Die Wahrheit über Goethes Held Götz von Berlichingen: Auf Krawall gebürstet

Götz von Berlichingen wurde vom ehrbaren Krieger zum Raubritter, der mit dem Schwert sein Auskommen suchte. Foto: dpa/dpa

Der fränkische Reichsritter Götz von Berlichingen war nicht nur für derbe Sprüche bekannt. In die Geschichte ging er ein, weil der Raufbold die Händel zum Beruf machte und als skrupelloser Inkassounternehmer agierte.

Am Ende seiner Tage, mit 79 Jahren und nahezu erblindet, diktiert Götz von Berlichingen (um 1480–1562) seinem Pfarrer Georg Gottfried seine Lebensgeschichte in die Feder. „Händel, Kriege und Fehden“, so der fränkische Reichsritter, habe er so viele geführt, „dass ich jetzt ganz irre bin und es zum Teil vergessen habe“.

 

Gerne habe er nicht gewütet, behauptet er – eine glatte Lüge. Denn anders als in Goethes Drama „Götz von Berlichingen“, das ihn zum selbstlosen Beschützer der Bedrängten stilisiert, war der zänkische Götz ein skrupelloser Raubunternehmer, der die Händel zum Beruf machte.

Die Ritter fühlten sich sozial abgehängt – so wie heute Menschen in der Globalisierung

Gottfried, kurz Götz genannt, 1480 als jüngstes von zehn Kindern des Kilian von Berlichingen auf Burg Jagsthausen geboren, gehört zu jenen Vertretern des fränkischen Ritteradels, die als adlige Schwertkämpfer einst zur kriegerischen Elite des Reiches gehörten. Doch an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit schwindet die jahrhundertealte Geltung der Kriegerkaste, weil moderne Feuerwaffen und Söldner sie zunehmend ersetzen und neue Gesetze ihre Privilegien beschneiden. Zu sozialem Abstieg und gesellschaftlichem Bedeutungsverlust gesellte sich wirtschaftlicher Niedergang, da sich die Wirtschaftsmacht von den adligen Landgütern zunehmend in die Städte verlagerte, die durch Handwerk und Handel zu Reichtum gelangt waren.

Wie heute im Zeitalter der Globalisierung fühlten sich damals viele Ritter sozial abgehängt. Die einst privilegierte Standesgruppe greift in ihrer Not zum einzigen Werkzeug, das sie beherrscht: zum Schwert. Aus ehrbaren adligen Kriegern wurden Raubritter, die auf eigene Rechnung ihr Auskommen suchten. Fehden wurden nicht mehr nur zur Wiedergutmachung erlittenen Unrechts, sondern aus Machtstreben geführt.

Der rauflustige Adelsspross hält nicht viel von höfischen Manieren

Eines dieser zornigen Waisenkinder der neuen Zeit, die das Metier des kriminellen Rachefeldzugs zur Lebensform erheben sollten, war Götz von Berlichingen. Stets auf Krawall gebürstet kompensiert er sein angekratztes Ego durch organisierte Verbrechen. Zänkereien sind dem fränkischen Rabauken in die Wiege gelegt. Da der eigensinnige Knabe nicht gerne die Schulbank drückt, geben ihn die Eltern zu seinem Onkel Konrad, einem reichsweit hoch angesehenen Ritter, in die Ritterlehre. Als der Oheim 1497 stirbt, wird Götz Knappe am Hof des prunksüchtigen Markgrafen Friedrich von Brandenburg-Ansbach.

Doch der rauflustige Adelsspross hält nicht viel von höfischen Manieren. Er quittiert den Dienst und schließt sich dem berüchtigten Raubritter Hans Talacker von Massenbach aus einem alten Adelsgeschlecht im Kraichgau an, der sich mit Wegelagern und Ausrauben verdingte. Mit ihm liegt er auf der Lauer, überfällt und raubt, was nicht niet- und nagelfest ist. Götz kann zwei Jahre lang im Kleinen üben, was er später selbst im großen Stil praktiziert.

