Die Sorgen der Zeitarbeit Online-Handel überholt Autobranche

Staplerfahrer gehören derzeit zu den begehrten Qualifizierten bei Zeitarbeitsfirmen. Foto: imago images/halfpoint/halfpoint via www.imago-images.de

Die Zeitarbeit hat schwierige Jahre hinter sich. Während der Pandemie hat sich die Logistikbranche zur wichtigsten Kundengruppe im Bereich Arbeitnehmerüberlassungen entwickelt.

Stuttgart - Das Ziel ist klar: Mit Zeitarbeitern wollen die Unternehmen flexibel auf Fertigungsspitzen reagieren. In Zahlen liest sich das zum Beispiel so: Im März 2019 waren es 275, im März 2020 sackte die Zahl auf 174, und wieder ein Jahr später stieg der Wert auf 335. Die Rede ist von den Zeitarbeitern des Ventilatorenherstellers EBM Papst. Das Familienunternehmen aus Mulfingen/Hohenlohe sucht derzeit weitere 100 Mitarbeiter in der Produktion, erläutert ein Unternehmenssprecher. Erfreulich zudem für Schüler und Studenten: EBM Papst hat für die Sommermonate Juni bis September zudem Bedarf an 400 Ferienjobbern.

 

Anschaulich zeigt die Entwicklung der Zeitarbeitskräfte beim Ventilatorenhersteller den coronabedingten Einbruch im vergangenen und dann den Anstieg in diesem Jahr. EBM Papst ist keine Ausnahme. Doch andere Unternehmen – angefragt wurden von unserer Zeitung auch Daimler, Bosch und ZF – halten sich mit Zahlen lieber bedeckt.

Der große Abbau

Die vergangenen zwei Jahre waren schwierig für die Zeitarbeitsbranche, zeigen die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Danach haben die Firmen seit Frühjahr 2019 – als die Konjunktur schwächelte – Monat für Monat mehr Leiharbeiter ab- als aufgebaut. Besonders problematisch war die Lage im Corona-Frühjahr 2020. Ein Beispiel: Während im April fast 11 800 Zeitarbeitsjobs in Baden-Württemberg beendet wurden, wurden nur knapp 6000 neue geschaffen. Allein im Frühsommer 2020 sei deutschlandweit die Zahl der Zeitarbeitskräfte um 130 000 gesunken, haben die Marktforscher von Lünendonk & Hossenfelder in Mindelheim errechnet. Ohne die Möglichkeit der Kurzarbeit wäre der Abbau wohl noch höher ausgefallen. Insgesamt gab es im Juni vergangenen Jahres deutschlandweit noch knapp 750 000 Zeitarbeiter, teilt die Bundesanstalt für Arbeit mit. Damit ist die Branche weit von ihrem bisherigen Rekord entfernt. Im November 2017 wurden dagegen knapp 1,1 Millionen Leiharbeiter beschäftigt.

Fast alle großen Zeitarbeitsunternehmen – wie Randstad, Adecco und Manpower – haben 2020 Federn gelassen, geht aus der regelmäßig erscheinenden Studie von Lünendonk & Hossenfelder hervor. Doch die größten Einbußen musste demnach die Dekra Arbeit GmbH verkraften, deren Umsatz in Deutschland 2020 um gut 37 Prozent eingebrochen ist. Im Schnitt hatten die 25 führenden Zeitarbeitsunternehmen hierzulande 2020 einen Umsatzrückgang von 16,4 Prozent zu verkraften, schreiben die Marktforscher. Nur während der weltweiten Finanzkrise 2008/09 war der Einbruch größer: damals sackte der Umsatz um 23,8 Prozent. Besonders schwierig sei die Lage im zweiten Quartal 2020 gewesen.

Sagenhafte Einbrüche

Während dieser drei Monate sei es zu Umsatzeinbrüchen der Firmen von sagenhaften 30 bis 40 Prozent gekommen, erläutert Lena Krumm, die Autorin der Lünendonk-Studie. Werden das alle Zeitarbeitsfirmen überleben? Das ist unklar. Doch eine Marktkonsolidierung erwartet man bei Lünendonk & Hossenfelder derzeit nicht. Bundesweit gibt es rund 11 000 Verleihbetrieben mit dem Schwerpunkt Arbeitnehmerüberlassung, hat die Bundesagentur für Arbeit gezählt. Das seien 2,9 Prozent weniger als im Jahr zuvor.

„Wir spüren, dass es in Deutschland wieder aufwärtsgeht“, freut sich Suzana Bernhard, Geschäftsführerin Dekra Arbeit, jetzt. Und dies sei quer durch alle Branchen zu beobachten, sagt sie. Mittlerweile beschäftigt Dekra Arbeit in Deutschland wieder rund 8400 Zeitarbeitnehmer; im vergangenen Jahr war die Zahl auf 7577 gesunken. Aber: „Das Geschäft ist sehr volatil, weil Kunden teilweise unter Materiallieferschwierigkeiten leiden“, sorgt sie sich.

Die offenen Stellen steigen wieder

Die Arbeitsagentur kann die vorsichtige Zuversicht mit Zahlen untermauern. Seit August 2020 steigen die offenen Stellen für Leiharbeiter wieder – auch wenn die Zahlen noch lange nicht auf dem Niveau von Vor-Corona-Zeiten sind. Auch Lena Krumm beobachtet den Trend. Für 2021 rechnen die 25 führenden Zeitarbeitsunternehmen nach ihrer Analyse mit starken Aufholeffekten und mit einem Umsatzplus von 17,9 Prozent, sagt sie.

Im Prinzip laufen die Geschäfte seit dem 4. Quartal besser. Profitiert habe die Zeitarbeitsbranche von der hohen Nachfrage von Logistik sowie von (Online-)Handelsunternehmen. War in den Vorjahren stets die Autoindustrie die größte Kundengruppe der Zeitarbeitsunternehmen (gemessen am Umsatz), hat die Verkehr- und Logistikbranche sie jetzt überholt, erläutert sie. Mehr als 17 Prozent der Umsätze wurden 2020 in dieser Branche erwirtschaftet; im Jahr zuvor habe der Anteil noch bei 15,2 Prozent gelegen. Dies könnte sich aber wieder ändern. Denn: „Eine gute Nachfrage spüren wir im Automobilbereich bei Zulieferern und Herstellern“, sagt Bernhard.

Mitarbeiter in der Produktion gesucht

Generell würden für die Produktion Mitarbeiter gesucht. Dazu gehören Staplerfahrerinnen und -fahrer sowie Facharbeiter jeglicher Couleur wie Schlosser, Schweißer, Elektriker. Zudem hätten Pflegekräfte und Produktionshelfer gute Chancen. Krumm rechnet damit, dass die Zeitarbeit längerfristig vom demografischen Wandel sowie dem Bedarf an qualifizierten Kräften profitiert.

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