Die Reaktivierung der Bahnstrecke Göppingen – Bad Boll ist das oberste Ansinnen des Fördervereins „Ein Neuer Zug im Kreis“. Experten, die anderswo bereits einige Schritte weiter sind, geben der Voralbbahn durchaus Chancen.

Region: Andreas Pflüger (eas)
 
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Kreis Göppingen - Zwischen den Gleisen sprießen Gräser und Unkraut, von links und rechts wuchern Büsche, Sträucher und Bäume in den Schienenstrang hinein. Die stillgelegte Bahnstrecke von Göppingen nach Bad Boll vegetiert im wahrsten Sinne des Wortes vor sich hin. Auch sonst spricht nicht allzu viel dafür, dass auf der Strecke irgendwann wieder ein geregelter Bahnverkehr stattfindet. Dennoch lässt der Förderverein „Ein Neuer Zug im Kreis“ nichts unversucht, seinem Anliegen, der Voralbbahn neues Leben einzuhauchen, Nachdruck zu verleihen.

So wurde jüngst eine Fachtagung auf die Beine gestellt, die unter dem Titel „Einst für tot geglaubt, heute eine Erfolgsgeschichte“ stand. Als Referenten fungierten die Vertreter von Gesellschaften und Vereinen, die in der näheren Umgebung Zweig- und Stichbahnen in unterschiedlicher Form wieder in Betrieb genommen haben. Allerdings ging es bei der Veranstaltung nicht nur um die bereits umgesetzten Konzepte der Schönbuch-, der Wieslauftal- und der Ermstalbahn, um die ersten Erfahrungen auf der erst vor Jahresfrist reaktivierten Strecke Senden–Weißenhorn oder um die Tourismus-Zugfahrten im Schwäbischen Wald, sondern vor allem darum, wie die Voralbbahn von den andernorts gemachten Erfahrungen profitieren könnte.

Carsten Strähle, der Vorstandsvorsitzender der Erms-Neckar-Bahn Gesellschaft, machte deutlich, „dass es unverzichtbar ist, die Bevölkerung mitzunehmen und für einen neuerlichen Bahnbetrieb zu begeistern“. Die Menschen müssten das wollen, ergänzte er und empfahl, „über den Freizeit- und Schülerverkehr einzusteigen“. Johannes Friz vom Förderverein Welzheimer Bahn sah das genauso: „Die Leute positiv einzunehmen, den Landkreis und die Kommunen ins Boot zu holen und viele dicke Bretter zu bohren, das alles ist zwingend notwendig.“ Einig waren sich alle Experten, dass der Nutzen, den eine Wiederinbetriebnahme habe, herausgestellt werden müsse und dass dabei mit Lösungen gearbeitet werden solle, die andernorts bereits Schule gemacht hätten.

Wienecke räumt Irritationen aus

Dass es beim „Neuen Zug“, gerade was die Politik angeht, zuletzt Irritationen gegeben hatte, wurde auf der Tagung im Bad Boller Schulzentrum ebenfalls deutlich. Die Überlegungen von Jörg-Michael Wienecke, dem Leiter des Amtes für Mobilität und Verkehrsinfrastruktur beim Landkreis, auf der ehemaligen Boller Bahntrasse einen Radweg einzurichten, war auf Missfallen gestoßen. Wienecke nutzte allerdings die Gelegenheit und unterstrich, „dass weder der Kreis noch eine der fünf Anliegerkommunen ein Interesse daran haben, die Strecke zu entwidmen“.

Es gehe deshalb auch nicht darum, eine Radwegverbindung gegen die Schienentrasse auszuspielen. Peter Blum, der Vorsitzende des „Neuen Zugs“, vernahm diese Worte natürlich gerne und erklärte, „dass der Förderverein keinesfalls auf Konfrontationskurs mit der Politik gehe. „Wir fordern allerdings, dass nichts kaputt gemacht wird und dass jetzt endlich eine Auseinandersetzung mit dem Thema stattfindet, auch wenn die Voralbbahn und erst recht deren Weiterführung bis nach Kirchheim ein Projekt für die ferne Zukunft sein wird.“

Auf anderen Nebenstrecken fahren die Züge schon wieder

Im Rems-Murr-Kreis, zwischen Schorndorf und Rudersberg, verkehrt die Wieslauftalbahn seit 1995 im regulären Linienverkehr. Im Jahr 2008 wurde die Strecke von Rudersberg-Nord bis Rudersberg–Oberndorf reaktiviert. Zwei Jahre später ging die Schwäbische Waldbahn, mit zahlreichen Dampf- und Dieselsonderfahrten auf der gesamten ehemaligen Trasse bis Welzheim in Betrieb.

