Die Rückkehr der Geier Hungrig auf dem Durchflug

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Tierschützer wollen den Geier wieder in Baden-Württemberg ansiedeln. Für das Donautal oder das Biosphärengebiet Münsingen wäre er eine tolle Attraktion, finden sie. Doch das Umweltministerium hält nichts davon.

Für die einen ein Geschenk des Himmels, für andere eher ein Problem: der Gänsegeier im Anflug. Foto:  
Für die einen ein Geschenk des Himmels, für andere eher ein Problem: der Gänsegeier im Anflug. Foto:  

Sigmaringen - Wenn aufgefressen ist, geht Alois Klett zu seiner Tiefkühltruhe. Was soll es heute sein? Fuchs, Dachs oder Reh hat er zur Auswahl. Er nimmt etwas heraus und schneidet ein Stück ab. „Ein ganzer Kadaver wäre zu viel.“ Einige Kilo dürften es aber schon sein. Das Fleisch legt er am Abhang unterhalb seines Hauses in Hausen im Tal bei Beuron aus. Uhus, Milane oder durchziehende Wespenbussarde sind dort zu Gast. Geier habe er aber auch schon gesehen. Sie schwebten am Hang entlang. Gelandet seien sie nicht, obwohl der sogenannte Luderplatz eigentlich gerade für sie eingerichtet wurde. Doch die Vögel mit einer Spannweite von bis zu 2,70 Meter sind war riesig, aber auch furchtsam.

Den Platz, der vor sieben Jahren feierlich im Beisein des Sigmaringer Landrats im Donautal eingeweiht wurde, umgibt zum Schutz vor Füchsen ein Elektrozaun. Er ist 70 Meter breit und zieht sich 100 Meter ins Tal hinab. Dennoch sei er „einfach nicht ideal“, räumt Dieter Haas von der Geierschutzinitiative (Gesi) ein. Haus und Straße seien zu nah für die vorsichtigen Aasfresser. „Das sind zu viele Störungen.“

Eine Attraktion für die Biosphäre?

Haas gilt als führender Geierexperte im Südwesten. Regelmäßig fährt der 73-jährige pensionierte Frauenarzt mit seinem Auto von Albstadt (Zollernalbkreis) nach Beuron und bringt totes Wild, das der Bauhof am Straßenrand eingesammelt hat. Gerne würde er einen besser geeigneten Ort als Luderplatz ausweisen. Speziell im Biosphärengebiet bei Münsingen gebe es ideale Stellen. Doch bis jetzt fehlt die Genehmigung. Dabei könne der sanfte Riesenvogel für die Biosphäre zur ersten echten Attraktion werden – und das fast zum Nulltarif. „Die Geier kommen als Geschenk des Himmels“, sagt Haas.

Dass der weltweit vom Aussterben bedrohte Vogel tatsächlich nach Jahrhunderten wieder angesiedelt werden könnte, davon ist Haas überzeugt. Durch verschiedene Schutzprojekte habe sich die Population von Spanien aus über Frankreich bis in die Alpen wieder erholt. Es brüteten schon erste Paare direkt hinter der Grenze. Regelmäßig würden Bart- und Gänsegeier, vereinzelt sogar Mönchsgeier bei ihrem Durchzug über Deutschland gesehen. Die letzte gesicherte Sichtung in Baden-Württemberg datiert von Anfang Juni. Da beobachtete ein Ornithologe bei Oberried (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald) in 150 Metern Höhe gleich fünf Exemplare.

Das Ministerium will die Geier nicht

Doch im grün geführten Umweltministerium in Stuttgart hält man von den Luderplätzen nicht viel. Das Land unterstütze Arten, die vom Aussterben bedroht seien, und auch solche, die auf natürliche Weise wieder einwanderten und vorhandene Lebensräume nutzten. „Für den Geier müsste dagegen permanent Nahrung bereitgestellt werden“, erklärt der Sprecher Frank Lorho. Tierkadaver müssten in der Landschaft liegen bleiben oder eigens ausgelegt werden. Erhebliche hygienische Probleme, Geruchsbelästigungen und Fliegenschwärme seien die Folge. Dabei sei nicht sicher, dass die Geier überhaupt im Land brüten würden. Üblicherweise bevorzugten sie weniger dicht besiedelte Gebiete in Spanien, Frankreich und den Alpen. „Das Land unterstützt die Ansiedlung von Geiern daher nicht“, betont der Ministeriums­sprecher.

Doch Haas und die Gesi lassen sich nicht entmutigen. Zum internationalen „Geier-Achtsamkeitstag“ am Samstag werben sie in Sigmaringen mit einer Informationsveranstaltung für die Rückkehr des Vogels. „Die Nahrungsgrundlage wird den Tieren doch durch die naturferne Entsorgung künstlich entzogen“, sagt Haas. Er erwartet, dass sich die Lebensgrundlage für die Geier auch durch die Rückkehr des Wolfs bessern könnte. Das Auftauchen des Raubtiers wird vom Land begrüßt. Schäfer denken da anders. Auch Alois Klett, der Geierfütterer aus dem Donautal, ist einer. Die Herde des 65-Jährigen zählt 450 Tiere. Der Wolf sei ein Problem, sagt er. Anders der Geier, „der räumt auf“.