Den „Report der Magd“ hatte Atwood vor dreieinhalb Jahrzehnten im denkwürdigen Jahr 1984 in Westberlin begonnen – vis-à-vis der Berliner Mauer und der repressiven Gesellschaften im Osten. Mit George Orwells düsterer Vision eines totalen Überwachungsstaats im Hinterkopf, erfand sie den totalitären Staat Gilead, eine puritanisch-misogyne Theokratie auf dem Gebiet der ehemaligen USA, ein Faschismus-Echo, das aus verschiedenen realen Diktaturen kompiliert ist und eine ganze Generation von Leserinnen und Lesern und verstört und geprägt hat.
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Ein echter Atwood-Hype setzte allerdings erst mit der seit 2017 ausgestrahlten Serie „The Handmaid’s Tale“ ein, die sich über die Jahre immer weiter von ihrer literarischen Vorlage entfernt und vermehrt eigene Handlungsstränge etabliert hat. „Die Zeuginnen“ knüpfen in einem tatsächlich bewunderungswürdigen Balanceakt sowohl an den Vorgängerroman als auch an die Serie an. Wie eng Atwood mit deren Team zusammengearbeitet haben muss, wird einem beim Lesen durch die unzähligen Déjà-vus bewusst, wenn man nicht mehr weiß, was man wo gelesen oder gesehen oder sich über die Jahre selbst zusammengereimt hat. Insofern ist Atwood durchaus eine Art neues Genre gelungen, das das episodisch-serielle Erzählen nicht nur mit angestoßen hat, sondern auch wieder einzufangen weiß.
Wir sind zurück in Gilead, 15 Jahre nach dem offenen Ende des „Reports der Magd“, und noch immer führt die verseuchte Umwelt zu Unfruchtbarkeit der meisten Frauen. Noch immer gibt es jenes „rassenhygienische“ System zur Erhaltung der „arischen“ Elite, das nicht von ungefähr an das Lebensborn-Projekt der SS gemahnt und dem alle fruchtbaren Frauen, die Mägde, als „wandelnde Gebärmütter“ zu dienen haben. Und noch immer gibt es Säuberungswellen und öffentliche Prozesse, denen nun, anders als im „Report der Magd“, nicht mehr nur diejenigen zum Opfer fallen, die keinen „Weißennachweis“ erbringen können oder sich als „Geschlechtsverräter“ (Homosexuelle) schuldig gemacht haben, sondern zunehmend auch die Mächtigen selbst. Denn inzwischen wird nicht mehr nur vermeintlich unwertes Leben vernichtet, es lichten sich auch die Reihen der Eliten. Kommandanten sind in Gefahr und auch die „Tanten“, die grausamen Vollstreckerinnen der repressiven Indoktrination der Mägde. So wie die Revolution ihre Kinder frisst, frisst dieser religiöse Fundamentalismus irgendwann auch sich selbst.
Hure oder Heilige
Die „wertvollen“, also gebärfähigen Frauen werden in Gilead weiterhin zu Fortpflanzungszwecken missbraucht, sie sind „benutzbare Körper“, die für die rituelle Befruchtungszeremonie auf- und nach Gebrauch wieder zugeklappt werden. Das ihnen mögliche Spektrum ist Hure oder Heilige – je nachdem, ob sie ihrer Bestimmung gerecht werden und Nachkommen produzieren. War „Der Report der Magd“ noch eine Antwort auf den antifeministischen Backlash der 1980er Jahre, versteht sich „Die Zeuginnen“, so schreibt es Atwoods in ihrer Danksagung, als Antwort auf die vielen Fragen, die sie in all den Jahren zu den Gründen des Untergangs von Gilead erreicht haben. Denn dass Gilead untergegangen war, wissen wir durch die Protokolle des „Zwölften Symposions über Gileadstudien“, mit denen „Der Report der Magd“ endet. Die Protokolle eines weiteren Symposions, das nur wenig später stattfand, bilden nun wiederum den Rahmen für „Die Zeuginnen“, in dem die Berichte von drei Frauen miteinander verwoben werden.
Die erste Stimme gehört Lydia, die wir im „Report der Magd“ als drakonisch strafende Tante kennengelernt haben und die hier durch ihr Tagebuch mehr Tiefe verliehen bekommt. Ursprünglich Familienrichterin in der Zeit vor Gilead hat Tante Lydia nach ihrer Inhaftierung Karriere gemacht, statt in den Kolonien zu landen, wo die Frauen „aufgebraucht“ werden und nur noch kurze Zeit zu leben haben.
Fehlende Tiefenschärfe
Ihr Bericht wird immer wieder unterbrochen von den „Zeugenaussagen“ zweier junger Frauen. Die eine, Agnes Jenima, ist in Gilead aufgewachsen, die andere, Daisy, im einigermaßen sicheren Kanada. Die anfangs recht unbedarfte Agnes sorgt sich sogar um das Bild, das die Nachwelt von Gilead einmal haben wird, und stellt infrage, ob nicht auch Gutes verloren gehen wird. An ihr zeigt sich die Wirkung staatlicher Indoktrination par excellence. Daisy, die uns als störrischer, auf der anderen Seite der Grenze aufgewachsener Teenager begegnet, der gegen das Verbot seiner Eltern auf Demonstrationen gehen und politisch aktiv werden will, erweist sich wiederum auch nicht als frei von ideologischen Schablonen.
Was beide miteinander verbindet, ist ihre je eigene Suche nach der Wahrheit darüber, woher sie kommen, wer sie sind und vor allem – wer sie sein wollen. