Krankenhäuser in Gefahr“ überschrieben die Alb-Fils-Kliniken kürzlich eine Pressemitteilung, in der sie auf die Notlage der Kliniken hinwiesen und erklärten, dass sie eine Petition der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) voll und ganz unterstützen. In dieser Petition macht die DKG deutlich, wie schlecht es um viele Krankenhäuser stehe. Viele Kliniken schrieben rote Zahlen, die Personalnot wird immer größer, die Mitarbeitenden arbeiteten am Limit. Im Interview beschreiben die Geschäftsführer der Alb-Fils-Kliniken, Ingo Hüttner und Wolfgang Schmid, wie sehr die Energiepreise sie belasten, wo es personell am meisten klemmt und welche Auswirkungen das auf die Patienten hat.
Herr Hüttner, Herr Schmid, Sie unterstützen die Petition der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Meinen Sie, dieses Mal in Berlin Gehör zu finden? Die Themen und Forderungen sind ja nicht neu ...
Wolfgang Schmid: Wir haben jetzt eine echte Sondersituation, die mit den Vorjahren keineswegs vergleichbar ist. Die Sach- und Energiekosten sowie die Leasingkosten sind überdurchschnittlich gestiegen, wir brauchen daher dringend einen Inflationsausgleich. Wir hatten 2020 4,7 Millionen Euro Energiekosten, 2022 werden es wohl 7,5 Millionen Euro sein. Für 2023 rechnen wir mit 8,7 Millionen Euro, wobei diese Aussage mit Vorsicht zu genießen ist, weil wir für 2023 noch Strom einkaufen müssen. Unter dem Strich sind die Energiekosten um 80 Prozent gestiegen. Ich bin davon überzeugt, dass die Bundespolitik reagieren wird. Ingo Hüttner: Wir können die sprunghaften Preissteigerungen, auch beim Material, nicht weitergeben, da unsere Leistungen über fixe Fallpauschalen vergütet werden. Zum Vergleich: Ein Bäcker kann seine Brötchen etwas teurer verkaufen und das seinen Kunden erklären. Zu Ihrer Frage zurück: Es gibt erste Rückmeldungen der DKG, dass die Petition schon beachtet wird. Es gab noch nie eine so massive Aktion.
Meinen Sie, das System der Fallpauschalen kommt komplett auf den Prüfstand oder gibt es andere Wege?
Hüttner: Wir glauben nicht an eine komplette Veränderung der Fallpauschalen, sondern eher an das Modell der Coronahilfen. Da wurden nach einem Verteilschlüssel die Krankenhäuser unterschiedlich bedacht. So ein Rettungspaket wäre denkbar. Schmid: Das wird eine individualisierte Lösung geben, keine pauschale. Dafür sind die Auswirkungen der Preissprünge in den Kliniken zu unterschiedlich.
Viele Kliniken schlittern laut DKG in die tiefroten Zahlen. Wie rot sind die Zahlen den Alb-Fils-Kliniken?
Schmid: Für das laufende Jahr rechnen wir mit einem Defizit von etwa elf Millionen Euro, nächstes Jahr wird das Defizit höher ausfallen, denn da werden ja auch Sondereffekte durch den Umzug hinzukommen. Zeitweise werden wir 2023 beide Gebäude, Alt- und Neubau, parallel betreiben müssen. Bei den Energiepreisen kommen wir insoweit noch glimpflich davon, als dass wir Fernwärme vom Müllheizkraftwerk beziehen und somit von Gas und Öl unabhängig sind. Allerdings nur am Standort Göppingen.
Großes Thema ist seit Jahren die Personalnot. Wie kommen Sie aktuell über die Runden?