1967 wurde die Personenbeförderung auf der Zugstrecke zwischen Böblingen und Dettenhausen aufgegeben. Nach mehreren vergeblichen Versuchen wurde die Schönbuchbahn 1996 reaktiviert – und hat heute täglich rund 10 000 Fahrgäste.

Zwischen 1976 und 1999 ruhte der Personenverkehr auf der Ermstalbahn im Kreis Reutlingen. Seit der Wiederinbetriebnahme steigen die Beförderungszahlen auf der Strecke Metzingen – Bad Urach wieder stark an.

Im vergangenen Dezember ist nach fast 50-jähriger Unterbrechung erstmals wieder ein Personenzug zwischen Weißenhorn und Senden gefahren. Der „Weißenhorner“ brachte es aus dem Stand auf 2000 Fahrgäste pro Tag.

Pro – Bis Bad Boll wär’ schon toll

Andernorts geht’s doch auch, sagen sich die Mitglieder des Fördervereins „Ein Neuer Zug im Kreis“ – und sie haben recht. Deshalb ist es auch viel mehr als schiere Bahnnostalgie, sich immer wieder für eine Wiederinbetriebnahme der stillgelegten Trasse von Göppingen nach Bad Boll ins Zeug zu legen. Der Schienenstrang ist nach wie vor fast vollständig erhalten, und eine zeitgemäße Sanierung aus Expertensicht ist durchaus möglich.

Ob auf der Strecke jemals wieder ein regulärer Nahverkehr stattfindet, ist dabei nicht die entscheidende Frage. Dieses gutgemeinte Unterfangen ist ferne Zukunftsmusik und kann deshalb nur der zweite Schritt sein. Schließlich zeigt das Beispiel Schwäbische Waldbahn, dass sich auch mit einem touristischen Angebot punkten lässt. Die regelmäßigen Dampf- und Dieselfahrten von Schorndorf nach Welzheim erfreuen sich großer Beliebtheit, und zwar bei Einheimischen und Gästen gleichermaßen. Warum sollte ein alter Schienenbus, der an den Wochenenden durch das landschaftlich reizvolle Voralbgebiet tuckert, weniger Passagiere anziehen?

Notwendig ist es dafür allerdings, sich zusammen mit dem Landkreis, der ja vor einiger Zeit Ausflügler und Reisende für sich entdeckt hat, auf das Machbare zu konzentrieren. Alles dafür zu tun, das Boller Bähnle zu reaktivieren – um möglicherweise irgendwann wieder „auf Linie“ gehen zu können –, ist sinnvoll. Sich mit Utopien zu befassen, wie etwa einem Ringschluss nach Kirchheim, der horrende Investitionskosten erforderlich machen würde, ist zurzeit wenig zielführend. Der „Neue Zug“ sollte sich beschränken, getreu dem Motto: „Bis Bad Boll wär’ schon toll“.

Kontra – Nur ’ne Draisine auf der Schiene

Zugegeben, die Idee hat was: Moderne Pendlerzüge, gepaart mit Dampfnostalgie, rattern durch das Voralbgebiet und binden so die Gemeinden an den Knotenpunkt Göppingen an, bringen den Tourismus auf Touren und entlasten die Straßen. Und obendrauf gibt es noch einen zügigen Personennahverkehr von – sagen wir mal – Holzheim nach Dürnau. Hoppla, Kenner der Gegend merken spätestens jetzt, woran dieses Konzept krankt.

Wer will schon von Dürnau nach Holzheim oder auf Umwegen nach Göppingen, wenn es per Bus direkt geht? Außerdem: die Boller-Bahn-Bahnhöfe liegen allesamt fernab der meisten Wohngebiete an den Ortsrändern. Schließlich wurden dort mit gutem Grund früher hauptsächlich Holz und Zuckerrüben verladen. Wer also soll die Bahn heute nutzen, fragt man sich.

Man sollte sich eingestehen, dass die Zukunft der Personenbeförderung auf der Straße liegt, zumindest im ländlichen Raum. Dafür muss keine zweite Infrastruktur in Form eines Schienenstrangs für viel Geld wiederbelebt werden. Stattdessen ließe sich das Busnetz ausbauen. In diesem steckt noch viel Potenzial. So könnten wendige Busse mit Hybrid- oder Elektroantrieb die Umwelt entlasten und Direktverbindungen beispielsweise in das große Gewerbegebiet Voralb den Berufspendlern schmackhaft machen. Auch die Einführung von Fahrzeugen, die auch Fahrräder mitnehmen können, steht noch aus. Wenn in der Folge die Bahntrasse als Radweg ausgebaut werden kann, bringt auch sie noch Nutzen. Ansonsten seien für eine touristische Nutzung der Gleise Draisinen empfohlen. Das schlägt drei Trends mit einer Klappe: Fitness, Outdoor und Nostalgie.