Die „Vögel“ zum Intendanz-Start von Burkhard Kosminski Romeo und Julia im Nahen Osten

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Die Liebe in Zeiten des Terrors: Mit klassischem Erzähltheater in der deutschen Erstaufführung von Wajdi Mouawads „Vögeln“ eröffnet Burkhard Kosminski seine Intendanz am Stuttgarter Schauspiel.

Der Familiensegen hängt schief: Silke Bodenbender als Norah und Itay Tiran als David Foto: Matthias Horn
Der Familiensegen hängt schief: Silke Bodenbender als Norah und Itay Tiran als David Foto: Matthias Horn

Stuttgart -

Es ist eine finstere Tragödie, mit der Burkhard Kosminski seine Intendanz eröffnet. Krieg und Terror, Schlag und Gegenschlag und die schiere Unmöglichkeit, dem mörderischen Kreislauf zu entrinnen: das sind die Themen der „Vögel“ von Wajdi Mouawad, die er in eine mit Orts- und Zeitsprüngen arbeitende Familiengeschichte packt. Sie geht am Ende der deutsch-jüdisch-arabischen Verwicklungen nicht gut aus, doch in aller familiären Düsternis leuchtet eine Szene mit großem Witz singulär hervor. Die grimmige Freude, mit der sie vom frankokanadischen Autor geschrieben wurde, springt auch auf die Inszenierung im Schauspielhaus über. Lachen im Parkett – man ahnt, warum.

Die Szene spielt in Israel. David und Norah sind von Berlin eingeflogen, um ans Krankenbett ihres Sohns Eitan in Jerusalem zu eilen, der Opfer eines Attentats geworden ist. Während aus dem Off das Donnern von Kampfjets zu hören ist, klingelt bei Norah, praktizierende Psychoanalytikerin, das Handy. Franz ist dran, einer ihrer Patienten, der sich in Berlin gerade mit der „performativen Idee der Ejakulation“, wie Norah mit sanfter Ironie sagt, einen Namen macht. Franz malt nicht mit Farbe, sondern mit Sperma – und weil er nicht nur Miniaturen herstellt, erheben sich Zweifel, ob der viele Saft allein aus ihm kommt. „Lassen Sie Proben zu, um ihre Vaterschaft zu beweisen“, so Norah, „schaffen Sie das erste Kunstwerk, das Gegenstand eines Gentests ist. Das ist postmodern, zeitgenössisch, deutsch“ – und Silke Bodenbender setzt Worte und Pausen so präzise, dass aus Norahs gut geöltem Szenejargon die Absurdität des fernmündlich geführten, sich deutsch befriedigenden Kunstdiskurses immer herauslugt. Das Hauptstadt-Onaniertheater dürfte nicht zu Bodenbenders Lieblingen gehören, eine Abneigung, die sie vermutlich mit Kosminski teilt, der die aus Filmen bekannte Dame just aus Berlin in sein Ensemble gelockt hat.

Die verfluchte Sache mit den Identitäten

Man muss jetzt nicht groß in der Vergangenheit rühren, aber dass der neue Hausherr alles, aber wirklich alles anders macht als der alte, wird selbst in diesem lustigen Detail der Einstands-Inszenierung deutlich. Um sich selbst kreisende, sich selbst genügende Ejakulationskunst gibt es bei Kosminski nicht. Sein Publikum fordert er anders heraus: Die „Vögel“ sind dialoglastig wie ein Kammerspiel, übersteigen mit dreieinhalb Stunden selbst einen Kinofilm mit Überlänge und werden in vier Sprachen mit Übertiteln gegeben. Neben Deutsch reden die Figuren noch Englisch, Hebräisch und Arabisch, ihre jeweilige Muttersprache, wobei kein Idiom das andere beherrscht. Und trotz des Sprachgewirrs verfolgt das Publikum die sich auf der karg möblierten Bühne von Florian Etti entfaltende Tragödie mit hoher Konzentration. Es spürt, dass es hier um etwas geht: In den „Vögeln“ verhandelt Wajdi Mouawad mit dem Nahostkonflikt auch die Frage, wie das Beharren auf kulturellen, nationalen und historischen Identitäten eine Aussöhnung verhindert – in Israel, in Palästina und in der über die Welt zerstreuten Familie von David, Norah und Eitan.

