Die Stuttgarter Band Fetzer Neu-Deutsch-Pop ohne Gejammer

Fetzer, das sind: die Pianistin Stephanie Zimmermann, Gitarrist Valentin Hansel, Sänger Simon Fetzer, Schlagzeuger Julian Feuchter und der Bassist Markus Bodenseh (von links). Nicht im Bild: die Sängerin Franzi Stöger. Foto: Lichtgut

Klassische Gesangsausbildung, Schreinerlehre, eigene Firma, Kandidat bei „Voice of Germany“, dann der musikalische Neustart: Die Geschichte des Simon Fetzer und seiner Band.

Freizeit und Unterhaltung: Dominika Bulwicka-Walz (dbw)

Simon Fetzer sitzt mit seinem Bandkollegen Valentin Hansel im Vorproduktions-Studio in Stuttgart-Münster. Der Raum ist voll mit Instrumenten, Laptops und anderen elektronischen Gerätschaften, die für die Musikproduktion unerlässlich sind. Hier liegt was in der Luft, eine kreative Energie, die schier mit Händen greifbar ist.

 

Simon Fetzer erklärt, das Studio sei die Songschmiede der Band. Hier treffen sich der Sänger und der Gitarrist, um als „Songmacher der ersten Stufe“ an neuen Liedern zu tüfteln, Arrangements zu probieren, Ideen umzusetzen. Es scheint, als hätten sich da Zwei gefunden. Als würden der 56-jährige Fetzer und der 25-jährige Hansel schon ewig gemeinsam Musik machen. Dabei ist die Geschichte der Band noch sehr jung. Sie besteht erst seit eineinhalb Jahren.

Die Vorgeschichte reicht freilich viel weiter zurück: Schon Simon Fetzers Vater war begeisterter Musiker, die Familie musizierte oft gemeinsam. Im Alter von sechs Jahren bekommt der Bub Klavierunterricht vom Papa. Mit zwölf schreibt der Junge seine ersten Songs, und als junger Erwachsener bekommt er eine klassische Gesangsausbildung bei einem Opernsänger. „Die besten Grundlagen, die es geben kann.“

Er wird Schreinermeister und gründet eine Firma

Ende der 90er ist er immerhin „semi-erfolgreich“, wie er es nennt, vorwiegend mit englischsprachiger Musik. Der große Erfolg aber bleibt aus, seine Erwartungen erfüllen sich nicht. Dann doch lieber eine solide berufliche Basis. Er macht eine Schreinerlehre, wird Meister, gründet eine Firma, studiert zusätzlich Betriebswirtschaft. Für die Musik ist da nur noch wenig Platz. Und doch lässt sie ihn nie ganz los.

Er erinnert sich noch an ein Kirchenkonzert. Nach dem Auftritt sagt ihm damals eine Besucherin, sie hätte bei seinem Gesang Dauergänsehaut gehabt. „Ein größeres Kompliment kann es gar nicht geben“, sagt Simon Fetzer. Als er dann 2005 als Sänger für eine Coverband angefragt wird, zögert er nicht lange. Als Firmenchef kann er aber nur kleinere Auftritte absolvieren, die seiner Leidenschaft eigentlich nicht gerecht werden.

Simon Fetzer will weiter. Er ist Fan des TV-Musikformats „Voice of Germany“. Der Wunsch keimt in ihm auf, sich zu bewerben. Doch 2021 hat die Corona-Pandemie die Welt lahmgelegt. Musiker bekommen keine Auftritte, keine Schüler, keine Aufträge. Als unter den damals geltenden Hygienebedingungen einige TV-Formate wieder starten, plant auch „Voice of Germany“ neue Folgen.

Teilnehmen dürfen Künstler aus ganz Europa. Mehr als 12 000 Bewerbungen gehen ein. Eine kommt von Simon Fetzer aus Oberriexingen, Kreis Ludwigsburg. Er durchläuft das ganze Prozedere vom mehrseitigen Fragebogen, über Videocalls, eingeschickte Songs, bis zur ersten Live-Audition in Berlin. Er kommt weiter, besteht die Blinds, bei denen die Juroren mit dem Rücken zum Künstler sitzen und nur die Stimme bewerten. 120 Teilnehmer sind jetzt noch übrig. Simon Fetzer kann überzeugen, wird professionell gecoacht, darf weitermachen. Und es begeistert ihn, zu sehen, wie viel immer noch aus der eigenen Stimme herauszuholen ist. Mit jedem Schritt, den er seinem Ziel näher kommt, gewinnt die Musik wieder mehr Raum in seinem Leben.

Eine Fetzer-Aufnahme im Feuerbacher Tonstudio Foto: Lichtgut

Schließlich scheidet er doch aus. Aber er ist jetzt wieder voll infiziert mit dem Musikvirus, komponiert und spielt seine Songs auf dem Klavier ein, singt dazu. Etwas fehlt aber noch. „Die Songs wollten kraftvoller daherkommen“, erzählt er. Eine Band! Die würde die Power der Musik und der Texte noch viel klarer zur Geltung bringen.

