Die Stuttgarter Fotografin Ingrid Hertfelder Kreativ mit KI

Die Mitglieder des Stuttgarter Schauspielensembles reisen virtuell in ihre Wunschwelten: Felix Strobel zaubert verzückte Glitzer in eine düstere Welt voller Panzer. Foto: Ingrid Hertfelder

Die Fotografin Ingrid Hertfelder wirbt mit fantastischen Schauspieler-Porträts fürs Theater. Eine Verführung zur Kunst, der kaum zu widerstehen ist.

Es ist die Visitenkarte des Hauses, allerdings eine, die in kein noch so großes Portemonnaie passt: Fast ein Kilo schwer und mehr als 200 Seiten stark ist das Jahr für Jahr erscheinende Spielzeitbuch der Stuttgarter Staatstheater eine Einladung zur Kunst. Hereinspaziert, ruft uns die opulente Saisonvorschau zu, ein Lockruf, dem kaum zu widerstehen ist, wie der Zuspruch für Oper, Ballett und Schauspiel zeigt.

 

Und den Grundstein zum Erfolg des Dreispartenhauses am Eckensee legt der als repräsentatives Lesebuch konzipierte Infoband. An seiner Gestaltung wirkten bereits der Maler Norbert Bisky, der Comiczeichner Nicolas Mahler und der Entertainer Harald Schmidt mit, allesamt Meister ihres Metiers. Dieses Jahr ist es eine Frau, die im Coffee-Table-Buch mit brillanten hyperrealistischen Kunstwelten auffällt: die Fotografin Ingrid Hertfelder. Ingrid who?

Der Reihe nach. Die Geschichte beginnt mit dem Schauspiel-Intendanten Burkhard Kosminski. Er hatte die Idee, die Mitglieder seines Ensembles in Wunschwelten reisen und sie dort fürs Buch porträtieren zu lassen: „Als ich das Projekt vorstellte, freuten sich alle auf Südafrika, den Dschungel oder wenigstens das Allgäu.“ Aber weil selbst der Staatstheater-Etat solche Dienstreisen nicht hergibt, verfiel er auf eine andere Lösung: auf die KI, die Künstliche Intelligenz und ihrer Bilder schöpfenden Kraft. Sie musste man nur mit den in Worte gefassten Fantasien der Spieler und Spielerinnen füttern – und schon ploppte die Welt, in der sie sein wollten, auf dem Bildschirm hoch. In der Theorie. In der Praxis aber, sagt der Intendant, bedurfte es eines „Superprofis“, der die fiktiven Abenteuertrips umsetzte.

Ingrid Hertfelder /Max Walter

Den Superprofi fand er in der 1979 in Schwäbisch Gmünd geborenen Ingrid Hertfelder. Ihr verdanken wir die verrätselten, Geschichten erzählenden Fantasiebilder im Schauspiel-Kapitel des Spielzeitbuchs. Da reitet die Schauspielerin Sylvana Krappatsch tiefenentspannt vor der New Yorker Skyline auf einem Kamel durch die Wüste; Reinhard Mahlberg trinkt mit einem Löwen genießerisch Rotwein; Paula Skorupa fliegt auf dem Rücken eines Adlers mit wehenden Haaren über die Steppe; Felix Strobel zaubert verzückt Glitzer in eine düstere Welt voller Panzer – und so weiter mit dem Katalog der magischen Paralleluniversen, in der die Porträtierten ihr Glück gefunden haben. Vergleichbar bizarre, bis ins Detail ausgeklügelte Settings kennt man sonst nur aus Filmen von Wes Anderson – und jetzt als Stuttgarter Verführung zur Kunst im Theater.

„Als die Anfrage von Burkhard Kosminski kam, habe ich sofort zugesagt“, sagt die in den USA ausgebildete Hertfelder. „Ich freute mich riesig aufs Projekt, obwohl ich zuvor noch nie mit KI gearbeitet hatte.“

Sylvana Krappatsch reitet vor der New Yorker Skyline auf einem Kamel durch die Wüste. Foto: Ingrid Hertfelder

Dass selbst sie auf diesem Zukunftsfeld eine Novizin ist, merkt man den betörenden Aufnahmen nicht im Geringsten an. Aufbauend auf den KI-Vorschlägen, hat Hertfelder die vom Rechner gelieferten Szenerien aufs Feinste nachjustiert und die 31 Ensemblemitglieder so kongenial in die Sehnsuchtsorte eingefügt, dass Reales und Surreales eine irre Symbiose eingehen.

Das aufwendige Equipment für das Experiment bot Hertfelders Atelier in Stuttgart-Fasanenhof allerdings nicht. Als Kooperationspartner hatte Kosminski die Hochschule der Medien gewonnen. Statt um die Welt führten die Theater-Dienstreisen also auf den Uni-Campus in Vaihingen, wo die zierliche, mit ihren 45 Jahren sehr jugendlich wirkende Fotografin beste Voraussetzungen fand: ein Team Studierender aus dem Studiengang Audiovisuelle Medien und ein KI-Studio mit allen Schikanen.

Aber wie läuft die Arbeit ab? Wie fügt man Felix Strobel als Sternenfee in die kaputte Welt ein, die er retten will? „Sie müssen sich das Ganze wie auf einem Filmset vorstellen“, sagt die Fotokünstlerin. „Die nachbearbeiteten KI-Bilder werden auf einen für den Darsteller sichtbaren Bildschirm geworfen. Der Darsteller selbst steht vorm Green Screen, der grünen Leinwand, und wird so ausgeleuchtet, dass es dem KI-Bild entspricht, in das er dann gekeyed, also projiziert wird. Jetzt kann er sich im Bild bewegen, als wäre es dreidimensional. Dazu braucht er keine VR-Brille, nichts.“ Felix Strobel musste sie nur noch den Magierhut auf den Kopf setzen, um ihn vor der Panzerkulisse als Zauberer kenntlich zu machen. Dann konnte das eigentliche Shooting beginnen.

Zur Erklärung des Prozedere benutzt Ingrid Hertfelder immer wieder Fachbegriffe, aber sie erklärt sie, sobald sie ins ratlose Gesicht ihres Gegenübers blickt. Man ahnt: In Wirklichkeit ist die Präzisionsarbeit mit der eigensinnigen KI viel schwieriger und zeitaufwendiger, als sie es hier für Laien in einfacher Sprache schildert.

Begegnungen mit Weltstars

Den KI-Shootings in der Hochschule vorgeschaltet waren traditionelle Porträtaufnahmen, die sich Kosminski ebenfalls wünschte, strenge, konzentrierte Nahaufnahmen der Schauspieler fürs Theaterfoyer. Anders als bei der KI betrat Hertfelder damit kein Neuland. „Ich liebe Porträts. Ich versuche, die Seele der Menschen zu erfassen“, sagt sie. In den zehn Jahren, die sie nach dem Abitur in den USA verbrachte, über Stationen in Dublin und London, arbeitete sie auch am Jazz at Lincoln Center in New York, dem weltberühmten Kulturzentrum in Manhattan. Auf und hinter der Bühne sowie im privaten Umfeld bekam sie viele Musiker vor die Linse, die sie als Jazzfan ohnehin verehrte: Roy Hargrove, Jon Batiste, Bobby McFerrin und Wynton Marsalis, dazu Popmusiker wie Lenny Kravitz, Bruce Springsteen, Stevie Wonder und last, not least den Schauspieler Sidney Poitier. Noch immer bekommt sie leuchtende Augen, wenn sie sich an die Begegnungen mit den Weltstars erinnert.

Reinhard Mahlberg trinkt mit einem Löwen Rotwein Foto: Ingrid Hertfelder

Von New York verschlug es die weltoffene Schwäbin an die Kunsthochschule nach Savannah, Georgia, zum Studium der Fotografie. Um ein Stipendium zu bekommen, schrieb ihr Wynton Marsalis, Leiter des Jazz at Lincoln Center, in zierlicher Füllfederschrift eine Empfehlung: „Dank ihrer hochqualitativen Fotos und ihrer offenen Herangehensweise hat sich Ingrid in unserem Haus unersetzlich gemacht. Sie verfügt über ein natürliches Gespür für Menschen und Situationen und über ein ungewöhnliches Maß an Enthusiasmus, Interesse und Ehrgeiz.“ Deshalb, so der Jazz-Gigant, sei er vom Hausfotografen inständig gebeten worden, diese Zeilen nicht zu schreiben, denn der wolle sie unbedingt behalten. Marsalis hat die Hymne auf „die wunderbare junge Frau“ aus Deutschland trotzdem verfasst. Zum Glück. Wer sonst hätte die Visitenkarte des Schauspiels so toll durch die entrückten Tiefen von Raum und Zeit gleiten lassen, wer sonst als die Fotokünstlerin Ingrid Hertfelder?

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