Die Rolle der Eltern in der Bildung „Eltern müssen schlucken, was die Politik entscheidet“

Spaß bei den Hausaufgaben: Nicht immer läuft es so vergnüglich. Foto: Adobe Stock/Konstantin Yuganov

Sebastian Kölsch, der Vorsitzende des baden-württembergischen Landeselternbeirats, hält wenig von den Mahnungen des Ministerpräsidenten, der die Eltern für die Bildung der Kinder in die Pflicht nimmt.

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Kürzlich hat Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sich erneut zur Rolle der Eltern bei der Bildung der Kinder geäußert. Diese hätten die Pflicht, den Bildungswillen der Kinder zu fördern. Und die Erziehungspartnerschaft von Eltern und Schulen müsse durch gegenseitigen Respekt zwischen Eltern und Lehrkräften geprägt sein. Sebastian Kölsch, der Vorsitzende des Landeselternbeirats, hält wenig von solchen Mahnungen.

 

Herr Kölsch, dem Ministerpräsidenten ist es offenbar ein Anliegen, in der Bildungsdebatte immer wieder auch auf die Verantwortung der Eltern hinzuweisen. Werden die zumindest in Teilen ihrer Erziehungspflicht nicht gerecht?

Das Einzige, wozu Eltern nach meiner Ansicht eine Pflicht haben, ist, dass sie den Bildungswillen der Kinder fördern. Es gibt keine Zahlen darüber, ob sie das heute weniger tun als früher. Sie sind jedenfalls nicht in der Pflicht, schulisch nachzuhelfen, denn viele Eltern können das einfach nicht leisten.

Was ist unter der Förderung des Bildungswillens zu verstehen?

Dass man den Kindern beibringt, dass die Schule ein wichtiger, ernst zu nehmender Bestandteil ihres Leben ist. Ich sage meinen Kindern immer, die Schule ist eure Arbeit.

Schon 2023 hat der Ministerpräsident gemahnt, dass es von Elternseite teilweise an Kooperationsbereitschaft mangele.

Zu einer gelingenden Kooperation gehören immer zwei Parteien. Ich könnte auch sehr viele Fälle nennen, wo Eltern gerne in der Schule mithelfen wollen, daran aber durch Schule und Lehrkräfte gehindert werden. Was sich aber geändert hat, und das ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, dass es in der Regel eben nicht mehr einen Einverdiener-Doppeleltern-Haushalt gibt. Es gibt viele Alleinerziehende, die überwiegende Mehrzahl sind Doppelverdiener-Haushalte. Die Zeit, die ich als Elternteil zu Verfügung habe, um mich um die schulischen Belange meiner Kinder zu kümmern, ist kleiner geworden. Deshalb ist das Gefühl, dass die Zusammenarbeit zurückgegangen ist, wahrscheinlich valide. Aber nicht, weil kein Interesse besteht, sondern weil für die Eltern viel weniger die Möglichkeit besteht. Ich will aber nicht bestreiten, dass es Eltern gibt, die sich mehr kümmern könnten.

Elternvertreter Kölsch: „Fürs Vorlesen braucht man Zeit. Hier haben die Kinder sehr unterschiedliche Startmöglichkeiten, hier muss die Schule für einen Ausgleich sorgen.“ Foto: Privat

Könnte ein Grund sein, dass die Zahl der Kinder mit Migrationshintergrund stark zugenommen hat? Wer schlecht oder gar kein Deutsch kann, kann weniger kooperieren und seinen Kindern abends auch nicht vorlesen.

Bei der Sprachförderung ist Migration sicher ein wichtiges Thema. Da hat Baden-Württemberg, wie Studien zeigen, noch viel Nachholbedarf. Vorlesen im Elternhaus ist sehr wichtig, aber das Interesse am Lesen fördert man nicht nur, wenn man ein deutsches Buch vorliest. Auch die Eltern mit Migrationshintergrund lesen ihren Kindern vor. Aber auch fürs Vorlesen braucht man Zeit. Hier haben die Kinder sehr unterschiedliche Startmöglichkeiten, hier muss die Schule für einen Ausgleich sorgen.

Der Ministerpräsident meinte einmal, wenn zu Hause nicht vorgelesen werde, sei das in der Schule kaum einholbar.

