„Die Weber“ im Stuttgarter Schauspiel Das Schreien der Lämmer

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Sozialdrama im Schnelldurchlauf: Mit starken Bildern für Elend, Ausbeutung und Klassenkampf bringt Georg Schmiedleitner „Die Weber“ von Gerhart Hauptmann ins Stuttgarter Schauspielhaus. Trotzdem wäre mehr drin gewesen.

Der Rebell: Peer Oscar Musinowski als Moritz Jäger vor der Kleiderstubenpyramide der Familie Baumert Foto: Thomas Aurin
Der Rebell: Peer Oscar Musinowski als Moritz Jäger vor der Kleiderstubenpyramide der Familie Baumert Foto: Thomas Aurin

Stuttgart - Blue Jeans, nichts als Blue Jeans: Tausende dieser Hosen, in die sich die Welt kleidet, bedecken in wilder Unordnung den Bühnenboden. Unzählige Stoffhaufen, über die nun ein abgezehrtes Mädchen aus dem Dunkel nach vorne an die Rampe wankt. Schwach auf den Beinen, blickt es stumm und ausdruckslos ins Parkett, nur wenige Sekunden, dann sackt es weg. Der Hunger „schmeißt“ das Kind, wie es im Stück heißt – und warum hier mörderische Not herrscht, ahnt man sogleich nach dem stummen Vorspiel, wenn das Haus des Textilfabrikanten Dreißiger ins Licht getragen wird. Unten ruht es auf den Schultern der zerlumpten Arbeitnehmer – und oben steht ihr Arbeitgeber in der Bauhausvilla vorm Mikro und lamentiert über sein Los. Das Risiko, das er als Unternehmer eingeht! Das Zerrbild, das die Zeitungen von ihm zeichnen! Die „Humanitätsdusler“, die ihn bedrängen! Wobei: Sie bedrängen ihn offensichtlich nicht heftig genug. Der Chef ist gekleidet wie Ribérys Steak und steckt in einem Goldanzug.

Noch keine zwei Minuten sind vergangen, schon ist im Stuttgarter Schauspielhaus die soziale Ungleichheit mit Händen greifbar. Der Regisseur Georg Schmiedleitner fackelt nicht lange und steuert mit starken, beeindruckenden, monumentalen Bildern aufs Thema von Ger­hart Hauptmanns „Webern“ zu: Klassenunterschiede, Ausbeutung, Verelendung, Aufbegehren. Wohlgemerkt, er arbeitet mit Bildern, mit kräftigen szenischen Arrangements, denn mit dem Text des naturalistischen Dramas hat er’s nicht so. Stark eingekürzt, mehrere Figuren zu einer Rolle zusammengezogen und die Szenen neu montiert, handelt Schmiedleitner den schlesischen Weber­aufstand von 1844, den Hauptmann dialektal eingefärbt beschreibt, in schnellen neunzig Minuten ab. Spielte man die „Weber“ in aller Elendspracht, dauerten sie fünf Stunden, aber auch in der Stuttgarter Digest-Version bleibt trotz beherztem Zugriff das Handlungsgerüst erkennbar.

Selbst der Kaiser intervenierte

Im Hause von Dreißiger liefern die Weber ihre in Heimarbeit gefertigten Stoffe ab. Als ein junger Kollege, der rote Bäcker, gegen die Hungerlöhne aufmuckt, wird er gefeuert. Die Angst vorm Verlust der Arbeit ist groß, doch größer ist die Not, die ihr erstes öffentliches Ventil im „Weberlied“ findet. In biblisch-drastischen Versen schildert es das Elend der Arbeiter und verflucht die Fabrikanten. Die Unruhe steigert sich zum Aufstand, nachdem Moritz Jäger, Soldat auf Heimurlaub, mit gestärktem Selbstbewusstsein die Dörfler agitiert. Schon steht das Haus des Dreißigers in Flammen, die Aufrührer ziehen von Dorf zu Dorf, bis sie schließlich doch vom heranrückenden Militär aufgerieben werden – und als Gerhart Hauptmann sein Klassenkampfdrama 1893 in Berlin uraufführen wollte, kam es zum Skandal. „Die ganze Richtung passt uns nicht“, sprach Kaiser Wilhelm und ließ das Schauspiel kurzerhand verbieten. Der Autor und spätere Nobelpreisträger hatte den Nerv der Zeit getroffen, damals Ende des 19. Jahrhunderts.

