Nach einer relativ ruhigen Nacht greifen am Morgen die radikalen Demonstranten an. Der Staat reagiert mit äußerster Brutalität: Scharfschützen strecken die Aktivisten nieder. Beide Seiten beklagen Tote. Auch Gefangene werden gemacht.
Kiew - Es ist neun Uhr morgens am Donnerstag, als in Kiew die Grenze überschritten wird. Die Grenze, das sind die Barrikaden aus Steinen, aus brennendem Holz und Autoreifen, die seit dem blutigen Dienstag die quer über den Maidan aufmarschierten Polizeieinheiten und Demonstranten voneinander trennten. Es war nicht friedlich gewesen seit dem Dienstag, aber es schien sich ein Status quo zu halten: Die Demonstranten werfen mit Steinen und Molotowcocktails, die Polizei antwortet mit Blendgranaten und Wasserwerfern. In der Nacht zu Donnerstag, nachdem Präsident Viktor Janukowitsch und die Oppositionsführer eine Waffenruhe erklärt hatten, war es im Zentrum der Stadt sogar etwas ruhiger geworden.
Warum die Maidan-Aktivisten am Donnerstag um neun Uhr die Barrikaden überrennen und auf die Polizisten zustürmen, ist unklar. Sind es die Radikalen, haben sie sich bewaffnet? Am Morgen sind Busse aus der Westukraine auf dem Maidan angekommen, dort wurde gestern eine Kaserne gestürmt, dabei wurden Waffen erbeutet. Am Donnerstag ist das Geschehen nur schwer zu rekonstruieren.
Die Einheiten des Innenministeriums und der Spezialpolizei Berkut sind von der Attacke völlig überrascht: Auf der Institutska-Straße hinter dem Hotel Ukraina werden in Panik die Polizeibusse gewendet, während einzelne Polizisten versuchen, den Abzug mit Gewehrschüssen auf die anstürmenden Aktivisten zu decken.
Innerhalb von Minuten verschwinden die Polizeieinheiten die Institutska-Straße hinauf, stattdessen fahren zwei Schützenpanzer auf. Und dann beginnt eine auch nach all den Gewalttaten der letzten Wochen bislang unvorstellbare Szene: Die Maidan-Aktivisten rücken in kleinen Gruppen aus zwei oder drei Mann, geschützt von Schilden, in Richtung der nächsten Barrikade vor, und dann fallen sie zu Boden und bleiben reglos liegen, von den Kugeln der Scharfschützen getroffen. Der Kampf ist ungleich, und doch wiederholen sich die Szenen stundenlang. Auf der Bühne des Maidan rufen die Redner die Menschen auf, nicht mehr auf den Hügel neben dem Ukraina vorzudringen – vergebens.
Im Hotel Ukraina wächst dagegen die Zahl der Toten und Verletzten: Im Foyer liegen am frühen Nachmittag zwölf Leichen, von Tüchern bedeckt. Der Boden im rechten Teil des Foyers ist blutverschmiert, immer wieder werden Verletzte hereingetragen. Durch die oberen Etagen des Hotels ziehen derweil mit Pistolen und Gewehren bewaffnete Maidan-Aktivisten, auf der Suche nach Scharfschützen, die angeblich immer noch aus einem Zimmer des Hotels auf die Menschen schießen. Aus dem 14. Stock ballern sie in Richtung der Barrikade auf der Institutska-Straße, wo sie ebenfalls Scharfschützen vermuten. Deren Antwort folgt prompt: Ein Schuss, eine Glasscheibe zersplittert, verletzt wird niemand.
