Vielerorts in den USA können die Menschen schon jetzt ihre Stimme abgeben. Foto: dpa
Glitzernde Casinos und ausverkaufte Shows – auf den ersten Blick scheint Las Vegas zu boomen. Doch der Schein trügt. Nevada kämpft mit hoher Arbeitslosigkeit und Inflation. Die Wirtschaft dominiert den Wahlkampf.
Thomas Spang
04.11.2024 - 16:17 Uhr
Könnte Donald Trump eine Stadt auf dem Reißbrett entwerfen, sähe sie vermutlich wie Las Vegas aus. Eine Ansammlung aus Wolkenkratzern und Vergnügungstempeln, die wie eine Fata Morgana aus der Wüste herausragt. Anziehungspunkt für kleine Leute mit großen Hoffnungen, Glücksritter aus aller Welt, Magier, Showgirls und Schaumschläger gleichermaßen.
„It’s Vegas Baby“ lautet das Motto der Spieler-Metropole, in der nur eines konstant ist: die brutale Hitze, die tagsüber den Asphalt auf dem Strip zum Kochen bringen kann. „Eigentlich sollte Nevada ein Staat für Trump sein“, erklärt der Politikwissenschaftler David Damore von der University of Nevada. „Die Wählerschaft hier, besonders die vielen Arbeiter in der Unterhaltungs- und Tourismusindustrie, entspricht genau Trumps Zielgruppe.“
Die Corona-Pandemie traf sie besonders hart: Casinos mussten schließen und viele verloren ihre gut bezahlten Jobs. Joe Biden tat sein Bestes, verkaufte das aber schlecht. Zudem hatte der alte Herr Mühe, die jungen Arbeiter in der Dienstleistungsindustrie anzusprechen. Trump führte in Umfragen zeitweise mit zehn Prozentpunkten Vorsprung.
Kamala Harris’ Nominierung veränderte die Dynamik spürbar. „Mit ihr als Kandidatin hat der Wahlkampf der Demokraten neuen Schwung bekommen“, interpretiert Damore die Umfragen, die am 5. November ein Kopf-an-Kopf-Rennen erwarten lassen. Harris liege da hauchdünn vorn. „Sie konnte einige Schlüssel-Wählergruppen zurückgewinnen, die abgewandert waren oder sich für Trump interessierten, darunter Latinos, Afroamerikaner und jüngere Wähler“, erklärt Damore die Veränderung. Zudem genießt sie die Unterstützung der mächtigen Culinary Union. Mit über 60 000 Mitgliedern aus der Gastronomie- und Hotelbranche verfügt die Gewerkschaft über eine schlagkräftige Wahlkampfmaschine.
Trump hatte die Culinary Union vergeblich umworben. Mit populistischem Instinkt schlug Trump vor, die Besteuerung von Trinkgeldern abzuschaffen. Eine Idee, die in der Service-Hochburg Nevada auf fruchtbaren Boden fällt. Harris griff den Vorschlag auf und will ihn mit einer Erhöhung des Mindestlohns verbinden.
Trump in Nevada Foto: AP/Alex Brandon
Als Trump auf einer Kundgebung in Las Vegas den Eindruck erweckte, die Gewerkschafter stünden hinter ihm, „weil sie wissen, dass ich der Einzige bin, der Amerika wieder aufbauen kann“, hielt die Culinary Union dagegen. „Wir haben uns klar hinter Kamala Harris gestellt“, sagt Ted Pappageorge, Generalsekretär der Gewerkschaft. „Unsere Mitglieder gehen von Tür zu Tür, um Wähler zu gewinnen. Das ist unser Erfolgsrezept.“ Und das könnte Trumps Problem werden.
In Nevada hat die Erholung von der Pandemie länger gedauert als an anderen Orten. Mit 5,5 Prozent hat das Land die höchste Arbeitslosenquote aller US-Bundesstaaten. In Las Vegas liegt sie sogar bei 6,7 Prozent. Die Benzinpreise liegen mit fast 4 Dollar pro Gallone landesweit an der Spitze.
Trotz der Krise kletterten die Mieten und die Preise für Immobilien. Der Grund dafür hat mit Inlandsmigration zu tun. Vor allem aus Kalifornien kamen Bürger, die ihre Häuser für gutes Geld verkauften, um billigere Immobilien in Nevada zu erwerben. Sehr zum Unbehagen der Einheimischen, die sich plötzlich einer Konkurrenz ausgesetzt sahen, bei der sie nicht mithalten konnten. „Was Nevada einst für Arbeiter attraktiv machte – günstige Lebenshaltungskosten bei guten Löhnen – ist weitgehend verschwunden“, analysiert Damore. Das „Nevada-Versprechen“ von Arbeiter-Jobs mit Manager-Lifestyle gelte nicht mehr.