Und heute? Zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Da muss man einige Mühe verwenden, um Hauptmanns Drama flott zu machen. Zu zeitverhaftet ist die Konflikt- und Figurenzeichnung der „Weber“, die heute weniger skandalös als vielmehr antiquiert erscheinen. Man müsste das Stück, um seine Brisanz rauszukitzeln, also radikal in die Gegenwart übertragen, zum Beispiel in die Gegenwart der Sweatshops in Südostasien. Oder der Gelbwesten in Frankreich. Oder der Hartz-IV-Empfänger in Deutschland, die gegen „die da oben“ wüten, wie sie es in Volker Löschs „Webern“ in Dresden getan haben. Aber nichts da bei Schmiedleitner. Seine Regie verzichtet auf Aktualisierungen und setzt stattdessen auf etwas anderes: auf die finstere Atmosphäre, die sich aus dem großen Bildertheater erhebt und suggeriert, dass der kommende Aufstand ein höchst ungemütliches Jüngstes Gericht werden wird.

Lumpenproletariat im dunklen Weltenraum

Schwarz ist der endlose Raum, feucht der Nebel und kalt das Licht, in dem die Weber diesen Aufstand proben. Sie treten als graue Masse auf und hauchen, fauchen, zischen im Chor – Lösch light – wie ein Raubtier vorm Sprung. Unbehaust ist der Mensch auch in der Stube, die Schmiedleitner im Verein mit seinem famosen Bühnenbildner Volker Hintermeier aus den im Übermaß vorhandenen Jeans gebaut hat: eine Pyramide aufgeschichteter Hosen, auf deren Seiten die sechsköpfige Baumert-Familie mit den Händen rudernd nur schwer Halt findet. Ein Dach überm Kopf hat die Sippe im dunklen Weltenraum sowieso nicht, nun aber kämpft sie unentwegt auch gegen den Absturz ins Bodenlose an. Da hilft selbst die Heimkehr des Reservisten Moritz Jäger nicht, des immer mehr Format gewinnenden Schauspielers Peer Oscar Musinowski, der den zum Zappeln genötigten Baumerts neben kämpferischen Parolen auch sinnenbetäubendes Bier bringt. Fusel gegen die Misere, anders als beim Dreißiger, der in der Hausbar seiner Villa über auserlesene Spirituosen verfügt.

Überhaupt: die in der Luft schwebende, zehn Meter lange Villa! Mit diesem Riesenrequisit geht das Inszenierungsteam in seinem Bildertheater am sinnfälligsten um. Gebaut auf dem Rücken der Lumpenproletarier, bringen sie mit vereinter Kraft das Kapitalistenhaus auch zum Wanken. Und es wankt von alleine, als Dreißiger – Thomas Sarbacher zieht den goldigen Fabrikanten ins schillernd Mafiöse, dann ins schrill Karikierte – zur Stärkung seiner Macht eine Party für Pastor und Polizeiverwalter gibt. Besoffen schwankt das Haus hin und her, bis es sich im Rausch zu Elektrobeats gefährlich neigt und die Herrschaften in den Seilen hängen: Oben droht der Untergang, weil sich unten die Mannschaft, den Dienst verweigernd, zusammenrottet. Kraftvoll überwältigende Cinemascope-Szenen, die aber glücklicherweise nicht jeden leisen Ton, nicht jedes zarte Wesen erschlagen. Die Emilie der Anne-Marie Lux ist die Entdeckung des Abends.

Die Braut des Wahnsinns

Das verschmierte und zerlumpte Ballkleid, der irre und abwesende Blick verwandeln Emilie in eine Braut des Wahnsinns. Auf schwarzen Stiefeletten huscht sie verängstigt durch Raum und Zeit wie eine aus dem Märchen gefallene proletarische Prinzessin, die sich vom durchreisenden Handelsvertreter für Damenunterwäsche geil befingern lassen muss. Sie erstarrt dabei wie eine Puppe – und belebt sich leicht, als ihr der von Sven Prietz verkörperte Schmierling die Aussicht auf die weite Welt eröffnet. Anne-Marie Lux lässt sachte die kleine Prostituierte ahnen, die Emilie in Berlin werden wird, in einem Spiel voller Nuancen, das aus dem Kindmädchen einen Menschen mit beschädigter Seele macht. Anrührend legt sie nach innen, was im Rest der Inszenierung außen tobt: Not, Verzweiflung und die Sehnsucht nach einem besseren Leben.

Ja, das alles und mehr schwingt in Schmiedleitners „Webern“ durchaus mit. Und manchmal denkt man in seinem zupackenden Bilderbogen, zugegeben, doch auch an Sweatshops und Gelbwesten, selbst wenn im Hauptmann-Stoff mehr drin gewesen wäre als jetzt im Schauspielhaus. Sehenswert ist die Aufführung des gewesenen Aufstands trotzdem – und lohnenswert überhaupt sind die Stuttgarter Premieren schon deshalb geworden, weil sich auch das Klima der Premierenfeiern danach, verglichen mit früheren Zeiten, markant gewandelt hat: Das Schauspiel lädt wieder zum Verweilen ein.