Die Wiedergeburt der Alblinse Schwäbische Pflanze aus St.Petersburg

Von Ulla Lachauer 

Im Wawilow-Institut in Sankt Petersburg überlebte die Alblinse, die hierzulande einst verloren gegangen war. Ein Besuch bei den russischen Wissenschaftlern.

Die Linse verträgt das raue Klima der Alb. Foto: Thomas Stephan
Die Linse verträgt das raue Klima der Alb. Foto: Thomas Stephan

St. Petersburg/Stuttgart - Die Stadt leuchtet, im frostigen Blau glänzen die Kuppeln. Die ganze, jüngst restaurierte Pracht der Zarenzeit wird sichtbar. Auf den Boulevards flanieren die Sankt Petersburger, als wären zehn Grad minus nichts. Der Krieg ist weit weg. „Die Krim ist unser“, heißt es hier und da, aber nur, wenn ich danach frage.

Xenia, die junge Dolmetscherin, kennt die Stadtpaläste am Mojka-Kanal nahe der Isaak-Kathedrale. Zwei einander gegenüber liegende Bauten im florentinischen Stil, die seit 1921 das Institut für Pflanzenindustrie beherbergen, benannt nach Nikolai Iwanowitsch Wawilow, dem großen Biologen, der als einer der Ersten das Schwinden der Artenvielfalt bemerkte und sich darum sorgte. Auf dem Platz davor das Denkmal von Nikolai I. hoch zu Ross, jenes Zaren, der Schwiegervater von Karl III., König von Württemberg, war. „Karl?“, ruft Xenia entgeistert, als ich erzähle, er habe seine Ehefrau, die Zarentochter Olga, mit jungen Männern betrogen.

Es gibt heute Wichtigeres zwischen Russen und Württembergern. „Sie kommen aus Stuttgart?“, fragt der bärtige Herr, der uns willkommen heißt. Aus meiner E-Mail vom Sommer weiß Professor Loskutow, was mich interessiert: die „schwabkaja Tschetschewiza“. Diese schwäbische Linse sei zwar nicht sein Spezialgebiet, aber er ist zuständig für ausländische Gäste, weil umfassend geschichtskundig: „340 000 Samen haben wir gesammelt, über die Jahrzehnte, aus allen Erdteilen.“

Loskutow geht darum, die Schöpfung zu bewahren

Kaum haben wir die herrschaftliche Treppe erklommen, nehmen wir die Düfte wahr: von Getreide vor allem und feuchtem Grün, das von den Topfpflanzen herrührt, die dschungelartig die Flure bevölkern. Tür um Tür öffnet der Wissenschaftler, die erste führt in sein eigenes Reich. Ein Riesensaal mit hohen Regalen, bestückt mit Blechkästchen, in denen Hafersamen lagert. „Avena“, so der botanische Name, etwa 3000 Sorten. „Wozu braucht man Hafer nach dem Ende des Pferdezeitalters?“ Loskutows Stimme hebt sich: „Kinderbrei. Gesunde Ernährung.“ Die Veganer, lobt er, „sind große Haferfreunde“. Alle drei Jahre müsse jede Sorte wieder ausgesät werden, um sie zu erhalten: ernten, reinigen, selektieren, trocknen – eine Mühe. Bei Gefrierlagerung müsste jede Sorte nur alle zehn Jahre dieser Prozedur unterzogen werden, doch es ist zu wenig Geld da, Kühlkammern für die komplette Sammlung zu bauen. Nicht allein der Nutzen sei wichtig, erzählt Loskutow. Es gehe um die Schöpfung. Darum, sie zu bewahren, für alle zugänglich zu halten.

Jeder, der Samen anfordert, bekommt ihn kostenfrei. Selbst Saatgut-Konzerne, die der Artenvielfalt den Garaus machen wollen, werden bedient. „So war es von Anfang an und in der ganzen Sowjetzeit.“ Mitten im Kalten Krieg hat man US-Farmern per Post ein Tütchen Sojabohnen zugeschickt. Er greift nach einer der braunen Papiertüten: „Avena Wawiloriana“, eine robuste Sorte aus dem äthiopischen Hochland, die der große Biologe Wawilow höchstselbst 1927 gesammelt und wissenschaftlich beschrieben hat. In den 1980ern, als nach der Hungersnot die Landwirtschaft daniederlag, hat man für Äthiopien ein ganzes Paket mit alten Sorten gepackt –Getreide, Hülsenfrüchte, Kaffee.

Auf acht Billionen Dollar hat die Weltbank den Wert der Sammlung geschätzt. Eine Schatzkammer, in der vieles im Argen liegt: abgewetztes sowjetisches Mobiliar, defekte Computer, die Bibliotheksregale sind noch aus der Zarenzeit. Der Mangel wird durch sorgfältige Pflege ein wenig kaschiert. Im einstigen Arbeitszimmer von Iwanowitsch Wawilow ist alles blitzsauber, vor seinem Schreibtisch blüht eine rote chinesische Rose. Das kleine Museum erzählt von seinen Expeditionen durch die Welt. 56 waren es, unter anderem auf die Schwäbische Alb. In Vitrinen exotische Samen, verblichene Fotos. Eines zeigt ihn, irgendwo im Dschungel, mit seiner zweiten Frau Elena, einer Spezialistin für Linsen.

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