Hybridsorten verdrängen zunehmend die alten Landsorten des Filderkrauts. Ein Pilotgarten nimmt sich inzwischen wissenschaftlich fundiert der genetischen Vielfalt an.

Filder - Nicht nur optisch macht Filderkraut etwas her: Das stattliche Traditionsgewächs mit elegant gezwirbelter Spitze punktet auch mit seinem zarten Aroma. „Spitzkraut ist mild im Geschmack und besonders feinrippig“, beschreibt Maria Müller-Lindenlauf die Vorzüge der zartgrünen Häupter. Neben dem Genuss liegt der Professorin für Agrarökologie jedoch vor allem ein weiterer Aspekt am Herzen: Die Vielfalt der regionalen Spitzkrautsorten nehme zusehends zu Gunsten der kommerziellen Konkurrenz ab, stellt sie fest. Diesem Trend will die 37-Jährige entgegenwirken. An der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen leitet sie das Projekt „Filderkraut-Erhaltungsgarten“.

 

Um erste Ergebnisse zu inspizieren, führt der Weg zum landwirtschaftlichen Anwesen Tachenhausen, einem landeseigenen Hofgut am Rand von Oberboihingen mit herrlichem Rundum-Blick. Die Hochschule nutzt dort Felder zum Anbau verschiedener Pflanzkulturen oder zur Erprobung von Bodenschutz-Maßnahmen. In praktischen Gummistiefeln stapft die Wissenschaftlerin zu „ihrer“ einhundert Quadratmeter großen Parzelle. Erst seit ein paar Tagen bohren dort 400 Setzlinge ihre Wurzeln in den Ackerboden – gezogen aus dem Samen sogenannter Landsorten.

Die Mühe macht sich kaum bezahlt

„Seit Jahrhunderten ist Filderkraut von den Landwirten selbst vermehrt worden“, sagt Müller-Lindenlauf. Dabei seien hoftypische Eigen-Varianten entstanden, die nun durch Hybridsorten zu verschwinden drohten. Denn die Gewinnung von Saatgut, die Jungpflanzen-Aufzucht und Überwinterung des zweijährigen Kreuzblütlers ist aufwendig; die Mühe macht sich kaum noch bezahlt, was den kommerziellen Spitzkohlsorten, die als „fertige“ Pflänzchen bezogen werden können, immer öfter die Scheunentore öffnet.

„Es geht um den Erhalt der genetischen Vielfalt“, betont die Wissenschaftlerin, „das kulturelle und kulinarische Potenzial der Landsorten darf nicht verloren gehen.“ Bestärkt wird sie darin auch von Hans Bayha. Der Landwirt aus Echterdingen, der nach wie vor an der hofeigenen Saatgutvermehrung festhält, hat ebenso wie ein Dutzend weiterer Kollegen aus dem Filderraum zwischen Denkendorf und Filderstadt ein Tütchen traditionell gewonnener Krautsamen zur Verfügung gestellt.

Setzlinge reifen heran

Beim Hofgut Tachenhausen reifen die Setzlinge nun heran. Besonders sortentypische Charakterköpfe werden im Herbst ausgegraben und frostfrei überwintert. Nach dem erneuten Umzug aufs Feld kommt es dann erst im nächsten Jahr zur gelben Blüte, die vorsichtshalber unter Schutznetzen verschwinden wird, um Kreuzungen zu vermeiden. Die Samenernte erfolgt schließlich im August.

„Wenn das Saatgut vielleicht irgendwann nur noch in einer Gen-Bank vorhanden ist, geht eine große Besonderheit verloren“, befürchtet Maria Müller-Lindenlauf. Die Alblinse wiederum konnte auf diesem Weg zwar wiederentdeckt werden und auch ihre Renaissance in die Feinschmeckertöpfe antreten, doch in Sachen Filderkraut will die Agrarökologin doch lieber rechtzeitig aktiv werden.

Appell an die Verbraucher

Sie ist überzeugt von der Wertschöpfungskette des regionalen Kulturguts, zeigt gleichwohl aber auch Verständnis für die Landwirte: „Sie tun sich schwer, weil sie nicht mehr vermitteln können, welche Leistung hinter ihrer Arbeit steckt“, sagt die Professorin und appelliert an den bewussten Verbraucher. „Wer sich für Nachhaltigkeit und Slow Food einsetzt, sollte auch bereit sein, für das ohnehin günstige Kohlgemüse ein paar Cent mehr auszugeben“, sagt sie.

Mit ihrem Pilotgarten möchte Maria Müller-Lindenlauf jedenfalls das Bewusstsein für den Wert alter Kultursorten schärfen. Dazu steht die Zusammenarbeit mit dem Freilichtmuseum Beuren, mit Händlern, Gastronomen und Landwirten auf dem Plan. Feinschmecker sollen bei Verkostungsaktionen auf den Geschmack kommen. Die Information der Öffentlichkeit ist ein zusätzlicher Aspekt, der beim Erhaltungsgarten in direkter Nachbarschaft zu einem Spazierweg schon ganz gut funktioniert: „Oh, der Ständer mit den Flyern ist leer“, freut sich eine Instituts-Mitarbeiterin – das Interesse der Passanten scheint geweckt.

Rund ums Filderkraut:

Es ist unklar, ob das Spitzkraut aus einer Mutation oder einer gewollten Züchtung hervorgegangen ist. Es ist schmeckt feiner und milder als runde Weißkohlköpfe. Weil das Spitzkraut sehr empfindlich ist, wird es nach wie vor von Hand geerntet. Es gilt unter Feinschmeckern als Delikatesse.

Die erste Krautfabrik auf den Fildern war in Plieningen. Inhaber war Hermann Fein, Kaufmann und Inhaber der Samenfabrik Schoell; Fein gründete die Sauerkrautfabrik 1883. Um zu testen, wie haltbar eingemachtes Sauerkraut war, schickte er ein Fass nach Australien und zurück. Zwei Jahre dauerte die Reise des Krauts – und es war noch genießbar. Dafür gab es 1896 den ersten Preis für Dauerware bei der großen Landwirtschaftsausstellung auf dem Cannstatter Wasen. Nach dem Ersten Weltkrieg verkaufte Fein die Fabrik, warum ist unklar, 1925 gab der Käufer den Handel auf.

Das Projekt wird unterstützt von der Interessengemeinschaft Filderkraut und bis 2017 vom Land gefördert . Darüber hinaus freut sich die Leiterin, Professor Maria Müller-Lindenlauf, über weitere Kontakte zu Land- und Gastwirten, ihre Mail: maria.mueller-lindenlauf@hfwu.de