Die Stuttgarter Choreologin Georgette Tsinguirides Die Hüterin des Tanzerbes

Von Ulla Hanselmann 

Kein bisschen müde: seit bald siebzig Jahren gehört die Choreologin Georgette Tsinguirides dem Stuttgarter Ballett an. Dass am Dienstag wieder die „Hommage à MacMillan“ auf dem Programm steht, ist nicht zuletzt ihrer Arbeit zu verdanken.

Mit  Konzentration, Disziplin und enormer Erinnerung:  Georgette Tsinguirides (Mitte) in einer Probe mit dem  Ballettmeister Thierry Michel und  der Ballettmeisterin Andria Hall Foto: Ballett
Mit Konzentration, Disziplin und enormer Erinnerung: Georgette Tsinguirides (Mitte) in einer Probe mit dem Ballettmeister Thierry Michel und der Ballettmeisterin Andria Hall Foto: Ballett

Stuttgart - Wenige Minuten vor zwölf erscheint sie im Ballettsaal, in türkisfarbenem Trikot und mit Ballerinas in ballettrosa an den Füßen. Die kleine Person mit dem schwarzen Haarschopf ist leicht zu übersehen bei all den Tänzergrüppchen, die in dem viel zu kleinen Probenraum plaudernd die Köpfe zusammenstecken, sich gedankenversunken warm machen oder noch schnell ein Stück vom Geburtstagskuchen verdrücken, den jemand zur Feier des Tages mitgebracht hat. Georgette Tsinguirides blickt auf den aufgeschlagenen Notationsordner und fährt mit dem Finger über die Linien, auf denen sie in der sogenannten Benesh-Tanzschrift das Ballett einst zu Papier gebracht hat – und vor ihrem inneren Auge verwandeln sich die mikroskopischen Zeichen sofort in getanzte Bewegung.

Die Kompanie probt den siebten Satz des „Requiems“. Kenneth MacMillan hat diese Choreografie seinem Kollegen John Cranko gewidmet, eine Ehrerweisung an ihre innige Freundschaft, die am 28. November 1976, drei Jahre nach Crankos Tod, in Stuttgart uraufgeführt worden ist. Am kommenden Dienstag wird das Werk Teil des Ballettabends „Hommage à MacMillan“ sein, zusammen mit dem „Lied von der Erde“, das MacMillan zu der Musik von Gustav Mahler vor nunmehr fast fünfzig Jahren geschaffen hatte. Anlass der Wiederaufnahme ist der 85. Geburtstag, den der 1992 verstorbene Schotte in diesem Jahr hätte feiern können; beide Werke, eigens für die Stuttgarter Kompanie kreiert, sind Ausdruck seiner großen Verbundenheit mit der Stadt und seinen Tanzlegenden Marcia Haydée, Birgit Keil, Egon Madsen und Richard Cragun.

Mit Argusaugen verfolgt sie die Probe

Ein Blick zur Uhr, kurzes Händeklatschen, die Probe beginnt. Zwei Tänzerinnen und vier Tänzer formieren sich vor der Ballettmeisterin. Ihre Körper verflechten sich, um sich anmutig wieder voneinander zu lösen und sodann zu kräftezehrenden Hebefiguren anzuheben. Georgette Tsinguirides verfolgt die Bewegungen mit Argusaugen, korrigiert mit sparsamen Gesten hier eine Armhaltung, dort eine Fußposition, fast murmelnd erteilt sie ihre Anweisungen, nur einmal hebt sie die Stimme: „A little more quiet, this is a rehearsal!“ – bitte mehr Ruhe, dies ist eine Probe.

Einige Tänzer überragen die zierliche, aber gar nicht zerbrechlich wirkende Dame um zwei Köpfe, dennoch ist der Respekt, mit der sie ihr begegnen, mit den Händen zu greifen. Georgette Tsinguirides ist 86 Jahre alt, eine Institution am Eckensee, von der Kompanie hoch geschätzt, verehrt, geliebt. Die Tochter eines Griechen und einer Deutsch-Belgierin, die in Stuttgart aufwuchs, kam nach ihrer Ausbildung in Paris und London 1945 zum Stuttgarter Ballett – im nächsten Jahr wird sie ihre siebzigjährige Zugehörigkeit feiern. 1957 wurde sie Solistin, dann machte der große John Cranko sie zu seiner Assistentin und schickte sie nach London, um dort die sogenannte Benesh Movement Notation zu studieren. Ein Schriftsystem, das auf fünf Linien basiert, stellvertretend für die Körperregionen Fuß, Knie, Hüfte, Schulter und Kopf. Jede kleinste Bewegung, die Position im Raum sowie die Konstellation der Tänzer kann so mit winzigen Symbolen dargestellt werden.