Wie es der Zufall will, wird Simon Fetzer als Sänger für ein Firmenevent gebucht und lernt dabei andere Musiker kennen. Das Projekt Fetzer kommt ins Rollen. Valentin Hansel erinnert sich, wie begeistert er war, als er damals die ersten Demoaufnahmen hörte. Bis heute sind die Texte der Band konsequent in deutscher Sprache. „Man braucht einen roten Faden“, sagt Valentin Hansel, „damit das Projekt nicht wahllos wirkt.“ Wenngleich, wie Simon Fetzer ergänzt, Texte auf Deutsch schwieriger seien und kritischer gehört werden. „Sie müssen viel mitbringen, um nicht in der Schlagerecke zu landen.“

Die Musiker sind seit ihrer Kindheit mit einem Instrument verbunden

Aktuell sind sie zu Sechst. Mit dabei: der Schlagzeuger Julian Feuchter, der Bassist Markus Bodenseh, die Sängerin Franzi Stöger und Stephanie Zimmermann am Klavier, die bis auf Weiteres den bisherigen Pianisten Hannes Stollsteimer ersetzt. Fünf von ihnen haben ein abgeschlossenes Musikstudium, und alle sechs sind von frühester Kindheit an mit einem Instrument verbunden. Markus „Bo“ Bodenseh spielt seit seinem neunten Lebensjahr, Valentin Hansel bekam im Alter von fünf seine erste Gitarre – weil ihn die Pinguine der Kinder-CD „Die obercoole Südpolgang“ so begeisterten. Stephanie Zimmermann experimentierte schon als kleines Mädchen auf dem elterlichen Klavier.

Aber eine Band muss harmonieren, sonst funktioniert sie nicht. Hier gelang wohl ein Volltreffer. „Die Konstellation ist mehr als ein Glücksfall“, schwärmt Simon Fetzer. Der erste gemeinsame Song der Band, sozusagen der Fetzer-Grundstein, heißt „Ankommen“.

Momentan ist die Band noch eine Investition und jeder geht seinem regulären Broterwerb nach. Als Profimusiker brauche man mehrere Standbeine, sagt Valentin Hansel und trinkt noch einen weiteren großen Kaffee. Es wird wieder ein langer Tag. Als Gitarrist steht er abends noch auf der Musicalbühne. Stephanie Zimmermann unterrichtet an einer Musikschule und gibt Privatunterricht, auch ihr Arbeitstag endet oft erst, wenn andere den Feierabend genießen.

Diese ungewöhnlichen Arbeitszeiten bedeuten für die Band eine Herausforderung – allein schon, wenn es darum geht, einen Termin für den gemeinsamen Videodreh zu finden. Noch schwieriger wird es, wenn Studioaufnahmen anstehen, die schon mal drei volle Tage verschlingen. Daher ist die Vorproduktion von so großer Bedeutung, daher feilen Fetzer und Hansel schon im Vorfeld so penibel wie möglich an den Songs. Dann sitzt bei den wenigen kostbaren Treffen schon das meiste. Simon Fetzer komponiert die Songs. „Für mich ist die Musik das Wichtigste“, sagt er, „die erzählt eigentlich schon die Geschichte. Die Lyrics fassen sie noch in Worte.“ Seine Melodien entstehen „irgendwo da draußen, in kreativen Phasen“.

Die erste Aufnahme mit Gesang und Pianomusik in Stuttgart-Münster klingt schon nach einem runden Song. Doch Valentin Hansel merkt gleich, welche Instrumente noch fehlen, wo es Lücken gibt, die gefüllt werden müssen. Wenn er einzelne Instrumente dazu arrangiert, erst ein wenig Rhythmus, dann ein paar Gitarrentöne, bekommt der Song erst die richtige Tiefe.

Fetzers poetische, teils geheimnisvolle Texte

Was Fetzer und Hansel innerhalb von gut einem Dutzend Arbeitsstunden entstehen lassen, ergibt ein ziemlich genaues Bild dessen, was dann mit allen Bandmitgliedern und Instrumenten daraus werden kann. Es ist die Grundlage für die spätere Aufnahme im Feuerbacher Tonstudio – ohne Autotune, ohne Fakes. Die Musik ist handmade und authentisch. Aus diesem Grund erscheint das neue Album auch auf Vinyl, ganz oldschool. „Es ist ein unerträglicher Gedanke, Musik nicht mehr anfassen zu können“, sagt Fetzer.

Aktuell ist die EP mit fünf Songs ihres ersten Albums erschienen. Getragen von poetischen, teils geheimnisvollen Lyrics. „Was ich jetzt weiß, ist, dass ich eigentlich alles weiß / Doch was ich weiß, ist, was fast niemand wirklich weiß“, lautet eine Strophe des Songs „Ankommen“. Die Themen seien „mitten aus dem Leben“, sagt Simon Fetzer. „Aber immer mit Wortakrobatik, immer mit Zuversicht und positiver Attitüde“, fügt Valentin Hansel hinzu. Das seien keine Jammersongs. Wie würden sie ihren Musikstil selbst bezeichnen? „Neo-Deutschpop passt wohl am besten“, sagt Simon Fetzer.

Das komplette Debütalbum mit zehn Songs stellt das Sextett bei ihrem Album-Release-Konzert am 19. Dezember im Stuttgarter Jazzclub Bix vor. Danach entscheiden alle gemeinsam, ob Stephanie Zimmermann fester Bestandteil der Band wird. Material für ein weiteres Album gibt es schon genug.

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