Die Stuttgarter Initiative Silberpfote bringt verwaiste Hunde und Herrchen zusammen Pudel to go

Der Projektleiter Marcel Yousef koordiniert die Einsätze von seinem Botnanger Büro aus. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Manche haben einen Hund, sind aber zu gebrechlich, um sich richtig um ihn zu kümmern. Manche hätten gerne einen Hund, sind aber zu beschäftigt, um sich einen anzuschaffen. Die Stuttgarter Initiative Silberpfote führt Menschen und Haustiere zusammen

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Stuttgart - Elena Gippert-Raff faszinieren Hunde. Es gibt ja kein Haustier, das dem Homo sapiens in der sozialen Orientierung näher steht als der Canis lupus familiaris. Doch als ihr Langhaardackel Axel für immer von ihr gegangen war, wollte Ehemann Helmut ein ungebundenes Rentnerleben führen: Nicht mehr bei jedem Wetter raus müssen, auch mal eine Flugreise machen – das erschienen ihm verlockende Vorteile der Hundelosigkeit zu sein.

 

Vor drei Jahren starb Helmut Raff unerwartet, und seine Frau saß plötzlich alleine in der Möhringer Wohnung. Sie brauchte wieder einen treuen Partner, jemanden, der die große Lücke in ihrem Herzen füllt. Im Internet wurde Elena Gippert-Raff schnell fündig. Der Neue an ihrer Seite heißt Theo vom Weidenlauf und ist ein sehr attraktiver Bursche: mittelgroß, schlank, schwarze Locken. Zudem intelligent, ausgeglichen und kinderlieb. Letztgenannter Charakterzug war Elena Gippert-Raff besonders wichtig, denn sie hat vier Enkel, Kajsa, die jüngste, ist gerade mal neun Monate alt. Der Königspudel schlabbert Kajsa gerne mal zärtlich durchs Gesicht.

Theo ist top erzogen. Schon als Welpe besuchte er die Hundeschule, lernte Jogger zu ignorieren und zu kommen, wenn man ihn ruft. Nach dem Grundgehorsam absolvierte er eine Fortbildung zum Besuchshund. Seither begleitet er Elena Gippert-Raff, wenn sie sich im Hospiz ehrenamtlich um trauernde Angehörige kümmert. Manche Klienten finden etwas Trost, wenn sie Theo streicheln dürfen, sein Fell war schon öfters von Tränen durchnässt. Zur Belohnung dafür, dass er so ein braver Kerl ist, bekommt Theo von seinem Frauchen ausschließlich rohes Fleisch serviert und darf die Nächte im Körbchen neben dem Bett verbringen.

Wohin mit dem Hund?

Alles könnte perfekt sein. Doch eines schlechten Tages tut Elena Gippert-Raff plötzlich das rechte Knie heftig weh. Nekrose lautet die niederschmetternde Diagnose, eine Art Knocheninfarkt. Anderthalb Jahre quält sie sich noch durch, zeitweise spaziert sie auf Krücken gestützt mit Theo durch den Weidach- und Zettachwald. Mitte Oktober geht dann gar nichts mehr. „Sie müssen sich operieren lassen“, sagt ihr Arzt. Was soll nun bloß aus Theo werden?

Etwa zur gleichen Zeit besucht Madeleine Etüs das Stuttgarter Tierheim. Joschi, ihr geliebter Kleinpudel, ist gestorben, und die 28-Jährige will die Sachen spenden, die von ihm übrig geblieben sind: Körbchen, Halsbänder, Leinen, Spielzeug, Futter. An der Informationstheke entdeckt Madeleine Etüs einen Flyer des Vereins Silberpfoten: „Möchten Sie Menschen und Tieren einen gemeinsamen Lebensabend ermöglichen? Dann nehmen Sie Kontakt zu uns auf.“ Ein paar Tage später steht Madeleine Etüs mit ihrem Mann Andreas vor der Haustüre von Elena Gippert-Raff.

Fast ein Jahr ist seither vergangen, mehr als hundert Gassi-Runden hat das Ehepaar Etüs bereits mit Theo gedreht. Immer montags und mittwochs fahren die beiden IT-Spezialisten direkt von ihrer Arbeit bei Daimler im Möhringer Sternhäule ein paar hundert Meter die Kurt-Schumacher-Straße hinunter zu Elena Gippert-Raff. Im Bad ziehen sich Madeleine und Andreas Etüs geschwind um. Dann bekommen sie von der 73-Jährigen eine Gürteltasche überreicht, gefüllt mit Kotbeuteln, Leckerlis und einem knallroten Quietscheball. Der Königspudel ist schon völlig aus dem Häuschen und wedelt wild mit dem halb geschorenen Schwanz.

Theo, der junge Macho

Auf dem Weg ins Körschtal erzählt Madeleine Etüs, dass sie als Grundschülerin Joschi geschenkt bekommen habe. Ihre Eltern waren oft beim Schichten, aber ihr Hund war stets bei ihr, auch noch während des Studiums in Konstanz. 16 Jahre wurde der Kleinpudel alt. „Irgendwann werde ich mir wieder einen Hund anschaffen,“ sagt sie. „Aber solange Andreas und ich voll berufstätig sind, geht das leider nicht.“

Theo hat sie mittlerweile ins Herz geschlossen, als wäre es ihr eigener Pudel. Madeleine Etüs mag, wie der junge Macho mit der Hundedamenwelt flirtet. Manchen männlichen Konkurrenten kann Theo hingegen nicht leiden. Wenn andere Rüden auftauchen, sollte man ihn vorsichtshalber anleinen. „Es ist wichtig, dass man die Körpersprache der Hunde deuten kann, damit man keinen Stress bekommt.“

Am anderen Ende der Stadt, in einem Büroraum des Tierschutzvereins Stuttgart, sitzt Marcel Yousef und sagt, dass alle bei Silberpfoten registrierten Gassigeher versichert seien: „Aber bisher ist glücklicherweise noch nichts passiert.“ Yousef, ein Enddreißiger mit tätowiertem, kahl geschorenem Kopf, war anderthalb Jahrzehnte lang im Tierheim als Pfleger tätig. In seinem Arbeitsalltag erfuhr er, was demografischer Wandel bedeutet. „Die Zahl der alten Menschen, die sich nicht mehr richtig um ihre Haustiere kümmern können, nimmt ständig zu“, erzählt er. „Deswegen verwahrlosen leider immer mehr Hunde oder landen im Tierheim.“

Einmal wurde Yousef von einer 86-Jährigen angerufen, die darüber klagte, dass ihr West-Highland-Terrier „nach Verwesung riecht“. In ihrer Hochhauswohnung stellte sich heraus, dass der Hund unter einer schweren Ohrenentzündung litt. „Der gesamte Gehörgang war vereitert.“ Doch konnte man der alten Dame ihren besten Freund und den einzigen Sozialpartner wegnehmen, der ihr noch geblieben war? „Durch solche Fälle wurde uns klar, dass wir einen Weg finden müssen, den Menschen und ihren Tieren zu helfen. Sie sollen so lange wie möglich zusammenbleiben können“, sagt Yousef.

Manche Klienten sind nicht nur alt, sondern auch arm

2014 entsteht die Initiative Silberpfoten. Das Prinzip: Ehrenamtliche leisten Nachbarschafthilfe, jeder so viel, wie er kann und will. Der Hauptamtliche Marcel Yousef koordiniert die Einsätze. Vom ersten Tag an ist das Projekt, wie Yousef sagt, „ein Fass ohne Boden: der Bedarf ist stets größer ist als das, was wir leisten können“. Mehr als 500 Mitarbeiter sind inzwischen in seinem E-Mail-Verteiler, aktuell werden 76 Senioren und ihre Tiere betreut. „Ich habe eine Sieben-Tage-Woche und bekomme trotzdem nicht alles erledigt, was erledigt werden müsste“, sagt Marcel Yousef.

Manche seiner Klienten sind nicht nur alt, sondern auch arm. Wenn das Geld wieder mal nicht reicht, bekommen sie von Silberpfoten Hundefutter geschenkt oder den Tierarzt bezahlt. „Die Spenden, die wir erhalten, decken unsere Ausgaben bei Weitem nicht“, sagt Marcel Yousef. Ohne die finanzielle Unterstützung durch den Stuttgarter Tierschutzverein könnte die Initiative nicht existieren.

