Die SWR-Radiosinfonieorchester müssen sparen Von Status quo bis Fusion: alles ist drin

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Der SWR unterhält zwei Sinfonieorchester – eines in Baden-Baden und eins in Stuttgart. Ist das zu viel? Der Intendant möchte nichts ausschließen.

Wie sollen die Klangkörper 20 Prozent einsparen? Foto: StZ Montage: Schlösser
Wie sollen die Klangkörper 20 Prozent einsparen? Foto: StZ Montage: Schlösser

Stuttgart/Baden-Baden - V or fünfzehn Jahren ist es gewesen, hoch über Stuttgart. Bei dem Pressetermin auf dem Fernsehturm ging es vor allem um Roger Norrington, den künftigen Chefdirigenten des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart. Anwesend war auch Hermann Fünfgeld, damals der Intendant des Süddeutschen Rundfunks. Der Termin fand ein Jahr vor der Fusion der beiden Sendeanstalten zum 1. Oktober 1998 statt. Aus dem württembergischen SDR und dem badischen SWF sollte der Südwestrundfunk werden. Aus heutiger Sicht brisant war ein Nebensatz, in dem Fünfgeld für die beiden renommierten Rundfunkorchester im Südwesten Deutschlands eine Bestandsgarantie abgab. Aber dann schob der Intendant nach: „Für einen überschaubaren Zeitraum.“

Die Garantie für das RSO in Stuttgart und das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (SO) scheint nun abgelaufen zu sein; jedenfalls muss sie neu verhandelt werden. Gestern hat der SWR-Intendant Peter Boudgoust bei einer Klausur des Verwaltungsrats angekündigt, im Sender prüfen zu wollen, welche Möglichkeiten bestehen, bei den beiden Orchestern zu sparen. Eine Prüfung, die „völlig ergebnisoffen“ sei, wie Boudgoust gegenüber der Stuttgarter Zeitung betonte.

Viel hat sich verändert im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk seit dem Termin auf dem Stuttgarter Fernsehturm. Nach der Fusion zum zweitgrößten deutschen Sender, einer Zweiländeranstalt, sind rund 800 feste Stellen beim SWR abgebaut worden. Zunehmend setzt man auf freie Mitarbeiter. Seit rund fünf Jahren aber leidet der SWR an einer „inneren Auszehrung“, wie Peter Boudgoust es formuliert.

Die Tariferhöhungen der Gehälter etwa übersteigen die Erhöhung der Gebührenanpassung – und die Politiker sind nicht gewillt, das in den kommenden Jahren zu ändern. Anfang letzten Jahres hat die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten geraten, erstmals die Rundfunkgebühren nicht zu erhöhen. Grund ist die Umstellung von der geräteabhängigen Abgabe auf die pauschale Haushaltsabgabe, denn keiner weiß genau, wie viel Geld am Ende fließt. Für die Mediennutzer eine gute Nachricht, eine schlechte für die Sender: mindestens bis Ende 2014 ist der Beitrag stabil. Doch bleibt der Ertrag gleich oder sinkt er gar, was einige Experten annehmen, werden Inflation und andere Kostensteigerungen sie umso mehr zur Ausgabenabstinenz zwingen.

ARD unter Dauerbeobachtung

Hinzu kommt, dass die ARD unter Dauerbeobachtung steht: der Presse, der Zuschauer und der gesellschaftlichen Kräftet, vertreten in den Rundfunkräten. Jeder Einzelne hat eine Meinung, und natürlich machen die Sender alles falsch. Entweder sind sie zu elitär oder zu angepasst (ans untere Niveau des Privatfernsehens), zu populistisch – für Fußballlizenzen sei immer Geld übrig – oder sie sind Verwalter des Überflusses. Wer braucht denn gebührenfinanzierte Gebilde, die im hässlichen Technokratendeutsch Klangkörper heißen: Orchester, Experimentalstudios für Neue Musik, Chöre und Big Bands?

Die Diskussion um sie, um den Umfang ihres gesetzlich verankerten Kulturauftrags, flammt alle Jahre wieder auf. Und immer wieder hat das Konsequenzen. Beim SWR kam das Annus horribilis 2004. Boudgousts Vorgänger Peter Voß legte Pläne auf den Tisch, die bundesweit bei Kulturinteressierten, Musikern, auch einigen Politikern, heftigen Widerspruch auslösten. Am Ende setzte sich Voß weitgehend durch: das zum SWR gehörende kleinere Rundfunkorchester Kaiserslautern verschmolz 2007 mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester des Saarlands zur Deutschen Radiophilharmonie. Und es traf das SWR-Vokalensemble in Stuttgart, dessen Planstellenzahl „im Rahmen der normalen Fluktuation und unter Ausnutzung der Möglichkeiten von Vorruhestandsregelungen“ von 36 auf 24 reduziert werden soll. Ein Prozess, der aktuell nicht abgeschlossen ist.

