Die Suche nach dem Gegenmittel Wann kommt der erste Impfstoff?

In den Laboren des biopharmazeutischen Unternehmens Curevac wird an einem Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus getüftelt. Foto: x-default/Patrick Hipp

Die Tübinger Firma Curevac konkurriert mit Biotech-Start-ups, Unis und staatlichen Behörden um ein Mittel gegen das Coronavirus.

Tübingen - Das Virus kam per Mail. Gemeint ist kein fieser Computerbug, sondern die Erbgutsequenz des neuartigen Coronavirus, die chinesische Forscher Anfang des Jahres entschlüsselt und öffentlich gemacht hatten. Der genetische Code war alles, was Curevac brauchte, um mit der Entwicklung eines Impfstoffs zu beginnen. Auf leibhaftige Erre ger verzichtet die Tübinger Firma und setzt stattdessen auf Biotechnologie: Damit wird das Arzneimittel synthetisiert – ein enormer Zeitgewinn gegenüber herkömmlichen Verfahren. Längst ist ein Wettlauf um den ersten Corona-Impfstoff entbrannt: Curevac konkurriert mit Biotech-Start-ups, Unis und staatlichen Behörden in aller Welt. Wer am Ende die Nase vorn hat, wird nicht nur Tausende Menschen vor Krankheit schützen; auch Aufträge, Investitionen und Prestige stehen in Aussicht.

 

Tübinger Firma wird von Bill Gates gesponsert

Seit Sars-CoV-2 im Dezember erstmals in der chinesischen Stadt Wuhan aufgetaucht ist, hat es sich rasant verbreitet. Mehr als 100 000 Infizierte und 3800 Tote zählt die Weltgesundheitsorganisation. Für Deutschland meldet das Robert-Koch-Institut rund 1100 Covid-19-Patienten, circa 200 Fälle nennt das Landessozialministerium für Baden-Württemberg. Die weitere Ausbreitung eindämmen soll der gesuchte Impfstoff – laut dem Curevac-Mitgründer Ingmar Hoerr ein „Training für das Immunsystem, sich für einen Erreger zu rüsten, bevor er da ist“. Frisch von der Uni, den Doktortitel gerade in der Tasche, hat er das Unternehmen vor 20 Jahren gegründet. Heute beschäftigt die Aktiengesellschaft mit Standorten in Tübingen, Frankfurt und Boston 460 Mitarbeiter, kooperiert mit großen Pharmakonzernen wie Boehringer Ingelheim sowie Eli Lilly und wird gesponsort von Dietmar Hopp und Bill Gates. Die beiden Software-Pioniere von SAP und Microsoft als Gesellschafter gewinnen konnte Hoerr, weil er den menschlichen Körper als Betriebssystem begreift: „Gibt man ihm die nötige Information, produziert er seine eigene Medizin.“

Das gilt auch für das Coronavirus. Eine winzige Kugel, rundum besetzt mit Zacken – das seien Proteine, erklärt Hoerr, mit denen der Erreger in die Wirtszelle eindringt. Hier setzen er und sein Team an: Sie trainieren das Immunsystem darauf, das Hüllprotein als Antigen, also als Eindringling, zu erkennen und zu bekämpfen. Dazu machen sie sich einen natürlichen Prozess zunutze: Im Körper bewirkt das Botenmolekül mRNA (messenger Ribonucleic acid), dass genetische Informationen in Proteine übersetzt werden. Diese mRNA programmiert das Curevac-Team nun so um, dass sie die Produktion des Corona-Hüllproteins veranlasst und damit eine Abwehrreaktion provoziert.

Schneller Zulassung dank Baukastensystem?

Ende Januar erteilte die internationale Impfstoffkooperation CEPI den Tübingern die Zusage für eine Förderung mit 7,5 Millionen Euro, um einen Impfstoff zu finden, herzustellen und in Studien zu prüfen. CEPI ist eine öffentlich-private Allianz, das Bundesministerium für Bildung und Forschung ist Gründungsmitglied. Die mRNA-Technologie ist für Hoerr die „Medizin der Zukunft“, er spricht von „Mission“, sogar von „Revolution“: Denn die mRNA sei wie ein Baukasten, bei dem immer nur ein Baustein, das Antigen, ausgetauscht werde: „Das macht die mRNA universell einsetzbar.“ Nicht nur für einen möglichen Impfstoff gegen das Coronavirus, sondern auch gegen Tollwut, Grippe und Krebs. Die damit verbundene Hoffnung, dass auf diese Weise vom Paul-Ehrlich-Institut schneller die Erlaubnis für klinische Tests an Menschen mit dem Sars-CoV-2-Impfstoff zu erhalten sein wird, dämpft der Präsident der Genehmigungsbehörde jedoch. „Man kann vom RNA-Impfstoff gegen Tollwut nicht direkt überleiten zu den Problemen vom RNA-Impfstoff gegen Sars-CoV-2“, sagt Klaus Cichutek: „Nur in Teilen, aber nicht insgesamt.“

Normalerweise dauere die Entwicklung eines Impfstoffs Jahre, kritisiert Hoerr. Doch in Sachen Corona-Bekämpfung drängt die Zeit. Dank mRNA könnten Tests an Menschen bereits im Frühsommer beginnen, und der Impfstoff könnte innerhalb eines Jahres auf den Markt kommen, meint Curavec – während das Paul-Ehrlich-Institut nicht mit einer allgemeinen Zulassung dieses oder nächstes Jahr rechnet. Denkbar sei allerdings, was Hoerr vorschwebt: dass die drei Phasen der klinischen Tests an Menschen verkürzt werden könnten, „indem man nach erfolgreichen klinischen Tests in Phase I die klinischen Tests in Phase II oder III auch in einer besonders gefährdeten Population wie beispielsweise Krankenhauspersonal durchführt“. Damit würde man Impfstoff-test und -einsatz kombinieren.

Mehr als Geschäftsinteresse

Die USA sind schon weiter: Dort hat Moderna die ersten Tests an Menschen angekündigt. Die Aktiengesellschaft mit Sitz in Cambridge stützt sich ebenfalls auf die mRNA-Technologie, ist mit 820 Mitarbeitern aber deutlich größer als Curevac und hat mit dem staatlichen Bundesinstitut für Allergien und Infektionskrankheiten einen starken Partner an ihrer Seite. Die australische Universität Queensland stabilisiert mit einer sogenannten molekularen Klemme das Corona-Hüllprotein in seiner Form, damit es vom Immunsystem erkannt wird. Und die US-amerikanische Firma Inovia arbeitet gemeinsam mit einer militärischen Forschungseinrichtung an der DNA. DNA, RNA und Protein: Diese Plattformen reproduzieren und modifizieren die vier Entwickler. Ihnen verdanken sie die Finanzierung durch CEPI.

Die Konkurrenz sieht Hoerr sportlich. Es gehe um mehr als Geschäftsinteressen. „Wir wollen gemeinsam das gesamte Feld voranbringen“, sagt er: „Deswegen sind wir trotz Wettbewerb aufeinander angewiesen.“ Für Hoerr bedeutet das Coronavirus auch eine Chance: „Trotz aller Dramatik könnte die Epidemie der Zündfunke sein, sich der Biotechnologie mehr zu öffnen als in der Vergangenheit.“

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