlagen, doch in den Köpfen der Menschen sind sie immer noch präsent. Viele Veteranen erkennen sogar markante Geländeabschnitte und Kampfszenen wieder. Wenn Braun eine Schlacht nicht selbst miterlebt hat, recherchiert er penibel nach, befragt Offiziere, macht sich vor Ort ein Bild von der Landschaft und den Lichtverhältnissen. Als Motiv wählt er immer den Augenblick der Entscheidung. Der Betrachter soll schon erkennen können, wer den Kampf gewinnt: „Der letzte Moment ist der gewaltigste.“

Mit der Schlacht bei Villiers (94 auf 10 Meter) gastiert er 1890 in Stuttgart. Dafür wird im Stadtgarten neben der Garnisonskirche eine Kuppelhalle gebaut, ein Modell davon ist jetzt in der Haller Ausstellung zu sehen. Der Besucher schreitet damals von der Kasse durch einen langen, dunklen Gang, geht die Treppe hinauf zur Plattform und steht mitten in der Schlacht. Segel lenken das spärliche Tageslicht wie Scheinwerfer auf das Rundbild. So wirken die teils lebensgroß gemalten Figuren noch imposanter. An manchen Stellen ragen Gipshände oder echte Waffen aus der Leinwand. Pferdegeschirre, Grabendolche, Mündungsfeuer blitzen und blinken, weil Braun Blattgold oder Zinnfolie in die Bilder einarbeitet.

Der Bereich zwischen Leinwand und Plattform ist mit Erdreich aufgeschüttet, darin liegen Rüstungsteile verstreut, ausgestopfte Tiere, Steine. Bei einem Bild, das einen Aufruhr im kolonialisierten Kamerun zeigt, lässt Braun Palmen aufstellen und die Halle auf Tropenhitze hochheizen. Eine Dampfmaschine treibt die Luftfeuchtigkeit auf Dschungelniveau. Nass geschwitzt kommt der Besucher aus dem Rebellenkampf. Das nennt man Kunsterlebnis.

Anderthalb Tonnen schwer und auf drei Rollen gewickelt

Die Schlacht bei Murten ist das einzige erhaltene Panorama Brauns, alle anderen sind verbrannt oder verschollen. Jahrzehntelang lagert das anderthalb Tonnen schwere Werk auf drei Rollen gewickelt im Bauhof der Schweizer Kleinstadt. Zur Landesausstellung 2002 soll es noch mal einen großen Auftritt bekommen. Eine Stiftung wird gegründet, um den kühnen Plan umzusetzen und das Bild – Schimmel, Dreck und Nagerfraß haben ihm arg zugesetzt – wieder herzurichten. Schließlich ist es so weit: In einem von dem Star-Architekten Jean Nouvel entworfenen Kubus auf dem Murtensee geht die alte Schlacht noch einmal über die Bühne. Das Bild hat nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Wie hundert Jahre zuvor strömen Zigtausende herbei.

Louis Braun ist durch seine Panoramen ein schwerreicher Mann geworden. Mit seiner zweiten Frau, der Göppinger Fabrikantentochter Marie Bürger, verbindet ihn eine innige Liebe. Sie reisen viel, geben Gesellschaften, laden zu Konzerten auf die mittelfränkische Burg Wernfels, die Braun gekauft hat. Schwäbisch Hall, wo seit 1906 eine Gedenktafel sein Geburtshaus ziert, bleibt er eng verbunden. Zeitlebens gehört er dem Historischen Verein für Württembergisch Franken an. Ein Traditionalist. Ein Kind seiner Zeit – auch künstlerisch. Dem Impressionismus, der allerorts en vogue ist, kann er wenig abgewinnen. Er hält seiner Historienmalerei die Treue.

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