Da bin ich definitiv anderer Meinung. Darum geht es ja: Diese Bildungsgerechtigkeit muss Schule versuchen herzustellen. Dass es eben nicht daran liegt, ob die Eltern vorlesen oder nicht. Alle Studien stellen fest, dass nahezu nirgendwo der schulische Erfolg mehr vom Elternhaus abhängig ist als in Baden-Württemberg. Gleichzeitig wird gefordert, die Elternhäuser müssten mehr machen. Damit würde man die Unterschiede ja nur noch verstärken. Diese Forderung und die Studienergebnisse passen so was von nicht zusammen. Da frage ich dann schon, warum es die Leseförderung „Leseband“ in der Grundschule erst seit dem Spätjahr 2023 gibt?

Die Rolle der Eltern ist für Sie kein Thema?

Ich gebe Eltern das Vorschussvertrauen, dass jeder in seinem Rahmen das Mögliche tut. Das soll heißen, dass viele Eltern wollen, aber nicht können. Dafür muss es einen Ausgleich geben. Die Eltern sind das allerletzte Rad am Wagen. Die müssen schlucken, was die Politik entschieden hat.

Was muss getan werden?

Da reden wir über Ganztagsschulen, kleinere Klassen, besondere Sprachförderung für Kinder aus Migrationshaushalten, einen anderen Klassenteiler an Brennpunktschulen. Und ein verpflichtendes Vorschuljahr wäre sicher sinnvoll, dann können die Kinder, wenn sie in die Schule kommen, wenigstens alle die Unterrichtssprache verstehen.

Zum Thema Respekt zählt der Ministerpräsident auch, dass die Eltern die Grundschulempfehlung, die ja schon seit längerem nicht mehr verbindlich ist, auch akzeptieren.

Man weiß, wie viele Eltern sich nicht an die Grundschulempfehlung halten. Das ist ein Problem. Zum Schuljahr 2022/23 haben an Realschulen, da ist es am deutlichsten sichtbar, nur 53 Prozent, also gut die Hälfte der Kinder auch eine Realschulempfehlung, 22,2 Prozent hatten eine niedrigere Empfehlung. Aber 24,2 Prozent hatte auch eine höhere Empfehlung, das darf man nicht außer Acht lassen. Auf die Realschule kommen knapp ein Viertel der Schüler mit einer niedrigeren Empfehlung, beim Gymnasium waren es elf Prozent. Doch die oft folgenden Abschulungen – ein Wort, das ich nicht mag – gehen nicht nur auf Fehlentscheidungen der Eltern zurück, sondern auch auf Fehlempfehlungen der Lehrkräfte. Die Grundschulempfehlungen fürs Gymnasium durch Lehrkräfte ist in den vergangenen Jahren beständig nach oben gegangen, 2005 waren es 44 Prozent, 2022/23 schon 50,3 Prozent.

Wie Sie auch sagt Kretschmann, es brauche mehr Ganztagsschulen. Gegenüber dieser Schulform gebe es jedoch eine große Zurückhaltung.

Man hat in den vergangenen Jahren im Land zu wenig gemacht, um die Ganztagsschule den Leuten schmackhaft zu machen. Und damit meine ich ausdrücklich nicht nur die Eltern, sondern auch die Lehrkräfte. Nicht ausschließlich die Eltern waren hier die Bremser, sondern auch viele Lehrkräfte. Die Politik hätte sagen müssen, das ist, aus vielen Gründen, die Zukunft. Im Bundesschnitt liegt der Anteil der Ganztagsschule im Primarbereich bei 70 Prozent, in Baden-Württemberg sind wir aber nur bei um die 20 Prozent. Das kann nicht daran liegen, dass die baden-württembergischen Eltern anders gestrickt sind als in anderen Bundesländern. Man hat das hier einfach nicht mit der Verve verfolgt wie andere Bundesländer. Das ist aber eines der Schlüsselthemen, wenn es um Bildungsgerechtigkeit geht.

Der Elternvertreter

Sebastian Kölsch (46)
stammt aus Freiburg, wo er mit seiner Familie auch lebt. Er hat zwei Kinder im Alter von zehn und 14 Jahren. Er ist freiberuflich als Berater im Digitalmarketing tätig.

Vor seiner Wahl
zum Vorsitzenden des Landeselternbeirats war er sechs Jahre an einer Grundschule im Elternbeiratsvorsitz und drei Jahre im Vorstand des Freiburger Gesamtelternbeirats aktiv.

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