Die Schriftstellerin Kirsten Boie betont den Wert von Lektüre Schwierige Übung: Lesen lernen

Von  

Während der Bund mit den Ländern um den Digitalsierungspakt für Schulen und mehr Berliner Einfluss auf die Bildungspolitik ringt, macht sich die Hamburger Schriftstellerin Kirsten Boie ganz elementare Sorgen: Grundschüler in Deutschland können oft nicht gut lesen. Da hilft auch kein Tablet.

Idealer Zustand: Jugend liest! Foto: dpa-Zentralbild
Idealer Zustand: Jugend liest! Foto: dpa-Zentralbild

Stuttgart - Man darf mit dem Glück nicht drängelig sein“ heißt eines der vielen schönen Bücher, das wir Kirsten Boie, der Hamburgerin Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin, verdanken – aber eine Aufforderung zum Abwarten und Tee trinken war das nicht. Boie, früher mal Lehrerin am Mümmelmannsberg in Hamburg-Billstedt, einem sozialen Brennpunkt der Stadt, und ist immer aktiv geblieben, wenn es um das Wohl von Kindern ging, für die sie hauptsächlich schreibt und für die sie stets gestritten hat, zumal für die sozial Benachteiligten. Boies oberste Parole heißt: „Jedes Kind muss lesen lernen!“

Die Bildung: neu verhandelt?

So lautet die Überschrift einer von ihr verfassten Petition, die seit dem Sommer 120 000 Menschen unterschrieben haben. Morgen wird die Autorin, begleitet von der Vorsitzenden des PEN-Zentrums und des Hauptgeschäftsführers des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, damit bei der Bildungsministerin Anja Karliczek in Berlin vorstellig. Der Zeitpunkt könnte nicht passender sein, schließlich streitet der Bund gerade mit den Ländern über eine Grundgesetzänderung, die einher gehen soll mit dem so genannten Digitalpakt – und Berlin resultativ mehr Einfluss auf das Bildungswesen der Länder verschaffte.

Lesen und Digitalisierung

Der Digitalpakt umfasst unter anderem die Umrüstung der Schulen mit Ipads für alle, und genau an diesem Punkt setzt Boies Petition an: „Das Lesen darf nicht den derzeitigen (kosten)intensiven Bemühungen um die Digitalisierung der Schulen zum Opfer fallen.“ Boies Befürchtung, allein mit Tablets sei noch nichts gewonnen, findet ihren belegbaren Hintergrund in der IGLU-Studie von Dezember 2016, die auswies, dass ein Fünftel der deutschen Schüler in der vierten Klasse gar nicht begreift, was die Wörter im Zusammenhang sagen wollen. Deutschland befand sich auf einmal unter EU- und OECD-Durchschnitt. Boie fodert deshalb ein umstrukturiertes Schulwesen, mehr Lehrkräfte und Lesungen in Schulbüchereien, die diesen Namen verdienen. Ein Schulbibliotheksgesetz zum Beispiel steht in Deutschland, anders als in Skandinavien, aus. Lesenlernen, fordert die Hamburger Erklärung von Kirsten Boie, müsse wieder „in den Fokus der Bildungspolitik rücken“. Das klingt banal – ist es aber nicht.