Ungewöhnliche Aktion Die Schmutzengel von Tübingen fischen Zigarettenkippen aus den Pflasterritzen
Auch Einzelne können etwas bewirken, davon ist Erlijn van Genuchten überzeugt. Und deshalb säubert sie mit anderen Schmutzengeln Tübingens Pflaster.
Auch Einzelne können etwas bewirken, davon ist Erlijn van Genuchten überzeugt. Und deshalb säubert sie mit anderen Schmutzengeln Tübingens Pflaster.
Wäre Sisyphos heute ein Schmutzengel? Diesen Sisyphos der griechischen Mythologie, der immer ohne Aussicht auf ein Ende wieder dieselbe Arbeit verrichten muss (einen Stein den Berg hochrollen, von wo er wieder in die Tiefe kullert), müsse man sich als glücklichen Menschen vorstellen, lautet eine berühmte Sentenz des Schriftsteller-Philosophen Albert Camus.
Da könnte etwas dran sein – wenn man auf eine Gruppe schaut, die sich an diesem heißen Sommertag am Brunnen des Tübinger Marktplatzes trifft. Umarmungen, freudige Gesichter, ein „Schön, dich zu sehen“ hier, ein „Toll, dass da dabei bist“ da.
Der fachwerkumstandene Tübinger Marktplatz ist das perfekte Wohnzimmer für solche Treffs, und so ist sein krummes Pflaster auch voll von Cliquen, die in den Straßencafés sitzen. Von Flaneuren, die hier eine Art schwäbischer Passeggiata drehen. Von Menschen, die zum Ratschen und Tratschen zusammenstehen. So muss sich Helmut Kohl Deutschland vorgestellt haben, als er stöhnte, das Land sei ein kollektiver Freizeitpark.
Auf die Gruppe am Brunnen warten allerdings nicht die Freuden des Abhängens. Es warten Schmutz, Schweiß und Teer. Oder Arsen. Oder Blei. Oder Cadmium. Oder Quecksilber. Oder was sonst an Schwermetallen, Gift und sonstigem Gefährlichen in einem Zigarettenstummel steckt.
Die Gruppe ist gut vorbereitet. Ein umfunktionierter Einkaufs-Trolley steht in ihrer Mitte, ein großer Kunststoffeimer ist daran befestigt, darin sind Müllsäcke, Greifer, Plastikhandschuhe. Und gelbe Warnwesten. Eine Erdkugel ist auf ihnen gedruckt, ein Engel, der darüber schwebt – und die Aufschrift „Sch(m)utzengel“.
Zwölf Leute sind es heute: zehn Frauen, ein Mann, ein Kind. Sie schwärmen jetzt über den Marktplatz aus. Bücken sich oder gehen in die Hocke. Stecken Pinzetten, Greifer oder einfach ihre Finger in die Ritzen zwischen den Pflastersteinen und fischen Kippen heraus. Schon nach wenigen Minuten sind die Böden ihrer Sammelgefäße, Joghurtbecher oder kleinere Eimer, dicht gefüllt.
Es ist eine Sisyphos-Arbeit. Jährlich werden 4,5 Billionen Zigarettenkippen weggeschmissen, sagt eine Statistik. Für Deutschland fallen da jährlich etwa 70 Milliarden Kippen an. Runtergerechnet auf Tübingen sind das täglich Tausende. So kommt schon nach wenigen Minuten die Frage eines Passanten: „Glauben Sie, dass das was bringt? Sie schaffen doch nur wieder Raum, um neuen Dreck hin zu schmeißen.“
Zeigt dieser Nachmittag nicht überdeutlich die Sisyphos-Vergeblichkeit derer, die sich eine nachhaltigere Welt wünschen? Ja – aber auch ihre Möglichkeiten. Das sagt zumindest Erlijn van Genuchten, 39. Die Niederländerin (und nicht etwa ein schwäbisches Kehrwochen-Kommando) hat die Aktion auf dem Marktplatz initiiert. Es ist auch keine Premiere: Schon seit zwei Jahren sind die Sch(m)utzengel in Tübingen müllsammelnd unterwegs.
Erlijn van Genuchten ist eine Neu-Tübingerin – hiergeblieben wegen der Schönheit und der Lebensqualität der Stadt. In den Niederlanden hat sie Informationswissenschaften und Erziehungswissenschaft studiert, ihre Doktorarbeit in Psychologie hat sie nach Tübingen geführt.
Ein Job fand sich dann auch: In einem Unternehmen für Computersicherheit hat sie als Hackerin Sicherheitslücken aufgespürt. Dann wechselte sie die Firma. Dort wurden die Mitarbeitenden gefragt, wie das Unternehmen nachhaltiger werden könne. Für Erlijn van Genuchten der Anlass, sich über das eigene Verhalten Gedanken zu machen: „Eine bessere Welt beginnt bei mir selbst. Ich kann ja nicht erwarten, dass andere etwas machen, wenn ich selber nichts ändere“, sagt sie. „Ich war vorher nicht schlimm, aber ich habe schon nachjustiert.“ Sie nahm sich vor, ein Jahr lang jeden Tag etwas nachhaltiger zu machen.
