Die Verleihung der Grammys Childish Gambino und Kacey Musgraves räumen ab

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Überraschung bei den Grammys: nicht die Favoriten wie Lady Gaga, Drake und Kendrick Lamar triumphieren. Sondern Childish Gambino und Kacey Musgraves.

Alle Hände voll zu tun: Kacey Musgraves und ihre vier Grammys Foto: AP
Alle Hände voll zu tun: Kacey Musgraves und ihre vier Grammys Foto: AP

Los Angeles - Allmählich könnte man ein wenig die Nase voll haben vom ständigen Lamento über die doch ach so zerrissenen Vereinigten Staaten von Amerika. Aber dann schaut man auf die Siegerkür bei einem der uramerikanischsten Wettbewerbe überhaupt, die Verleihung der diesjährigen Grammys am Sonntagabend in Los Angeles, und muss feststellen: einem Spiegelbild der derzeit gespaltenen amerikanischen Seele gleich sind auch die Preise bei den nach wie vor weltweit bedeutendsten Musikauszeichnungen vergeben worden.

Der erste große Gewinner heißt nämlich Childish Gambino, beziehungsweise: eingentlich heißt er Donald Glover, und eigentlich ist er in erster Linie Drehbuchautor, Komiker und Schauspieler. Nebenberuflich fing der der 35-Jährige Afroamerikaner erst vor acht Jahren mit der Musik an. Seine bisher drei Alben verschafften ihm durchaus auch Charterfolge, für seine Single „Redbone“ gewann er im vergangenen Jahr bereits einen Grammy, das dazugehörige Album „Awaken, my Love!“ war 2018 immerhin in einer der vier Königskategorien als Album des Jahres nominiert.

So sieht Amerika aus

In diesem Jahr hat er nun in den Hauptkategorien richtig abgeräumt. Sein Lied „This is America“ wurde sowohl als Single des Jahres wie auch als Aufnahme des Jahres ausgezeichnet, dazu sicherte sich Glover auch noch zwei der goldenen Grammofone für die beste Rapdarbietung sowie das beste Musikvideo. Das ist bemerkenswert, denn das Siegerlied ist eine scharf anklagende Analyse des Lebens als Schwarzer in Amerika und der alltäglichen Waffengewalt. Damit schlägt er nicht nur namhafte, allerdings häufig nichtssagende Konkurrenten wie Kendrick Lamar, Lady Gaga oder Drake aus dem Feld. Mit der Wahl setzen die Grammy-Juroren auch ein unüberhörbares Zeichen.

Aber weil Amerika nun mal ein zerrissenes Land ist und gleichzeitig die Grammys nicht von ihrem völlig überholten America-first-Patriotismus lassen können, heißt die zweite große Siegerin Kacey Musgraves und ist eine Countrysängerin. Die 30-Jährige aus – Ehrensache! – Texas gewann den dritten Hauptpreis, die Kategorie Album des Jahres, und obendrein ebenfalls drei weitere Trophäen in den Country-Sparten beste Solo-Darbietung, bester Song und bestes Album. Musgraves blickt, trotz ihrer sehr amerikanisch-quitschigen Singstimme, mit ihrem durch einige fremde Einflüsse geprägten Sound oder selbsterklärte Vorbilder wie Neil Young oder Ryan Adams freilich über den Tellerrand dieses erzkonservativen Genres und seiner den Rollenklischees der All American Girls verhafteten Protagonistinnen hinaus.

Und sie ist eine Frau, ebenso wie die vierte Hauptpreisgewinnerin, womit die unselige – und künstlerisch auch ungerechtfertigte – Scharte des Vorjahrs ausgewetzt wäre, in dem ihre Geschlechtsgenossinnen und „eine wirklich notwendige Perspektive auf die Kunst“ (so Musgraves nach der diesjährigen Gala) in allen wichtigen Kategorien sträflich übergangen wurden. Diese vierte Siegerin des Abends heißt Dua Lipa, hat den Preis als beste Nachwuchskünstlerin gewonnen und stammt aus einem Land mit einer wirklich zerrissenen Gesellschaft und einer völlig plan- und kopflosen politischen Führungspersönlichkeit – nämlich aus Großbritannien.

