Die SPD zeigt sich erstaunlich geschlossen Keine Panik auf der Titanic

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SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz wird von vielen schon abgeschrieben. Aber nicht von seiner Partei. Die steht weiter zu ihm und kreiert ihm zu Ehren sogar eine neue Eisvariante.

Bereit zu kämpfen, aber noch ohne zündende Idee: Martin Schulz Foto: dpa
Bereit zu kämpfen, aber noch ohne zündende Idee: Martin Schulz Foto: dpa

Berlin - Der Seeheimer-Kreis hat wieder mal zur Spargelfahrt auf die MS Havel-Queen geladen. Ein paar Stunden tuckert das Ausflugsboot alljährlich im Frühsommer auf dem Wannsee im Kreis herum, während Abgeordneten und Promis der deutschen Sozialdemokratie lauwarmer Spargel, Schnitzel, diverse Schinkensorten sowie Bier in nicht geringen Mengen gereicht werden. Die Seeheimer klingen dem Namen nach ein bisschen wie der aktuelle bayerische Regierungschef, der ja stets der Erbfolge der CSU entspringt. Das hat durchaus seine Logik, denn die Seeheimer gelten als konservativer Flügel der SPD-Fraktion und sind schon allein deshalb in der Partei ein ziemlich exotisches Völkchen, weil ihnen wenig an ellenlangen Parteiprogrammen liegt.

Schon eher am Regieren. Und an hübschen Accessoires und kleinen Gags, die sie bei der Spargelfahrt verteilen und zum Besten geben. Eine rote Tasse mit dem Konterfei des aktuellen Kanzlerkandidaten zum Beispiel, diesmal also Martin Schulz. Das Späßchen, das dem Ober-Seeheimer Johannes Kahrs an diesem gewittrigen Abend besonders gelungen scheint, ist der Nachtisch. „Eisbecher Würselen“, eine Kreation aus Vanilleeis, Erdbeeren und Lebkuchen.

Eine Reminiszenz an den Heimatort des Kanzlerkandidaten ist das. Wintergebäck im Frühsommer. Schon eher der aktuellen Jahreszeit entsprechend ist die Lage, in der sich die SPD befindet. Kaum eine Spargelfahrt, auf der nicht Krisengespräche geführt wurden. Das ist diesmal nicht anders, daran hat die Wahl von Martin Schulz zum Parteichef und zum Kanzlerkandidaten nichts geändert. Außerdem hat die SPD einen harten Tag hinter sich. Mit der Krebserkrankung des Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern, Erwin Sellering, und den darauf folgenden personellen Turbulenzen konnte keiner rechnen. Schon die Tage zuvor glichen kleinen Katastrophen. Die Vorstellung des Programmentwurfs geriet zur Farce, Schulz rang um Aufmerksamkeit, während Kanzlerin Angela Merkel mit Ex-US-Präsident Barack Obama parlierte oder hoch droben auf den Gipfeln in Brüssel und Taormina vor den Augen der Weltöffentlichkeit ihre Kreise zog.

Schulz buckelt, aber keiner guckt hin

Auch bei Schulz reiht sich Termin an Termin. Das Versteckspiel aus der Zeit vor den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein hat ein Ende, als er sich auf Bitten der Wahlkämpfer Hannelore Kraft und Torsten Albig zurückgehalten hatte – ein Fehler, wie er selbst eingesteht. Aber Schulz kann im Moment buckeln, so viel er will: kaum einer nimmt Notiz. Manche Kommentatoren sagen deshalb schon: Der hat seine Chance gehabt. Ende Gelände. Erstaunlich ist das nicht. Erstaunlich ist: in der SPD sagt das keiner. Jedenfalls findet sich auf der MS Havel-Queen und auch am Abend zuvor auf dem Fest der Parteizeitung „Vorwärts“ niemand, der über Schulz lästert. Das ist in der SPD in solchen Zeiten so ungewöhnlich wie Lebkuchen an einem Sommerabend.

Der Chef sei „unumstritten“, sagen sie links wie rechts. Und das Interview mit Peer Steinbrück, der sich gemeinsam mit einem Kabarettisten am Wochenende über die SPD und den Wahlkampf lustig gemacht hat? „Ach Gott, der“, sagt eine Genossin lakonisch. Und fügt an: „Ist der noch in der SPD?“ Klar, man sei in einer schwierigen Lage, aber Schulz sei dafür nicht allein verantwortlich, habe im Januar Chaos geerbt und ein vollkommen unvorbereitetes Team. Schon erstaunlich, dass nicht einmal seine Entscheidung für Hubertus Heil als Nachfolger der glücklosen Generalsekretärin Katarina Barley die Wogen höher schlagen lässt. Wieder ein Niedersachse in einem Spitzenamt, wirtschaftsnah, noch dazu ein Mann: Die Parteilinke müsste toben. Sie tut es nicht. Die Entscheidung sei nachvollziehbar, sagt einer der führenden Köpfe. Heil, der schon mal Generalsekretär war, könne den Job aus dem Stand bewältigen. Das sei das, was zähle kurz vor einer Wahl. Außerdem habe „der Martin“ das prima gemanagt. Klingt rational. Klingt nicht nach SPD.