Hüttner: Wir sind ganz stabil aus den Sommerwochen gekommen und haben gelernt, mit weniger Personal zurande zu kommen. Natürlich haben auch wir weniger OPs in Betrieb als 2019 und Betten geschlossen. Zeitweise müssen Eingriffe verschoben werden oder die Wartezeiten in der Notaufnahme sind etwas länger. Die meisten unbesetzten Stellen haben wir in der Anästhesie und in der Anästhesiepflege, aber auch auf Normalstationen merkt man den Personalmangel.
Hat sich die Entscheidung, den Klinikbetrieb auf den Standort Göppingen zu konzentrieren, beim Personal ausgezahlt?
Hüttner: Wir konnten aus Geislingen erheblich Personal übernehmen, das an vielen Stellen gut in die Teams in Göppingen integriert wurde. Der Personalmangel ist damit aber nur in Teilen abgeschwächt oder behoben worden. Schmid: Wir würden Ende 2023 gerne alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Geislingen übernehmen und führen bereits erste Gespräche, auch wenn wir noch über ein Jahr vor uns haben.
Die Krankenhausgesellschaft hat mit ihrer Petition regelrecht SOS gefunkt. Ist denn die medizinische Versorgung trotz der großen Not gewährleistet?
Hüttner: Ja, die Versorgung ist gewährleistet. Was uns zu schaffen macht, ist die überbordende Bürokratie. Immer mehr Dokumentationen und detaillierte Strukturprüfungen mit völlig neuen Abfragen binden viel Kapazität. Das machen jedoch keine Ärzte, dafür haben wir ein extra Team gebildet, das aus Mitarbeitern der Personalabteilung und des Medizincontrollings besteht. Schmid: Die Dokumentation ist immer feiner ziseliert und wird immer strenger gehandhabt. Da steigt wirklich keiner mehr durch. Dabei zeigt das Beispiel Skandinavien, dass es auch viel einfacher geht.
Kinderärzte in Berlin haben sich mit einem Brandbrief an Gesundheitsminister Lauterbach gewandt, weil sie die Versorgung der Kinder in Gefahr sehen. Ist die Lage auch in den Alb-Fils-Kliniken bedrohlich?
Hüttner: Das ist ein Thema in der gesamten Pädiatrie, vor allem auf den Kinderintensivstationen. Und es ist kein Thema der Vergütung, sondern es gibt diese Ärzte auf dem Markt einfach nicht mehr.
Werfen wir einen Blick auf die kommenden Wochen und Monate. Die Coronazahlen steigen aktuell wieder.
Hüttner: Wir haben aktuell 20 positive Fälle im Haus und erwarten im Herbst einen weiteren Anstieg. Dann werden wieder die Mechanismen greifen, die im dritten Coronajahr inzwischen erprobt sind. Schwierig wird es immer dann, wenn Mitarbeiter plötzlich ausfallen. Dann kann beispielsweise eine Operation eben nicht stattfinden. Die gute Nachricht ist, dass die dritte Impfung aktuell nicht mehr nachgewiesen werden muss, damit ist der Verwaltungsaufwand zurückgegangen.
Die Fachsprache ist eine Hürde für Mediziner aus dem Ausland
Personalnot
Ärztinnen und Ärzte aus dem Ausland, die im Südwesten heimisch werden, leisten einen wichtigen Beitrag dazu, die Patientenversorgung zu stemmen. Darauf macht die Landesärztekammer in der Interkulturellen Woche aufmerksam. Die Ärztekammer bringe sich ein, um Mediziner aus dem Ausland zu integrieren.
Prüfungen
Kammerpräsident Dr. Wolfgang Miller verweist exemplarisch auf die Fachsprachenprüfungen, die Ärztinnen und Ärzte aus dem Ausland vor Aufnahme ihrer ärztlichen Tätigkeit hierzulande absolvieren müssen. Im vergangenen Jahr haben im Südwesten insgesamt 1066 Ärztinnen und Ärzte die Fachsprachenprüfungen durchlaufen. 690 davon haben die Prüfungen bestanden. Das entspricht 65 Prozent.