Keine Chance für Lamar und Drake

Die Verlierer des Abends wurden bereits kurz gestreift, es sind die Rapper Kendrick Lamar und Drake mit acht beziehungsweise sieben Nominierungen im Vorfeld, die am Ende jeweils nur einen Grammy mit nach Hause (oder eben nicht, denn Lamar blieb der Verleihung von vornherein fern) nehmen konnten. Der Hip-Hop konnte sich auch in diesem Jahr nicht durchsetzen, nachdem bereits im Vorjahr der achtfach nominierte Jay-Z völlig leer ausging.

Inhaltsleere oder mangelnde künstlerische Gestaltungshöhe könnte man in beiden Fällen getrost als Mitursache einer Preisverleihung betrachten, bei der es letztlich doch auch um musikalische Qualität ging, schade ist dieses Ergebnis jedenfalls nicht.

So wie es auch nicht schade ist, dass die fünffach nominierte Lady Gaga „nur“ drei Grammys in Nebenkategorien gewann, die schwer gehypte Band Greta Van Fleet in der Newcomerkategorie Dua Lipa unterlag und auch Nominierte wie die Backstreet Boys, Justin Timberlake, Maroon 5 nichts zu melden hatten.

Betrüblich hingegen, dass die tolle schottische Elektronikmusikerin Sophie und die ebenfalls weiblichen nominierten Ausnahmekünstlerinnen Björk und Lisa Gerrard sowie die Spitzenbassistin Meshell Ndegeocello ebenso leer ausgingen wie die Bands Alice in Chains und Weezer, der famose David Byrne sowie Iron & Wine.

Höchst erfreulich indes, dass der Renegatenveteran Willie Nelson, das französische Elektronikduo Justice, die Multiinstrumentalistin Annie Clark mit ihrem Projekt St. Vincent sowie posthum der frühere Soundgarde- und Audioslave-Musiker Chris Cornell mit einem Grammy geehrt wurden. Dass Laurie Anderson und das Kronos-Quartet mit ihrem Ausnahme-Crossoveralbum „Landmarks in der Klassikrubrik Kammermusik siegten. Und dass die wunderbar eigenständige Songwriterin Brandi Carlile ebensoviele Grammys gewann wie die epigonale Lady Gaga, nämlich drei, und zwar in einem „Durchmarsch“ für die beste American Roots Performance, den besten American Roots Song und das beste Americana-Album.

Deutsche gehen leer aus

Für deutsche Künstler, die in diesem Jahr ohnehin spärlich nominiert waren, gab es gar nichts zu melden. Für die Big Band des Hessischen Rundfunks mit dem Album „Barefoot Dances and other Visions“ als einzige nominierte deutsche Kollaboration im Jazzbereich ebenso wenig wie für alle nominierten Produktionen und Künstler im Klassikbereich oder das vorzügliche, in der Nähe Bremens ansässige Label Bear Family Records, welches das Kunststück vollbrachte, wenn leider auch erfolglos in der Rubrik bestes historisches Album gleich mit zwei Alben vertreten gewesen zu sein.

Einen Grammy gewonnen hat lediglich Andris Nelsons, der Kapellmeister des Leipziger Gewandhausorchesters – der Lette gewann freilich mit einer Schostakowitsch-Einspielung mit seinem zweiten Orchester, den Bostoner Sinfonikern.

Aus dem Kuriositätenkabinett ist schließlich noch mitzuteilen, dass – in Anwesenheit der Ex-US-Präsidentengattin Michelle Obama als Überraschungsgast – der Ex-US-Präsident Jimmy Carter bereits seinen dritten Grammy entgegennehmen konnte, abermals für ein Hörbuch. Und dass diesem 94-Jährigen Mann ein anderer nicht nachstehen wollte: die mittlerweile auch schon 93-jährige Blueslegende Buddy Guy. Er gewann in der Rubrik bestes traditionelles Bluesalbum. Oldies but Goldies.