„Ein Haus ist kein Zuhause ohne einen Hund“, steht an der Wohnungstür im dritten Stockwerk des Seniorenstifts Vogelsang. Die Australian-Shepherd-Dame Tessie springt freudig an dem Besucher hoch, Gabriele Pfündel zündet sich eine Zigarette an. „Was soll ich Ihnen erzählen?“

Fangen wir ganz von vorne an: Gabriele Pfündel hat panische Angst vor Hunden – bis sie auf dem spanischen Jakobsweg wandert und unterwegs auf wild lebende Rudel trifft. „Seither weiß ich, dass mir von diesen Kreaturen gewiss keine Gefahr droht.“ Als sie wieder in Stuttgart ankommt, ist in ihr die Sehnsucht nach einem vierpfötigen Begleiter geweckt.

Tessie fühlt sich wohl

Mit Mitte 50 geht sie vorzeitig in Rente – schon damals macht ihr die Gesundheit zu schaffen – und schenkt sich Tessie. Als die Hündin bei ihr einzieht, ist sie gerade mal zehn Wochen alt. Sie zerkaut Stuhlbeine, schmeißt Vasen um und pinkelt auf den Teppich. Damit Tessie stubenrein wird, muss sie Gabriele Pfündel drei Mal in der Nacht das ganze Treppenhaus hinunter ins Freie tragen. Doch liebt sie ihre Hündin vom ersten Tag an wie eine Mutter ihr Baby.

Acht Jahre lang kann Gabriele Pfündel ausgiebige Waldspaziergänge mit ihrer quirligen Australian-Shepherd-Dame machen. Im Herbst 2017 dann der Schock: bei Gabriele Pfündel wird ein Tumor entdeckt, sie muss so schnell wie möglich unters Messer. Doch wo soll Tessie bleiben, wenn sie im Krankenhaus liegt? „Versuchen Sie es bei den Silberpfoten“, rät die Tierärztin.

Ein paar Tage später füllt Gabriele Pfündel im Büro des Stuttgarter Tierschutzvereins einen zweiseitigen Fragebogen aus. Ist die Hündin kastriert, geimpft und entwurmt? Ja. Wie kommt sie mit Artgenossen klar? Bestens. Wie reagiert sie auf Menschen? Freundlich. Und so weiter. „Machen Sie sich keine Sorgen, Frau Pfündel“, sagt Marcel Youssef. „Ich bringe Tessie im Hundeseniorenhaus des Tierheims unter, während Sie in der Klinik sind.“

Inzwischen hat Gabriele Pfündel die zweite Operation hinter sich, eine dritte steht ihr bevor. Sie weiß, dass sich Tessie bei den betagten Hunden im Stuttgarter Tierheim wohlfühlt. „Für mich ist das eine unglaubliche Erleichterung“, sagt sie. Und weil ihr für lange Spaziergänge die Kraft fehlt, hat Gabriele Pfündel zudem drei Gassigängerinnen vermittelt bekommen: eine Lehrerin, eine Sonderpädagogin und eine Mediendesignerin.

Nicht jeder kriegt die Leine in die Hand

Elf weitere Interessentinnen hatten sich bei ihr gemeldet. „Es gibt viele junge Frauen, die gerne einen eigenen Hund hätten, aber beruflich zu eingespannt sind“, sagt Gabriele Pfündel. Die ehemalige Sozialarbeiterin vertraut ihren Schatz aber nicht jeder an. Potenzielle Dogsitterinnen lädt sie zu einem Bewerbungsgespräch in ihre Wohnung und auf eine gemeinsame Waldrunde ein. Erst wenn sie spürt, dass Tessie von der Fremden begeistert ist, gibt Gabriele Pfündel die Leine aus der Hand.

Am Ortsrand von Möhringen ist der Bedarf an Ausleihhunden nicht ganz so groß wie im dicht besiedelten Stuttgarter Westen. Weil die Gassigänger Madeleine und Andreas Etüs bald in ihr neues Eigenheim nach Herrenberg umziehen und sich dann nicht mehr so häufig um Theo kümmern können, sucht Elena Gippert-Raff zurzeit nach Verstärkung. Auf der Facebook-Seite von Silberpfoten wird für Theo geworben: „Liebevoller, actiongeladener Pudel – nur was für Standfeste – freut sich über jeden, der mit ihm große Spaziergänge macht, da Frauchen aktuell noch ausfällt.“ Interesse an einem Königspudel to go?

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