Vermächtnis von unschätzbarem Wert

Als erste Choreologin Deutschlands kehrte sie 1966 nach Stuttgart zurück. Seitdem hat „Georgettelein“, wie Marcia Haydée sie manchmal zärtlich nennt, Großes vollbracht. In zeitraubender Fleißarbeit hielt sie Crankos wichtigste Werke, aber auch Choreografien von John Neumeier oder eben Kenneth MacMillan für die Nachwelt fest und schuf damit ein Vermächtnis von unschätzbarem Wert: Georgette, die Hüterin des Tanzerbes.

Immer noch, wenn auch seltener als früher, reist sie um die Welt, um an anderen Häusern Cranko-Ballette einzustudieren. Doch es sind ja nicht nur ihre Verschriftlichungen, die auch in Zukunft noch werkgetreue Aufführungen ermöglichen werden. Weil sie bei der Entstehung der Cranko-Werke live dabei war, kann sie ihr Wissen und ihre Erinnerung auch mündlich an die nachkommenden Generationen weiter geben. Dies gilt auch für MacMillans „Requiem“ und sein „Lied von der Erde“. Beide Choreografien wollte er am Royal Ballet in London aufführen, dort aber erteilte man ihm zweimal eine Absage: Mahler sei untanzbar, hieß es beim „Lied“. Sein Freund John Cranko indes gab ihm die Carte blanche: „Dann mach‘ es für uns.“ Beim späteren „Requiem“ öffnete ihm dann Marcia Haydée, Crankos Nachfolgerin als Ballettdirektorin , die Türen.„Entscheidend ist, was zwischen den Zeilen liegt“, sagt Georgette Tsinguirides. Die Notation sei das eine – die Botschaft, das Warum und das Wieso, das andere. Genau das versuche sie den jungen Tänzerinnen und Tänzern zu vermitteln. Dazu kommen heute freilich noch die Videoaufnahmen, die sich mit ein paar Touchbefehlen am Smartphone oder Tablet in den Ballettsaal holen lassen. In ihren Augen ist das aber ein unvollkommenes Dokumentationsmittel: „Im Film sieht man ja nicht, was im Rücken des Tänzers passiert! Nein, die Notation ist das einzig Wahre.“

Disziplin, Leidenschaft und kein bisschen Müdigkeit

Das „Requiem“ sei ein „spezielles Ballett“, voller Traurigkeit über den Verlust des Freundes, aber – und da wird sie ganz bestimmt: „Am Schluss führt der Weg ins Licht, das ist zentral!“. Das sagt sie vor der Probe in ihrem Zimmer, Raum BHG/2/2, prall gefüllt mit Fotografien, Programmheften, Dokumenten, Erinnerungsstücken. Nur kurz gewährt sie uns einen Blick in den Schrank auf die Reihen mit den orangefarbenen Ringbüchern. Mit ihnen arbeitet sie, die Originale der Notationen indes sind sicher weggeschlossen. Der Raum birgt ihr Leben für und mit dem Tanz, das begann, als sie sechs Jahre alt war und erstmals einen Ballettsaal betrat. Nun, achtzig Jahre später, kann sie immer noch nicht davon lassen: Sie mache einfach weiter, sagt sie. Wenn sie mal zum Arzt müsse, lege sie den Termin frühmorgens, um spätestens um 9.30 Uhr im Opernhaus sein zu können. Disziplin, Leidenschaft und kein Zeichen von Müdigkeit – nur einmal merkt sie an, dass für die Notierung neuer Ballette eigentlich eine zweite Choreologin vonnöten wäre: „Das Repertoire ist sehr umfangreich, da wäre eine Unterstützung hilfreich.“

Ganz am Schluss dann ein entscheidender Satz: „Wir Tänzer sind anders als normale Menschen, wir stecken die Dinge besser weg und machen nicht so große Dramen.“ Auf ihrem Schreibtisch steht ein kleiner Wecker. Die Zeit mit ihr ist um. Um Zwölf beginnt die Probe.