Also: Wasser aus beim Haare-Einseifen unter der Dusche. Warme Skihose anziehen und Heizung runterdrehen. Einen Leinensack für den tütenlosen Broteinkauf mitnehmen. Und, und, und. Gar nicht so einfach, sich täglich etwas anderes auszudenken: „Da waren meine Hacker-Skills hilfreich“, sagt sie. „ Statt Sicherheitslücken habe ich Nachhaltigkeitslücken gesucht.“
Eine fand sie vor der Haustür. Mit Handschuhen und Eimer sammelte sie dort hin und wieder Müll. Einmal traf sie eine Frau, die das auch tat. „Die hat so eine coole Zange“, dachte Erlijn van Genuchten. So kam sie mit Maria Schneider ins Gespräch.
Schneider hatte drei Jahre zuvor eine Umwelt-Dokumentation auf die Straße getrieben: „Ich habe begriffen, ein Punkt ist überschritten. Es ist allerhöchste Zeit, einen Wandel zu vollziehen.“ Also baute sie sich eine Zange aus Holz und sammelte Plastikmüll ein, bevor der sich zu Mikroplastik zersetzt. An den Bushaltestellen bemerkte sie: „Da sind Mülleimer – aber drumherum liegen 40 Zigarettenkippen.“
Schließlich zogen beiden Frauen zusammen los. Bald schon waren sie zu viert. Denn so selten ist Müll-Eigeninitiative gar nicht. So säubert Ingrid Brauneis mit einem Nachbarn am Wochenende ihre Straße, durch die Schüler vom Bahnhof zum Schulzentrum laufen – und dabei die Reste ihres Unterwegs-Frühstücks wegwerfen.
Auch in der Tübinger Haaggasse war Elena Horowitz schon seit längerer Zeit aktiv. Dort ist eine der Tübinger Partymeilen. Direkt neben einem Club hat die Künstlerin Horowitz ihren Laden. Bevor sie morgens aufmacht, säubert sie die Reste der Nacht: und das sind, vor allem jetzt im Sommer, wenn man gerne sein Bier im Freien trinkt, unzählige Zigarettenkippen.
Kurz: Es gab Müllsammel-Potential in Tübingen – und mit Erlijn van Genuchten jemanden, der es bündeln konnte. Denn längst hatte sie ihr Nachhaltigkeits-Engagement über die 365-Tage-Challenge ausgedehnt. Sie hat inzwischen mehrere Bücher zu dem Thema geschrieben und arbeitet unter anderem bei der UN mit – in der Wirtschaftskommission für Europa, in der sie in der Task Force Energie-Digitalisierung ist.
So nahm Erlijn van Genuchten auch in Tübingen die Fäden in die Hand und gründete die Sch(m)utzengel. ChatGPT hatte ihr den Namen vorgeschlagen, die Klammern sind eine kreative Idee ihres Vaters. Sofort fanden sich etliche Interessierte – wie die Lehrerin Laura Treise, die schon an ihrer Schule Anti-Kippen-Kampagnen macht.
Rund 70 Personen sind inzwischen auf der Schmutzengel-Liste. Im Schnitt kommen zehn Leute zweimal in der Woche zu den Aktionen, bei denen auch mal gröberer Müll gesammelt wird. Vom Kind bis zur 80-Jährigen, aus unterschiedlichsten Ländern oder Lebenswelten und nicht an politische Parteien gebunden – „was ich sehr schön finde“, sagt Erlijn van Genuchten. „Es ist sehr sozial hier und fördert die Gemeinschaft. Wir haben viel Spaß zusammen.“
Aber es ist doch nicht eure Aufgabe, die Straßen zu reinigen, sagt dann wieder ein Passant. Die Stadt, mit der die Schmutzengel sich abgesprochen haben, könne nicht alles schaffen, antwortet Erlijn van Genuchten: „Die macht die Grundreinigung, wir machen die Feinarbeit.“ Gerade Zigarettenstummel holen die Kehrmaschinen aus den tiefen Pflasterritzen kaum heraus.
Am Ende der Marktplatz-Aktion sind etwa 3500 Kippen in einem Eimer. Bis jetzt hat die Gruppe schon insgesamt 123 000 Kippen aufgelesen und 355 Müllsäcke gefüllt.
Erlijn van Genuchten ist klar: „Damit haben wir nicht die Welt verändert.“ Aber zur Veränderung angestoßen, so wie damals die Firma, die sie zur 365-Tage-Challenge motiviert hat: „Die wissen wahrscheinlich nicht mal, was sie bewirkt haben.“
Da ist die Resonanz auf dem Marktplatz schon messbarer. Gegenüber den wenigen skeptischen Stimmen sind viele, die die Gruppe ansprechen, sich bedanken, loben. Ein Mann hat Erlijn van Genuchten zehn Euro in die Hand gedrückt, ein Gastwirt Wasser gereicht. Und die Homepage der Gruppe verzeichnet 525 Dankeschöns.
Es gehe eben nicht nur um unseren negativen ökologischen Fußabdruck, sondern um unseren positiven Handabdruck, sagt Erlijn van Genuchten: „Früher oder später werde ich sterben – dann will ich das Gefühl haben, alles gemacht zu haben, was ich konnte.“
Und das sei gar nicht so wirkungslos: „Ich glaube, dass man zu einem Schneeball-Effekt beitragen kann. Ich bin optimistisch, dass wir irgendwann mal nicht mehr gebraucht werden – keine Ahnung, ob das realistisch ist. Ich glaube jedenfalls daran.“