„Die Tagesordnung“ von Eric Vuillard Teuflische Komödianten

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Éric Vuillard zeigt den Zivilisationsbruch als Schmierentheater. Sein Buch „Die Tagesordnung“ wirft einen Blick in die Hinterzimmer der Macht, wo sich Bluff und Terror in die Hand spielen.

Göring (li.) mit englischen Gästen auf seinem Landsitz Carinhall Foto: Ullstein
Göring (li.) mit englischen Gästen auf seinem Landsitz Carinhall Foto: Ullstein

Stuttgart - Verdanken sich die größten Verbrechen der Menschheit einem faulen Budenzauber? Ist das Böse nicht nur banal, sondern auch ein einziger großer Bluff, eine faule Trickbetrügerei am naiven Glauben an Vernunft und Humanität? „Die größten Katastrophen kommen oft auf leisen Sohlen“, lautet ein Satz in Éric Vuillards Buch „Die Tagesordnung“, das einige der Schleichwege sichtbar macht, auf denen sich der Nationalsozialismus den Weg zur Macht gebahnt hat. Das schmale Bändchen ist mit dem bedeutendsten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet worden, denn es enthält, seinem geringen Umfang zum Trotz, das Leid der Welt. Wenngleich man hier die Büchse der Pandora selbst für eine der windigen Gerätschaften halten würde, mit deren Hilfe Gauner und Ganoven auf dem blutigen Jahrmarkt der Geschichte die Sinne ihres willigen Publikums vernebeln.

An einem frostigen Februarmorgen 1933 versammeln sich die Vertreter der deutschen Wirtschaft und Hochfinanz im Berliner Reichstagspräsidentenpalais, 24 cognacfarbene Überzieher, ebenso viele Dreiteiler und Filzhüte, unter denen 24 kahle Schädel oder weiße Haarkränze stecken. Es sind gleichsam die Avatare der Firmen BASF, Agfa, Opel, Siemens, I.G. Farben, Allianz oder Telefunken: „Sie sind unsere Autos, unsere Waschmaschinen, unsere Reinigungsmittel, unsere Radiowecker, unsere Hausversicherung und die Batterie in unserer Uhr.“

Was man für das steife Vorgeplänkel einer Gartenparty halten könnte, ist der Kniefall der großindustriellen Priester­kaste vor dem frisch ernannten Reichskanzler Hitler. Sie finanzieren seinen Wahlkampf, er verspricht ein günstiges Geschäftsumfeld. Bis in das leise Klicken einer Stiftkappe hinein zeichnet Vuillard das Geschacher der Szene nach, schließlich lächelt der Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht in die Versammlung: „Und nun meine Herren, an die Kasse!“ Eine alltäg­liche Episode des Geschäftslebens von Leuten, die alle das Regime, dem sie aufhelfen, überleben werden. Anders als die Zwangsarbeiter, auf deren geschundenen Rücken sie Gewinne erwirtschaften, die ihnen später weiterhin erlauben, zu ihrem Vorteil Parteien zu finanzieren.

Werkstätten des Grauens

Éric Vuillard, 1968 in Lyon geboren, ist ein literarischer Historienmaler. Doch seine Tableaus zeigen nicht die großen Ereignisse und Generalansichten, er wirft vielmehr den Blick in die Werkstätten, in denen die Schauseiten des Geschehens hergestellt werden. Den europäischen Sündenfall des Kolonialismus ebenso wie den amerikanischen der Indianer-Massaker hat er durch seine Kunst der indirekten Blickführung bereits in bestürzende Bildfolgen gefasst. Historische Imagination und nüchtern recherchierte Faktizität verdichten sich in seinen Skizzenbüchern zu jenen Details, in denen der Teufel der Geschichte steckt.

Vuillard beherrscht die Technik, das Momentum seiner Miniaturen mit Früherem und Späterem zu überblenden. Wie konnte dem hartnäckigen Appeasement-Apostel Lord Halifax während eines privaten Besuchs 1937 beim Reichsluftfahrt­minister Göring die bizarre kleine Hut­feder entgehen, der Säbel an seinem Gürtel, die wahnwitzige Egomanie eines Psychopathen, dessen Gewaltbereitschaft, Morphiumsucht und Selbstmordneigungen aktenkundig waren? Und plötzlich steigt aus der gesellschaftlichen Leichenhalle der Halifax jener Vorfahr und Schatzkanzler, dessen unbarmherzige Irlandpolitik Millionen Hungertote zur Folge hatte.

Oder das von den Jahren zerknitterte Gesicht einer Altersheimbewohnerin zwischen Joghurt und dem schalen Geruch von Äther und Jodtinktur, als junges Mädchen hat es Hitler beim Einmarsch in ­Österreich zugejubelt: Spiegelte sich in dem kollektiven einstigen Freudentaumel nicht bereits der Granitsteinbruch von Mauthausen wieder? Und gab es diesen Taumel so überhaupt?

Immer wieder wird der Leser darauf gestoßen, wie sehr seine Vorstellungswelt noch heute beherrscht ist von Wochenschausequenzen: „Die Bilder, die uns vom Krieg überliefert sind, wurden für die Ewigkeit von Joseph Goebbels inszeniert.“

Gespenstische Szene

In der „Tagesordnung“ nimmt man an den „Verhandlungen“ teil, die der Annexion Österreichs vorausgingen. Einem gigantischen und brutalen Bluff, dessen groteske Pannen zum weltgeschichtlichen Verhängnis erst werden konnten unter Einsatz skrupellosen Terrors und der wohl trost­losesten Bestätigung der schnittigen Hochstaplerphrase: Mundus vult decipi – die Welt will betrogen werden.

Éric Vuillards Reenactment zeigt den billigen Komödienplunder, die doppelten Böden und Tapetentüren, die geradewegs nach Auschwitz führen. Konfrontiert mit den schamlosen Dialogen, hinter denen sie ihre Verbrechen kaschiert haben, prusten Göring und Ribbentrop bei den Nürn­berger Prozessen plötzlich los: „Göring spürt womöglich, wie unvereinbar diese Theaterreplik mit der großen Geschichte ist, mit ihrem Anstand und der Vorstellung, die man sich von bedeutenden Ereignissen macht.“

Die gespenstische Szene festgehalten zu haben erweist, wie sehr Vuillards Verfahren dem absurden Kern dieses Menschheitsverbrechens gerecht wird. Beunruhigend schillern seine historischen Über­malungen im schummrigen Licht der heutigen populistischen Politbühne.

Éric Vuillard: Die Tagesordnung. Roman. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Verlag Matthes & Seitz, Berlin. 128 Seiten, 18 Euro.