Sowohl Harris als auch Trump waren in den vergangenen Wochen jeweils dreimal zu Besuch. Die Vizepräsidentin versprach bei einer Kundgebung in der „Expo Convention Hall“ von Las Vegas den Amerikanern zu helfen, „sich das leisten zu können, was sie zum Leben benötigen: ein Dach über dem Kopf, Kinderbetreuung und einen sicheren Arbeitsplatz“. Gleichzeitig betonte sie die Erfolge der Biden-Administration und warnte vor einem Rückfall unter Trump.
Ein Argument, das auch die Gewerkschaft ihren Mitgliedern einhämmert. „Im Vergleich zur Pandemie ist die Wirtschaft zurück, und zwar in großem Stil“, argumentiert Pappageorge. Die Erwerbslosigkeit habe sich seit Bidens Amtsantritt halbiert, die Benzinpreise seien um zwei Dollar gesunken. Über 200 000 neue Jobs seien entstanden.
Ex-Präsident Trump machte bei einer Kundgebung in Reno dagegen die „desaströse“ Wirtschaftspolitik der Demokraten für die Misere verantwortlich. „Unter meiner Führung wird jeder Amerikaner prosperieren“, versprach er. Er werde die Energiekosten „innerhalb eines Jahres halbieren“.
Als Schlüsselgruppe für Trump und Harris kristallisierten sich hispanische Wähler heraus, die das Rückgrat der Service-Wirtschaft von Nevada sind. Sie machen inzwischen fast ein Viertel der wahlberechtigten Bevölkerung aus. Paradoxerweise schadet Trumps Hetze gegen illegale Einwanderer ihm in den Umfragen bei den Latinos nicht. Bei einer Wahlkampfveranstaltung behauptete er, niemand liebe „Hispanics so sehr wie ich.“ Um danach zu versprechen, „die Mauer fertigzustellen und illegale Einwanderer zu entfernen“.
Dass einige Latinos ihn unterstützen, obwohl er „die größte Massendeportation in der Geschichte“ ankündigt, erklären Analysten mit der wirtschaftlichen Lage. Sie hätten das Gefühl, dass es ihnen in Trumps Amtszeit besser ging.
Kamala Harris hat das verstanden. Statt sich mit Identitätspolitik bei den Latinos anzubiedern, setzt sie auf Themen des täglichen Lebens. Bei einer Bürgersprechstunde des spanischsprachigen Senders Univision in Las Vegas sprach Harris gezielt wirtschaftliche Themen und den Zugang zu medizinischen Leistungen an. „Gesundheitsversorgung sollte ein Recht und kein Privileg sein“, erläuterte sie.
Seit 2008 gaben in Umfragen jeweils rund 70 Prozent der wahlberechtigten Latinos in Nevada an, sich als Wähler registriert zu haben. Aber nur etwa die Hälfte davon stimmte tatsächlich ab – deutlich weniger als Weiße und Schwarze. Das zeigt, welches Potenzial in dieser Wählergruppe noch schlummert.
Helfen könnten Harris auf der Zielgeraden das Thema Abtreibung. Die demokratische Senatskandidatin Jackie Rosen hat es zum Herzstück ihres Wahlkampfs gemacht. Und liegt damit konstant vor ihrem republikanischen Herausforderer Sam Brown. Zudem hält Nevada mit „Proposition 6“ ein Referendum ab, das den Zugang zu legalen Schwangerschaftsabbrüchen garantieren soll.
Warten auf das Herzschlagfinale
Vergangenes Wochenende machte sich Barack Obama vor Tausenden Anhängern in Las Vegas darüber lustig, dass Trump sich als „Beschützer der Frauen“ ausgibt. Die Menschen hätten nicht vergessen, dass er für das Abtreibungsverbot in 20 Bundesstaaten verantwortlich sei. „Ein wahrer Beschützer der Frauen würde ihr Recht auf Selbstbestimmung verteidigen, nicht es untergraben“, erklärte Obama, der Trump „einen beispiellosen Angriff auf die Rechte der Frauen“ vorhielt.
Experten wie David Damore erwarten ein Herzschlagfinale in Nevada. Das Gesetz des Bundesstaates erlaubt es den Bürgern, sich bis zum Wahltag selbst ins Wahlregister einzutragen. Wichtig sei am Ende, welches wirtschaftliche Narrativ sich durchsetze. Und wer von den unpolitischen Wählern Nevadas am Ende tatsächlich wählen geht.
Ex-Präsident Trump setzt darauf, schlecht informierte Nichtwähler mit einer Abneigung gegen Einwanderer und Eliten zu mobilisieren. Dank der Culinary Union hat Harris den Vorteil der wiederholten persönlichen Ansprache. „Am Ende kommt es auf ein paar Tausend Stimmen an“, sagt Damore voraus. Der Wahlausgang im Spielerparadies gleicht damit einem Roulettespiel: Schwarz Harris, Rot Trump. Und null eine Hängepartie mit Nachspielzeit.