Die Schwalbengarage Backnang feiert Kult ist, wenn es raucht, stinkt und knattert

Von anc 

Am Samstag feiert der Verein Schwalbengarage Backnang sein 15-jähriges Bestehen auf dem Sportplatz Strümpfelbach. Die 64 Mitglieder haben eine gemeinsame Leidenschaft: Zweiräder der Marke Simson.

Ein  ehemaliger Schweinstall Foto: Ines Rudel
Ein ehemaliger Schweinstall Foto: Ines Rudel

Backnang - Wenn Hardy Kunkel auf seinem ganz speziellen fahrbaren Untersatz durch Backnang kurvt, dann hat er „ein fettes Grinsen im Gesicht“ und die Aufmerksamkeit seiner Umwelt ist ihm sicher: „Alle drehen sich nach mir um, sogar die Hunde.“ Denn was da im Zwei-Takt unter dem 29-Jährigen knattert, stinkt und bisweilen gehörig raucht, ist kein gewöhnliches Mofa, sondern ein echtes Kultgefährt: eine Schwalbe.

„Rauchschwalbe aus Suhl“ ist ein Neckname des Mopeds, das die Firma Simson zwischen 1964 und 1986 im thüringischen Suhl hergestellt hat. Es ist nur ein Spitzname von vielen (siehe Artikel „Ein ganz besonderer Vogel“) – und ein Hinweis darauf, dass die Schwalbe und die übrigen Vögel aus dem Hause Simson – der Habicht, der Sperber und der Spatz – mehr sind, als ein Zweirad, das einen von A nach B befördert. Den Spatz übrigens konnte man im Westen zeitweise bei Neckermann bestellen.

Die Schwalbe sei „ein Moped für Individualisten“, finden die Mitglieder des Vereins Schwalbengarage Backnang, der am Samstag sein 15-jähriges Bestehen mit einem großen Fest in Backnang-Strümpfelbach feiert. „Wir werden sogar von Motorradfahrern gegrüßt, was einem als Mopedfahrer sonst eher nicht passiert“, erzählt der Vereinsvorsitzende Hardy Kunkel. Und Felix Armbrüster berichtet von einem Harley Davidson-Fahrer, der kürzlich neben ihm gehalten und angesichts seiner knatternden Schwalbe regelrecht ins Schwärmen geraten sei. „Er hat erzählt, dass er früher auch mal eine hatte.“

Das Vereinsheim war mal ein Saustall

Sein Vereinsheim hat der Club, dessen offizieller Sinn und Zweck die „Erhaltung der Schwalbe im öffentlichen Straßenverkehr“ ist, in einem ehemaligen Schweinestall im Backnanger Teilort Unterschöntal eingerichtet. „Ein Saustall ist es immer noch“, sagt Kunkel und grinst.

Aber einer mit Stil. An der einen Wand stehen Werkbänke Spalier, daneben zwei flügellahme Schwalben und ein Spatz sowie einige Kisten hopfenhaltigen Treibstoffs für die Schrauber. Von der Decke hängt ein rustikaler Kronleuchter, die Wände zieren Schwalbe-Poster, ein Gemälde mit Bergidylle und ein leerer Naturdarm. Letzterer ist das Überbleibsel einer speziellen Aktion der Schrauber. „Wir basteln nicht nur an Mopeds“, erklärt Claudia Fischer: „Wir haben auch viele Arbeitskreise. Der AK Hauswirtschaft hat vor einiger Zeit zum Beispiel selbst gewurstet.“

Für das Motto der 64 Vereinsmitglieder im Alter zwischen 17 und 50 Jahren braucht Jörg Müller nur einen Satz: „Alles, was du nicht selbst machst, ist scheiße.“ Dann stellt er die Anlage laut und aus den Boxen dröhnt der „Schwalbengaragensong“, den befreundete Musiker eigens für den Verein komponiert haben. Der Refrain der Hymne lautet: „Oh mei Schwalbe, I mog di wie verrückt, in meinem Fuhrpark bist du das beste Stück“.

Die Vorderbremse ist eine Fehlkonstruktion

Das beste Stück habe so seine Eigenheiten, zählt Felix Armbrüster auf: „Der Tank rostet, wenn man nicht immer voll tankt, und wenn die Schwalbe umfällt, dann ist der Blinker außen am Lenker kaputt.“ „Wenn der Vergaser nicht richtig eingestellt ist, dann gibt es eine Rauchwolke“, sagt Hardy Kunkel. Und dann sei da noch die Schwachstelle namens Bremsanlage, fügt Jörg Müller hinzu: „Die Vorderbremse ist eigentlich eine Fehlkonstruktion, die hätte man gar nicht einbauen müssen, weil sie sowieso nicht funktioniert – aber das akzeptiert man.“

Schließlich habe die Schwalbe auch viel zu bieten: ein „zeitloses Design“, an dem in all den Jahren kaum etwas verändert wurde, einen sparsamen Motor, außerdem sei die Technik recht simpel und elektronischer Schnickschnack, der Schraubern das Leben schwer macht, kaum vorhanden, erklärt Jörg Müller: „Mit Standardwerkzeug kommt man wirklich weit.“ Originalersatzteile sind laut Hardy Kunkel freilich kaum noch erhältlich, Bastler sind auf Nachahmungen aus Tschechien angewiesen. Deren Qualität sei leider miserabel, klagt Kunkel: „Ich habe Teile übers Internet bestellt, die waren nach ein paar Wochen verrostet.“

Ein weiterer Pluspunkt der Schwalbe: Der Fahrer braucht lediglich einen Autoführerschein, kann aber mit 60 Stundenkilometern düsen, also deutlich schneller als mit anderen Mopeds. „Damit zieht man am Berg jeden Roller ab“, berichtet Armbrüster: „Außer, man sitzt zu zweit drauf, dann überholen uns sogar Fußgänger.“