Deren Irrungen und Wirrungen sind es, die der 1968 im Libanon geborene, in Kanada aufgewachsene, heute in Paris lebende Theaterleiter, Roman- und Dramenautor verfolgt. Obwohl oder gerade weil ihm als libanesischem Kind beigebracht wurde, die Juden zu hassen, sagt Wajdi Mouawad, habe er sich seine Figuren in den „Vögeln“ voller Empathie erschrieben. Das stimmt, weshalb er den geliebten Figuren viele Selbsterklärungen und ihren Tragödien eine redselige Breite gönnt: Aus der Vergangenheit spukt der Holocaust in die Tragödie, aus der Gegenwart die israelische Besatzungspolitik – und alle Gespenster machen gemeinsame Sache, als Eitan seinen Eltern offenbart, dass er Wahida liebt, Amerikanerin mit arabischen Wurzeln.

Pessachfest mit DNA-Probe

Die Szene spielt jetzt nicht im Jerusalem der Kampfflieger, sondern Wochen zuvor in New York, wo Eitan studiert und seine Eltern zum Pessachfest eingeladen hat. Auf der von weißen Papierbahnen gegliederten Bühne steht eine akkurat gedeckte Tafel, die allerdings schnell in höchste Unordnung gerät. Der Vater will des Sohnes Liebe zur Araberin keineswegs tolerieren. Damit trage er zum „Verschwinden des jüdischen Volks“ bei, schleudert ihm David auf Hebräisch entgegen – und der sehr präsente Itay Tiran erhebt dabei wie ein alttestamentarischer Urvater die zorngeballten Fäuste gegen den rebellierenden, von Martin Bruchmann impulsiv gespielten Sohn. Dieser wiederum kann nicht glauben, der Nachkomme eines Rassisten zu sein, weshalb er als studierter Genetiker nach dem Fest der Entgleisungen die Löffel zwecks DNA-Probe einsammelt: ein Vaterschaftstest, dessen komischer Nachhall in der Berliner Kunstdebatte zu hören ist, hier aber ernste und tragische Folgen zeitigt. Am Ende der Enthüllungen sind alle Identitäten erschüttert, auch die der jungen, von Amina Merai verkörperten Wahida, die sich jetzt tatsächlich als Araberin definiert und den Juden Eitan nicht mehr lieben kann.

Das fatalistische Weltpanorama der „Vögel“ setzt sich aus solchen Minidramen zusammen – und obwohl Kosminski zu viel Pathos und Melodram und überhaupt zu viel Demut vor den sich auftürmenden Textmassiven walten lässt, wächst der Tragödie doch Wucht zu. Zu verdanken ist das auch dem auf striktem Realismus verpflichteten Ensemble, zu dem vier Gäste aus Israel gehören. Itay Tiran, in seiner Heimat ein Star, hat sich fest an Stuttgart gebunden, aber auffallend in erfreulicher Weise zeigt sich nicht nur er als David, sondern auch Dov Glickman als Etgar und Evgenia Dodina, beide angereist aus Tel Aviv und seine Eltern spielend. Wobei: die Wahrheit kommt zuletzt ans Licht in diesem analytischen Drama, das sich zwischen „Romeo und Julia“ und „Nathan der Weise“, zwischen Märchen und Thriller bewegt und dessen Stoff-Fülle vom Neu-Intendanten mit freundlicher Unterstützung des klassischen Erzähltheaters gebändigt wird.

Insofern sind die „Vögel“ zum Stuttgarter Intendanzstart als mutiges Statement zu sehen – mutig, weil sie gegen modisch avantgardistische Trends anspielen und es dem Publikum trotzdem nicht leicht machen. Am Ende jubelt das Schauspielhaus. Die neue Zeit hat begonnen.