Die Partei mit ihren 17 000 neuen Mitgliedern scheint trotz sinkender Umfragewerte zurückzahlen zu wollen, was Schulz nach seiner Nominierung an Kampfeswille eingezahlt hat. Er pflegt im Gegenzug dem Vernehmen nach einen völlig anderen Führungsstil als Vorgänger Sigmar Gabriel, ist mit allen Strömungen im Gespräch, umarmt die Partei, statt ihr permanent ins Gesicht zu schlagen. Ebendiese Geschlossenheit fordert Schulz weiter ein. Der Pfarrer von Johannes Rau, so erzählt er es der Schiff-Gesellschaft, habe vor der Kollekte immer gesagt: „Wenn ihr das Doppelte von dem gebt, was ihr geben wolltet, dann habt ihr die Hälfte von dem gegeben, was der Herr von euch erwartet.“ Ins Genossendeutsch übersetzt, bedeute dies: „Wenn ihr doppelt so viel kämpft, wie ihr kämpfen wolltet, dann habt ihr halb so viel gekämpft, wie der Kanzlerkandidat von euch erwartet.“ Da jubeln sie, als sei der Umzugswagen des Willy-Brandt-Hauses schon auf dem Weg zum Kanzleramt.

Was macht Gabriel?

Das macht die Aufgabe aber nicht kleiner. Die SPD-Führung hat keine schlüssige Idee, wie eine Kanzlerin zu schlagen ist, die schon wieder begonnen hat, ihrem Herausforderer Themen wegzuschnappen. Sie können sich in der SPD noch so sehr darüber aufregen, dass Merkel angeblich viel zu spät auf Konfrontationskurs zu US-Präsident Donald Trump gegangen sei und erst jetzt Europa als Festung westlicher Werte entdeckt habe. Das ändert nichts daran, dass sie nach ihrer Bierzeltansprache in Trudering international zur Ikone der freien Welt stilisiert wird – eine Rolle, die Schulz auch gern spielen würde. Beim „Vorwärts“-Fest und auf dem Spargeldampfer hält Schulz tapfer dagegen. Er wolle sich Trump „mit allem, was wir vertreten, in den Weg stellen, übrigens auch seiner fatalen Aufrüstungslogik“. Mag ja sein, dass die Genossen da klatschen, der „Washington Post“ oder der „New York Times“ ist das trotzdem keine Zeile wert.

Noch bevor Schulz weiter gegen die Kanzlerin anrennt, muss er nach Ansicht einiger Genossen erst einmal seinen Vorgänger in den Griff bekommen. Sigmar Gabriel stehle ihm die Schau. Dem Mann seien seine guten Sympathiewerte als Außenminister zu Kopf gestiegen. In Fraktionssitzungen pflegt Gabriel Grundsatzreden zu halten, als sei er immer noch die Nummer eins. Die europapolitische Debatte treibt Gabriel energischer voran und zweimal schon hat er den Kanzlerkandidaten brüskiert, weil er zeitgleich mit Reden des Herausforderers eigene werbewirksame Auftritte ansetzte. Es wirke so, als wolle Gabriel zeigen, dass er alles besser kann, heißt es in der Fraktion: „Schulz muss klarmachen, wer der Chef ist.“ Differenzierte Gemüter erkennen allerdings an, dass Gabriel im Moment halt auch „einen verdammt guten Lauf“ habe. Er mache das nun mal hervorragend, wenn auch „etwas zu raumgreifend“.

Schulz lässt keine Zweifel seiner Freundschaft mit Gabriel zu. Das sei „ein toller Typ“, sagt Schulz auf der Spargelfahrt, dementiert allerdings, dass der Bootstrip nach Gabriel benannt wurde, weil dieser „so schlank geworden“ sei. Alle Spekulationen über Streit seien Quatsch. „Ich gehöre zu denen, die sich freuen, wenn Sozialdemokraten populäre Politiker sind.“ Nun hoffe er, „dass das Gewitter uns nicht zwingt, in hohe See zu geraten“, sagt Schulz schließlich. Und fügt an: „Da sind wir sowieso schon.“