Die Scorpions vor ihrem Gig in der Schleyerhalle „Das Vernünftige liegt uns nicht so“

Rock you like a Hurricane: Sänger Klaus Meine (li.) und Gitarrist Matthias Jabs von den Scorpions Foto: imago//

Die Scorpions befinden sich mal wieder auf Welttournee, am 21. Mai spielen sie in Stuttgart. Sänger Klaus Meine und Gitarrist Matthias Jabs über Hafermilch, Besuche beim HNO-Arzt und die Rolling Stones als Vorbild.

Die Scorpions sind nicht unterzukriegen: Vor dem Start ihrer Deutschland-Tournee trauern Klaus Meine und Matthias Jabs um die Schleyerhalle und sprechen über solide Nebentätigkeiten.

 

Herr Meine, rund um die Konzerte der Scorpions im Mai werden Sie 75 Jahre alt. Darf man jetzt schon fragen, was Sie sich zum Geburtstag wünschen?

Klaus Meine: Zunächst wünsche ich mir, dass alle auf der Tour viel Spaß haben werden. Dazu im persönlichen Bereich Gesundheit. Darüber hinaus mache ich mir wegen des Kriegs in der Ukraine große Sorgen.

In Ihrem Alter stellen manche ihre Ernährung um, entdecken Hafermilch für sich, wie der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Meine (lacht): Dieser Kelch ist an mir vorübergegangen!

Herr Jabs, wie halten Sie sich fit für die Tournee?

Matthias Jabs: Wir haben Personal Trainer. Vor der Deutschlandtour treten wir in Südamerika auf. Da spielst du in ganz anderen Höhenlagen, in Bogotá zum Beispiel auf 2600 Meter Höhe. Dort oben schnappt selbst der St.-Moritz-Skifahrer ein bisschen. Das schaffst du nicht, wenn du einfach nur zu Hause rumsitzt. Und ab und zu eine kleine Hafermilch kann auch nicht schaden.

Herr Meine, wie ölen Sie Ihre Stimme?

Meine: Wenn man wie wir ein Album im „old fashioned Way“ aufnimmt, auf die klassische Art also wie bei „Rock Believer“, bleiben die Stimmbänder geschmeidig. Dazu hin und wieder mal ein Check-up beim HNO-Arzt: Wenn der sagt, es sieht alles gut aus, mach weiter so, und man selber weiß, wie man die Stimmbänder in den vergangenen Monaten gepflegt hat, dann sind das gute Startbedingungen für eine Tour.

Stichwort „Rock Believer“: Das aktuelle Album klingt saftig. Ist Ihr Schlagzeuger, der ehemalige Motörhead-Drummer Mikkey Dee, wie ein Jungbrunnen für Sie?

Jabs: Mikkey ist eine Bereicherung. Er hat eine unglaubliche Kondition, mit ihm kannst du acht Stunden im Studio spielen und er wird nicht müde. Beim aktuellen Album war für uns entscheidend, dass wir uns pandemiebedingt mit dem eingeplanten amerikanischen Produzenten in Kalifornien nicht zusammenfinden konnten, aufgrund der Reisebeschränkungen. Wir haben es über Zoom versucht und sahen ihn so, wie wir Sie jetzt sehen: Mit neun Stunden Zeitverschiebung war unser Tag gelaufen, wenn er morgens mit der Kaffeetasse in der Hand dagesessen ist. Das war wenig inspirierend. Deshalb haben wir uns entschieden, in Hannover aufzunehmen, und zwar unter Eigenregie. Dadurch ist die Scorpions-DNA stärker durchgekommen, als wenn wir Einflüssen eines Produzenten nachgekommen wären.

Ihr Album erschien mit dem Kriegsbeginn in der Ukraine.

Meine: Das Album ist am 25. Februar 2022 herausgekommen, der Krieg einen Tag davor losgegangen. Jetzt sind wir über ein Jahr weiter und der Wahnsinn ist noch nicht vorbei. Wir haben viele Fans in Russland, in der Ukraine, in Weißrussland. All die Jahre haben wir ausgiebig getourt zwischen Moskau und Wladiwostok, wir waren nicht nur in Kiew, sondern auch im Osten, in Charkiw. Mit den Menschen dort fühlen wir uns verbunden.

Haben Sie deshalb den Anfang von Ihrem vielleicht größten Hit, der Ballade „Wind of Change“ umgeschrieben?

Meine: Wir konnten uns nicht vorstellen, das Stück weiterzuspielen mit den Textzeilen „I follow the Moskva / Down to Gorky Park / (. . .) Let your Balalaika sing“, die Russland romantisieren. Daher gab es zwei Möglichkeiten: den Song nicht mehr zu spielen oder die Textzeilen zu verändern. Wir haben uns für Letzteres entschieden. So konnten wir unsere Solidarität mit der Ukraine ausdrücken.

Gibt es auf Tour Städte, in denen sich sofort ein Gefühl von Heimat einstellt?

Meine: Über die Brücke, die die Musik schlägt, sind wir überall mit den Fans verbunden. Im vergangenen Jahr haben wir in ganz Europa Konzerte gespielt, zwischen Trondheim im Norden und Tel Aviv im Süden. In den USA waren wir unterwegs zwischen Ost- und Westküste und haben in Kanada gespielt. Da ist es schwierig, bestimmte Orte hervorzuheben.

Wie ist Ihr Bezug zu Stuttgart?

Jabs: Wir haben in Stuttgart so viele Auftritte gehabt, Ende der 80er zum Beispiel drei Konzerte hintereinander, das letzte an Silvester, daran erinnere ich mich bis heute. Wir kommen gerne her, auch weil unsere beiden deutschen Lieblingsmarken von dort kommen.