Praktisch kampflos haben die Demonstranten die Gruschewski-Straße zurückerobert, jene im Januar so schwer umkämpfte Zufahrtsstraße zur Regierung und zum Parlament. Erst gestern hatte die Polizei hier aus massiven Betonklötzen eine Straßensperre errichtet – sie ist nun in der Hand der Demonstranten. Vielleicht zweihundert Meter die Straße hinauf blockieren Lastwagen und Busse die Durchfahrt. Von Polizeieinheiten ist weit und breit nichts zu sehen, aber auf dem Dach des Regierungssitzes sind mehrere Schemen auszumachen, vermutlich Scharfschützen. Die Szene ist gespenstisch: Jeder weiß, dass diese Scharfschützen jederzeit das Feuer eröffnen könnten. Noch gestern wäre das unwahrscheinlich gewesen, seit diesem Morgen ist alles möglich. Es ist auch alles möglich, weil die Demonstranten inzwischen mit Gewehren und Pistolen bewaffnet sind und schon in den vergangenen Tagen Gebrauch davon gemacht haben. Offenbar arbeiten auch auf der Seite der Demonstranten Scharfschützen, es könnten Veteranen des Afghanistan- oder des Tschetschenienkriegs sein.
Beim Sturm am Donnerstagmorgen wurden auch 67 Wehrdienstpflichtige der Innenministeriumstruppen gefangen genommen. Sie sitzen jetzt mit müden Gesichtern in einem Verwaltungsgebäude am Maidan, bewacht von Aktivisten. Ihr Kommandeur Timur Zoj berichtet, dass er am Mittwoch zwei Offiziere durch Schüsse verloren hat. „Es waren Kugeln vom Kaliber 16, aus Plastik mit Stahlspitzen. Damit macht man eigentlich Jagd auf Wildschweine“, erklärt er. Dass die Schüsse in den Hals trafen – wo die Soldaten ungeschützt sind – erhärtet für ihn den Verdacht, dass es sich um Scharfschützen gehandelt hat. Seit dem 1. Dezember haben Zoj und seine Leute auf dem Maidan gestanden und ihre Köpfe in den Stein- und Molotowhagel gehalten. „Am Anfang standen wir friedlichen Demonstranten gegenüber, aber in den letzten Tagen standen wir auf der Feuerlinie“, sagt Zoj. Für seine Truppe ist der Krieg nun erst mal vorbei. Für andere beginnt er gerade.
„Jetzt gibt es nur noch eines: Janukowitsch stürzen und dann seine ganze Bande vor ein Tribunal“, schimpft Alexander Rossoschanskij, ein Mann um die 50, am Nachmittag auf der Gruschewski-Straße. Verhandlungen mit Janukowitsch? Die europäischen Außenminister? Er schüttelt den Kopf. Der Eisenbahner aus der Stadt Winniza sieht die Grenze endgültig überschritten, auch für sich selbst: „Ich bin bereit, hier zu sterben.“
Dabei sind am Donnerstag schon so viele gestorben. Sie liegen rund um den Maidan, an der Barrikade auf dem Kreschatik-Boulevard etwa sind acht von ihnen auf Decken aufgebahrt, die Gesichter bleich, zum Teil blutverkrustet. Auf jedem Körper liegt eine weiße Rose, die vorübergehenden Menschen halten kurz inne und bekreuzigen sich, andere weinen. Von der Bühne schallen die Gesänge von Priestern herüber. Was vor genau drei Monaten mit friedlichen Protesten für eine Annäherung an die EU begonnen hat, hat sich am Donnerstag endgültig in einen bewaffneten Konflikt verwandelt.
Am Nachmittag steigt die Nervosität im Hotel Ukraina: Wieder durchkämmen maskierte Aktivisten das Hotel auf Scharfschützen, mit Pistolen im Anschlag. Beinahe kommt es zum Konflikt mit einem Aktivisten, der behauptet, das Gebäude schon am Morgen durchkämmt zu haben. Die Aktivisten filzen ihn. Andernorts lässt der ukrainische Innenminister Vitali Sachartschenko mitteilen, dass die Sicherheitskräfte von jetzt an Schusswaffen für den „Antiterror-Einsatz“ erhalten. Bald darauf erklärt der Verwaltungschef von Kiew, Volodimir Makijenko, er werde aus der Partei von Präsident Viktor Janukowitsch austreten. Seinen Schritt begründet er mit Kritik am Kurs Janukowitschs, der ihn ins Amt gehoben hatte. „Die heutigen Ereignisse in den Straßen der Ukraine sind eine Tragödie für das gesamte Volk.“