Der Spitzenfunktionär und Sportsoziologe Helmut Digel schreibt in seinem Gastbeitrag über die Inhalte des grün-roten Koalitionsvertrages.

Stuttgart - Insgesamt 95 Seiten beträgt der Umfang des Koalitionsvertrages zwischen Grünen und SPD. Es sind genau 1,5 Seiten, die dabei dem Sport gewidmet werden. "Der Wechsel beginnt", so lautet das Motto der neuen Regierung.

Fragt man allerdings, was sich dabei im Sport verändern wird, so ist sehr schnell zu erkennen, dass die Sportpolitik der neuen Regierung sich dadurch auszeichnen wird, dass sich vermutlich nur wenig verändern wird. Regierungsprogramme neigen dazu, dass sie eine Anhäufung von Allgemeinplätzen sind, verpflichtende und verbindliche Aktionen sind selten zu erkennen, und schon gar nicht werden Indikatoren benannt, unter denen man die Erreichung der geplanten Ziele überprüfen könnte.

Politik, so könnte man vorwurfsvoll äußern, neigt eben zum Palaver, auch für die neue Regierung ist diese Gefahr existent. Die herausragende gesellschaftliche, sozialpolitische, gesundheitliche und wirtschaftliche Bedeutung des Sports ist hinlänglich beschrieben. Dass der Sport umweltverträglich zu gestalten ist, wird von niemandem bestritten. Sportentwicklungspläne können hilfreich sein, meist haben sie sich aber lediglich als geduldiges Papier erwiesen.

Tägliche Sportstunde in der Grundschule

Dass aktive Bewegung im Kindergartenalter eine wichtige Bedeutung haben kann, ist Erzieherinnen und Erziehern hinlänglich bekannt, die soziale Integration und Inklusion durch den Sport wurde in der Bundesrepublik in den vergangenen 60 Jahren in vielfältigen Projekten angegangen. Auch kann man sich der Unterstützung sicher sein, wenn man sich für Gewaltpräventionen und Toleranz ausspricht und die Vereinbarkeit von Spitzensportausbildung und Beruf fordert.

Dass schließlich Doping zu bekämpfen ist, das wird allein dadurch einsichtig, dass das Gegenteil wohl von niemanden unterstützt werden würde - und auch die neue Regierung wird schließlich gut beraten sein, wenn sie die Autonomie des Sport respektiert und die Sportorganisation bei Reformvorhaben subsidiär unterstützt.

Es wäre dennoch ungerecht, wenn man den Koalitionsvertrag in Sachen Sport nur als heiße Luft bezeichnen würde. Kleine Sprengsätze sind im Sportkapitel angelegt, auf die man in den nächsten fünf Jahren gespannt sein kann. Wie wird es möglich sein, innerhalb von fünf Jahren eine tägliche Sport- und Bewegungsstunde in der Grundschule umzusetzen, wenn es in den meisten Grundschulen bis heute nicht ein-mal drei Stunden fachspezifischen Sportunterricht gibt? Wo und wann wird die Schwerpunktstaatsanwaltschaft gegen den Dopingbetrug in Baden-Württemberg ein-gerichtet, und welchen finanziellen Beitrag wird Baden-Württemberg zur Absicherung der Arbeit der Nationalen Antidopingagentur leisten? Wie viel Geld wird Baden-Württemberg in eine Konzeption für Dopingprävention investieren? Durch welche Qualität wird sich diese Konzeption auszeichnen? Welche Rolle wird die neue Regierung spielen, damit der autonome Sport zu einer effizienteren Organisationsstruktur gelangt, nachdem die Ineffizienz im Vertrag beklagt wird? Welche Ministerien werden an der Lösung dieser Aufgabe beteiligt sein, welche neuen Verantwortlichkeiten sind dabei zu definieren, soll dieses Programm erfolgreich umgesetzt werden?

Für den organisierten Sport lohnt es sich, die neue Regierung an ihrem Programm zu messen. Macht sie mit ihren programmatischen Aussagen Ernst, könnte dies zum Nutzen des Sports sein.

Grün-Rot und der Sport

Koalitionsvertrag: Am Montag hat die designierte grün-rote Regierung den Koalitionsvertrag unterzeichnet. Auf den 95 Seiten spielt auch das Thema Sport eine Rolle, auf etwa eineinhalb Seiten. Die Koalition würdigt dabei die „herausragende gesellschaftliche, politische, gesundheitliche und wirtschaftliche Bedeutung des Sports“. Hier in Auszügen einige der Kernaussagen der neuen Landesregierung.

„Wir werden die Belange des Sports stärker als bisher berücksichtigen. Den mit dem Sport vereinbarten Solidarpakt werden wir im Haushalt absichern und neue Spielräume schaffen.“

„In der Grundschule wollen wir die tägliche Sport- und Bewegungsstunde schrittweise einführen.“

„Wir wollen die Aus- und Fortbildung von Erzieherinnen und Erziehern bzw. Lehrerinnen und Lehrern für Bewegung und Sport forcieren und die Kooperationen zwischen Sportvereinen und Kindergärten, Ganztagsschulen und Ganztagsbetreuungen auch unter Einbeziehung außerschulischer Jugendbildung unterstützen.“

„In der Grundschule wollen wir das Klassenlehrerprinzip für das Fach Sport aufheben und die Fortbildungsangebote bündeln.“

„Sport und Bewegung in der Natur soll in einer nachhaltigen umwelt- und landschaftsverträglichen Ausgestaltung erfolgen. Zur einvernehmlichen Lösung von Interessenkonflikten zwischen verschiedenen Nutzern wollen wir unseren Beitrag leisten.“

„Wir erarbeiten eine Landessportentwicklungsplanung, um die Kommunen bei ihrer eigenen Sportentwicklungsplanung zu unterstützen.“

„Fanprojekte wollen wir als eigenständiges Förderinstrument mit eigener Mittelausstattung verankern.“

„Duale Karrieren in Hochschulen, bei der Polizei und in Unternehmen müssen erleichtert werden. Auch die Rahmenbedingungen für Schülerinnen und Schüler, die Leistungssport betreiben wollen, wollen wir verbessern.“

„Wettbewerbsverzerrenden und gefährlichen Praktiken im Spitzen- und Breitensport sowie den Dopingnetzwerken werden wir mit der Errichtung einer Schwerpunktstaatsanwaltschaft entgegenwirken. Wir werden außerdem zusammen mit der Wissenschaft und dem Sport eine Konzeption für Dopingprävention im Breitensport erarbeiten. Die nationale Antidopingagentur muss von den Ländern angemessen finanziell unterstützt werden.“

„Die dreigliedrige Struktur der Sportbünde und Fachverbände erschwert den Dialog mit Politik und Wirtschaft. Wir unterstützen deshalb unter Wahrung der Autonomie des Sports Initiativen für eine effizientere Struktur.“ StZ

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