Die ZDF-Neo-Reportage „Familien allein zu Haus“ Schulstress im Wohnzimmer

Fleißige Faktensammlerin: Collien Ulmen-Fernandes Foto: ZDF/Oliver Fuchs
Fleißige Faktensammlerin: Collien Ulmen-Fernandes Foto: ZDF/Oliver Fuchs

Collien Ulmen-Fernandes widmet sich in ihrer ZDF-Neo-Reportage „Familien allein zu Haus“ der Frage, wie der Elternalltag in Corona-Zeiten bewältigt wird. Das kann Verzweifelten helfen.

Medien: Ariane Holzhausen (wöl)

Stuttgart - Der Junge richtet die Spielzeugwumme auf seine Mutter, sie ruft ihrem Sohn entgegen: „Wag es bloß nicht!“ Was klingt wie das einwandfreie Entgleisen eines Homeschooling-Tages, ist in diesem Fall nur Spaß: ein bisschen Toben zwischen Mathe, Deutsch und Sachkunde am Esstisch.

Die fleißige Faktensammlerin Collien Ulmen-Fernandes, die sich in anderen Reportagen zum Beispiel schon ausgiebig und gut mit dem Phänomen Helikopter­eltern beschäftigt hat, widmet sich nun in „Familien allein zu Haus“ der Frage, wie der Alltag in Corona-Zeiten bewältigt wird. Drei Familien haben zwei Wochen lang Videotagebuch geführt.

Und auch Ulmen-Fernandes, selbst Mutter, packt aus. Sie verrät, was ihre eigene Tochter ihr vorhält, dass „meine Lehrerin alles viel besser erklärt als du“. Ein Satz, den inzwischen viele Eltern kennen. So wie den Gedanken einer ihrer Leidensgenossinnen im Film, die stöhnt, wie solle sie denn ihr Kind zu drei Seiten Mathe überreden, wenn sie selbst doch auch lieber auf dem Sofa säße. Zunächst legt der Film sich wie ein dickes Wärmepflaster über die schmerzhafte Verrenkung, die der Spagat zwischen Homeschooling, Homeoffice und Haushaltsarbeit den Eltern eingebrockt hat. Ufff. Anderen geht es genauso.

Brisante Themen, kurz angerissen

Collien Ulmen-Fernandes gibt selbst zu, sie habe die Vorstellung vom neuen Alltag zunächst völlig verklärt. Anfangs freut man sich, viel mehr Zeit füreinander zu haben. Dann stellen die meisten fest, dass es nun doch keine dichte Folge schöner Stunden gibt. Eine Psychotherapeutin erklärt, dass man sich innerlich auf Unternehmungen gefreut hat, die wegen Corona nun aber gar nicht durchführbar sind – und dass erzwungene Nähe immer anders wirkt als freiwillige.

Zwischendurch erläutert – aber dabei geht es leider hopplahopp – ein Neurobiologe, dass Kleinkinder für ihre Entwicklung ganz dringend andere Kinder brauchen. Weitere Experten hinterfragen in Ministatements unsere Bildungsform, definieren, dass Schule wiederum mehr als Bildung ist, fordern digital gestütztes Lernen, erläutern, dass noch sehr viel getan werden muss, um Gleichberechtigung herzustellen, und resümieren, dass es noch viele Baustellen gibt auf dem Weg, Job und Familie zu vereinbaren. Alles in allem: lauter brisante Themen, aber viel zu kurz angerissen.

Kein Scheitern, nirgends

Bei den drei Familien läuft es inzwischen ganz gut. Die meistens zu Hause Sitzenden sind einander nähergekommen. Happy End überall. Ein Vater genießt endlich viel Zeit mit seinem Teenagersohn, ein anderer bewundert seine Frau, weil ihm jetzt erst klar geworden ist, was die auch sonst so stemmen muss, und eine andere Mutter teilt jetzt noch viel mehr mit ihrem Sohn. Kein Scheitern, nirgends.

Die Krise schiebe sich wie ein Brennglas über den Familienalltag, und das Gute wie das Konfliktreiche trete deutlich zutage, lautet eine der fortwährend wiederholten Thesen der Reportage. Aber unrealistischerweise kracht es hier ja doch nie richtig. Die drei Einblick gebenden Familien haben am Ende eher das geschafft, was in diesen Tagen wenige noch hinbekommen – und was eine Mutter im Film ganz richtig als die größte aller Anstrengungen beschreibt: das ständige Versprühen guter Laune.




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