Stuttgart spart Energie Der gedimmte Stern des Südens
Weniger Licht, weniger Wärme: Stuttgart fährt runter. Hauptsache wir halten die Lichtaugen auf. Eine Glosse von Jan Sellner.
Weniger Licht, weniger Wärme: Stuttgart fährt runter. Hauptsache wir halten die Lichtaugen auf. Eine Glosse von Jan Sellner.
Haben Sie Stuttgart schon bei Nacht gesehen? Vermutlich ja. Doch bestimmt war es noch nie so duster. Am Freitag hat die Stadt das Licht ausgemacht. Viele Gebäude, auf die bisher Scheinwerfer gerichtet waren, liegen im Dunkeln: das Alte Schloss und die Markthalle, das Stadtpalais und die Stiftskirche, der stolze Tagblatt-Turm und der noch stolzere Fernsehturm, das Wahrzeichen der Stadt. Ohne Licht ist er ein Strich in der Landschaft, ein Schatten seiner selbst. Auch die Brunnen am Schlossplatz werden nicht mehr angestrahlt. Ein finsteres Kapitel in der Stadtgeschichte, so scheint es, ist aufgeschlagen worden.
Natürlich hat sich das niemand gewünscht. Am wenigsten wohl der Oberbürgermeister. Bekanntlich wollte Frank Nopper die Stadt zum „leuchtenden Stern des deutschen Südens“ machen. Jetzt muss er Stuttgart runterdimmen, nachdem die Politik die Stadt schon während des Lockdowns runtergefahren hat. Leuchten – man ahnt es – kann Stuttgart in diesen Zeiten nur als Musterstadt fürs Energiesparen. Und folglich möglichst wenig.
Ausschalten, drosseln, reduzieren sind das Gebot der Stunde und der Wille der Stadtverwaltung: Seitenlang listet sie auf, was in den kommenden Wochen und Monaten alles abgeschaltet oder gar nicht erst angestöpselt wird. Das geht so weit, dass die städtischen Gärtner in den Gewächshäusern die Pflanzenzucht von Warmblühern auf Kaltblüher umstellen. Parallel dazu gehen die Lichter der Großstadt schrittweise aus. Nicht alle, aber doch ziemlich viele. Besonders in der Advents- und Weihnachtszeit dürfte das augenfällig werden. Angefangen bei den Lichterketten, die sonst wie funkelnde Netze über der Stadt ausgeworfen werden, bis hin zum Weihnachtsmarkt, der schon im vergangenen Jahr nur auf Sparflamme lief – wegen Corona.
Auch sonst stellen sich lichtempfindliche Fragen, die gemessen an anderen Themen zugegeben nachrangig sind. Aber es interessiert einen halt doch: Was wird aus Noppers illuminiertem Riesenrad in der City? Dreht es sich dieses Jahr im Dunkeln? Die Frage ist auch: Öffnet der „Christmas Garden“ in der Wilhelma? Wofür The Glitzerländ zuständig ist. Und wie hält die Stadt es mit den „Glanzlichtern“ auf dem Schlossplatz, jener „zauberhaften, innerstädtischen Weihnachtsbeleuchtung“, die sich das Stuttgart-Marketing für Touristen und die Freunde des gepflegten Kitsches ausgedacht hat? Man kann sie eigentlich nicht anknipsen, wenn ringsrum alles ausgeschaltet ist.
Der Glanz Stuttgarts leidet übrigens nicht, wenn das Rössle und der Elefant und die anderen Lichtgestalten dieses Jahr im Lager bleiben. Vielleicht kehren dann ja die Glühwürmchen zurück, von denen es leider immer weniger gibt, weil das viele Licht die dunklen Männchen und die leuchtenden Weibchen nicht mehr zueinanderfinden lässt. Überhaupt die Lichtverschmutzung in der Stadt! Sie verhindert, dass wir einen klaren Blick in den Himmel haben und auf all das, was da oben prächtig leuchtet.
So gesehen haben weniger Licht und Leuchtreklame im Kessel auch ihr Gutes: Vielleicht dämmert uns ja, wie verschwenderisch und gedankenlos wir häufig mit Energie umgehen – und es geht uns ein Lichtlein auf. Auch sonst sollte man die Abdunklung der Stadt als Chance sehen und mit Humor begleiten: Dass aus dem Rathaus – Licht aus, Spott an! – eine Dunkelkammer wird, ist zum Beispiel kein Problem, solange dort helle Köpfe sitzen. Und wenn das Alte Schloss unbeleuchtet bleibt, kann das kreative Geister wecken.
Stuttgart wird dunkler. Lasst uns etwas draus machen, die Lichtaugen offen halten und für Lichtblicke sorgen.