Harald Schmidt, der Spitzbub, hat Stuttgart mal als das Hannover des Südens bezeichnet. Stimmen Sie zu?

(Gelächter) Jabs: In Hannover werden die Reifen für die Autos aus Stuttgart gemacht.

Meine: Es ist schön, in die Schleyerhalle zurückzukehren. Wie oft wir schon gedacht haben: Jetzt ist es das letzte Mal, und dann sind wir doch wieder da.

Dieses Mal könnte es tatsächlich das letzte Mal sein, weil die Halle abgerissen werden soll.

Meine: Das habe ich gelesen und konnte es kaum glauben: Dass so eine ikonische Halle abgerissen wird, finde ich sehr schade.

Jabs: Der Gang von den Garderoben, wenn man von unten nach oben geht und hinter der Bühne herauskommt, wo schon die ersten Kabel verklebt sind, das ist etwas, das hat keine andere Halle. Diesen Weg werden wir vermissen.

Das klingt, als wäre die Schleyerhalle für Sie ein Stück Heimat gewesen. Gibt es noch andere Orte, an denen sich ein Gefühl von Heimat einstellt?

Meine: Über die Brücke, die die Musik schlägt, sind wir überall mit den Fans verbunden. Im vergangenen Jahr haben wir in ganz Europa Konzerte gegeben, zwischen Trondheim im Norden und Tel Aviv im Süden. In den USA waren wir ausgiebig unterwegs zwischen Ost- und Westküste und haben in Kanada gespielt. Dabei ist es schwierig, bestimmte Orte hervorzuheben.

Und wo ist es eher ungemütlich?

Meine: Tatsächlich gibt es Städte, in denen die Leute etwas stiff sind, zurückhaltender, da müssen wir dann umso härter arbeiten. Worauf es am Ende aber wirklich ankommt, sind die Songs und das Feeling, wenn unsere Fans gemeinsam mit uns die Songs singen. Das sind Gänsehautmomente.

Jabs: Wir haben 13 Jahre lang nicht mehr in Hannover gespielt. Dieses Mal war es die Stadt, die als Erstes ausverkauft war. Hannover hat sich berappelt, wir freuen uns darauf.

Von Hannover ist es ein weiter Weg bis in den Madison Square Garden in New York, wo Sie 2022 gespielt haben. Wie war das?

Meine: Wir haben zwar schon einige Male im Madison Square Garden gespielt. Das Konzert im vergangenen Jahr mit dem Aufhänger „50 Jahre Unabhängigkeit von Bangladesch“, 50 Jahre nach George Harrisons „Concert for Bangla Desh“, war ein besonderer Moment. Wir haben außerdem eine Serie von neun Shows im Planet Hollywood in Las Vegas gespielt. Mittlerweile sind wir dort in den Casinos sehr gefragt: Für Band und Crew ist das von Vorteil, weil du nicht jede Nacht in einer anderen Stadt spielen musst. Stattdessen kommen die Fans zu dir.

Herr Jabs, stimmt es, dass Ihre Mutter Sie gefragt hat – als die Scorpions schon große Erfolge gefeiert hatten –, wann Sie etwas Vernünftiges machen?

Jabs: Das war 1984. Wir wurden überhäuft mit Gold- und Platinschallplatten. Klaus und ich hatten unsere Eltern zu Konzerten nach New York eingeladen. Auf dem Weg zum Flughafen hat mich meine Mutter gefragt: „Wie lange willst du das eigentlich noch machen?“ Ich glaube, dass keiner von uns einen wahren Plan B hatte. Das Vernünftige liegt uns nicht so.

Dabei betreiben Sie doch einen sehr vernünftigen Einzelhandel für Musikinstrumente in München!

Jabs: Den Laden mache ich gerne . . .

Meine: . . . das gibt dir einen seriösen Anstrich.

Jabs: Man lernt dort interessante Leute kennen. Wenn ich selber da bin, kann ich beobachten, was junge Leute spielen, die eine Gitarre ausprobieren. Erstaunlicherweise ist es fast das Gleiche, was ich gespielt habe, als ich angefangen habe.

Zum Beispiel?

Jabs: „House of the Rising Sun“. „Smoke on the Water“ ist ja verboten in jedem Musikgeschäft. Und „Stairway to Heaven“ ist auch an der Grenze (lacht).

Letzte Frage, um mit Ihrer Mutter zu sprechen: Wie lange wollen Sie das Ganze denn noch machen?

Jabs: Wir haben mal einen Versprecher gehabt, 2010, als wir gesagt haben, dass das die letzte Tour ist. Danach haben wir festgestellt, dass uns gar keiner gehen lassen will, was sehr schön ist. Wir sind gut drauf, es läuft gut, also denken wir nicht daran, ein konkretes Datum zu benennen. Früher habe ich immer gesagt: Solange die Rolling Stones das machen, können wir das auch. Mal sehen, was die uns noch so alles vorleben.

110 Millionen verkaufte Tonträger

Bandgeschichte
Die Hardrock-Band Scorpions, ursprünglich 1965 als Nameless gegründet, hatten bereits mit ihrem ersten Album „Lonesome Crow“ 1972 Erfolg. Sänger Klaus Meine, geboren am 25. Mai 1948 in Hannover, absolviert eine Ausbildung zum Dekorateur. Gitarrist Matthias Jabs, geboren am 25. Oktober 1955 in Hannover, studiert einige Semester Jura, ehe er 1978 zur Band stößt.

Banderfolge
Die Scorpions haben bis heute 110 Millionen Tonträger verkauft. Das aktuelle Album „Rock Believer“ erschien im vergangenen Jahr. Am 21. Mai treten sie um 20 Uhr in der Schleyerhalle auf.

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