1502 beteiligt sich Götz an der Fehde zwischen dem Markgrafen von Brandenburg-Ansbach und der Reichsstadt Nürnberg und zwei Jahre später am bayerisch-pfälzischen Erbfolgekrieg. Bei der Belagerung von Landsberg reißt ihm ein Kanonenschuss die rechte Hand ab. Dank einer Prothese, einem mechanischen Meisterwerk mit beweglichen Fingergliedern sowie einem Sperrmechanismus, konnte er weiterhin ein Schwert führen.

Landshut war für den fortan als „Ritter mit der eisernen Hand“ bekannten Götz so etwas wie ein Wendepunkt. Immer mehr wird ihm bewusst, dass sich eine militärische Karriere als schlecht entlohnter Befehlsempfänger im Fürstendienst nicht mit seinem Adelsstolz verträgt. Statt als militärischer Subunternehmer mächtiger Fürsten macht er fortan Krieg auf eigene Rechnung, was ihm den Ruf des „Raubritters“ einbrachte.

Foto: Deutsches Literatur Museum Marbach

Als Mittel zum Zweck dient ihm dabei der adlige Privatkrieg, die Fehde, jene archaische Streitkultur, die unter seinen Standesgenossen ein gängiges Instrumentarium war, um Recht durchzusetzen, seit dem Wormser Reichslandfrieden von 1495 aber verboten war. Sie dient ihm zur Bereicherung. In ihrem Namen erstreitet er für seine Klienten – ähnlich wie ein Inkassounternehmen – Eigentumsrechte, ausstehende Zahlungen oder Erbstreitigkeiten. Allerdings nicht auf dem Rechtsweg, sondern mit dem Schwert.

1515 nimmt er ein leer gefressenes Feld – angeblich illegal von Schafen aus dem kurmainzischen Städtchen Buchen abgeweidet – zum Vorwand, dem gesamten Fürstentum Mainz die Fehde zu erklären. In diesem Zusammenhang fiel auch der legendäre Satz, den er einem kurmainzerischen Amtmann entgegenschleuderte und der einst in Goethes drastischerer Version Berühmtheit erlangte: „Er möge ihn hinten lecken.“

Von Berlichingen entführte, plünderte, raubte, focht unzählige Fehden, die größten gegen Köln, Bamberg, Nürnberg und den Schwäbischen Bund. Götz’ Geschäft ging gut – bis er 1512 bei Forchheim 95 Kaufleute überfiel. Kaiser Maximilian war stocksauer und verhängte die Reichsacht. Da der Geächtete jedoch munter weitermachte, landete er für drei Jahre in Haft, bis Freunde ein Lösegeld von 2000 Gulden zahlten und Götz gelobte, nie mehr unrechtmäßig zu kämpfen – Wort hielt er nicht. Denn sein Geschäftsmodell war zu lukrativ, um einfach damit aufzuhören.

Der Raufbold strickt an seiner Legende

Zwischenzeitlich zog sich der Raufbold auf seine neu erworbene Burg Hornberg zurück, ließ sich dann aber 1525 darauf ein, die aufständischen Bauern als Hauptmann gegen die Fürsten zu führen, geriet daraufhin prompt in Konflikt mit dem Schwäbischen Bund und wurde für viele Jahre zu Hausarrest auf seiner Burg verdonnert.

Am Ende seiner Tage strickt der notorische Tunichtgut an seiner Legende und verleiht seinem Leben posthum die Weihen altnoblen Rittertums. Die Autobiografie, die er seinem Pfarrer in die Feder diktiert, zeichnet das Leben eines altruistischen Gutmenschen. Dieses Bild vom entschlossenen Streiter gegen die Fürstenwillkür übernimmt 200 Jahre später Johann Wolfgang von Goethe in seinem Drama „Götz von Berlichingen“. Inzwischen ist es revidiert.

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