Nun ist es wieder so so weit. Die nächste Sparwelle brandet an: bis 2020 muss der SWR 166 Millionen im Gesamtetat suchen, die nicht ausgegeben werden können. Über den Daumen sind das insgesamt rund 20 Prozent, die gespart werden müssen. Betroffen sind alle: Fernsehen, Radio, Personal, Baumaßnahmen. Und eben die beiden großen Orchester, das RSO und das SO. Nun sei man in einer „entscheidenden Phase“, sagt der Intendant, in der es „keinen Schutzzaun“ mehr um die Klangkörper gebe. Seit 2005, als die Planstellenzahl von 106 auf 102 Musiker gesenkt worden war, habe man beispielsweise den Etat des Radio-Sinfonieorchesters in der Landeshauptstadt nicht angetastet.

„Vogel-Strauß-Politik“ sei keine Strategie, sagt Boudgoust. Er wolle die „Entwicklungen nicht geschehen lassen“, nicht „passiv abwarten“, sondern „frühzeitig, wenn man den Weg noch bestimmen kann“, die Diskussion suchen und Lösungen abwägen, „nicht erst, wenn der Schaden eingetreten ist.“ Wie viel und auf welche Weise gespart wird, mit welchem Ziel, das solle mit den Gremien, mit den Orchestermanagern und -vorständen ohne Vorgabe von sofort an geprüft werden. Von Seiten des Senders, gebe es keine „Planspiele“, versichert er. Es werde in alle Richtungen gedacht, man werde die „Risiken und Nebenwirkungen“ wägen.

Eine Fusion der Orchester ist möglich

Die Nachfrage, ob das heiße, dass eine Fusion der beiden Orchester ebenfalls eine Möglichkeit sei, bejaht der SWR-Intendant. Die Option einer Auflösung eines der beiden Orchester oder die Entlassung von Musikern, verneint Peter Boudgoust dezidiert: „Radikale Schnitte sind uns wesensfremd, der Sender hat eine Fürsorgepflicht gegenüber seinen Mitarbeitern“.

Sicher ist, innerhalb eines halben Jahres wolle man diese Überlegungen abschließen. Was dabei herauskommt, ist völlig offen. Schon jetzt aber herrscht Unruhe in den Orchestern. Am kommenden Dienstag bricht das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg zu seiner ersten Japan-Reise nach 15 Jahren auf. Der Anstoß der Sparüberlegungen kurz vor dem wichtigen Auslandstermin wird in den Reihen der Musiker nicht freundlich kommentiert, ein „saublöder Moment“ sei das, sagt einer von ihnen. Mit dem neuen Chefdirigenten François-Xavier Roth will man sich bei den acht Konzerten in einigen der besten Säle der Welt unbelastet präsentieren – und jetzt das. Der Orchestermanager Reinhard Oechsler ist so verschreckt von der Situation, dass er simple Fragen zum Verhältnis der Plan- zu den tatsächlich besetzten Stellen nicht beantwortet. Nach dem Motto: ich sage nichts ohne meinen Anwalt.

Fakt ist: das RSO in Stuttgart und das SO im Süden sind mit 102 beziehungsweise 98 Planstellen am unteren Limit angekommen. Von da geht es in die künstlerische Zweitliga. Die will Boudgoust nicht, sondern „den Anspruch der Exzellenz“ erhalten. Doch wie soll das gehen? Ein Musiker des SWR-Sinfonieorchesters spöttelt, das sei doch „einfache Mathematik“. Bei 20 Prozent minus bleiben nur zwei Möglichkeiten: zwei Orchester zwar nicht auf dem Weg zum Kammerorchester, aber zur Bedeutungslosigkeit – oder aber die Fusion. „Das ist eine Katastrophe“, sagt der lang gediente Musiker. „Wir werden das nicht akzeptieren. Darin ist sich das Orchester einig.“ Jetzt müsse eine rundfunkpolitische Diskussion her, man könne nicht allein ökonomische Rechnungen aufmachen. Gemeint ist der ideelle Verlust, der drohte: mit einer Chefdirigentenriege von Hans Rosbaud bis Sylvain Cambreling, die dem Einsatz für die Avantgarde verpflichtet war, habe das SO Kulturgeschichte geschrieben.

Das Stuttgarter RSO hat sich seit seiner Gründung 1945 kaum weniger für die Neue Musik eingesetzt. Genau das ist der Punkt, an dem ein Musiker des RSO die Frage gerne an seinen Intendanten und die, die den Sender vertreten, zurückgeben würde. Welche Perspektive sieht der SWR für seine Orchester, womit sollen sie sich profilieren? Fehlten den beiden Orchestern die überschlägig je fünf Millionen Euro, wirkte sich das unmittelbar aus. Auf Auftragskompositionen, Programme, Solisten, die Dirigenten. Gerade hat man in Stuttgart einen international gefragten Chef d’Orchestre gefunden: Stéphane Denève. Der wäre bald weg bei einem Achtzig-Kopf-Orchester.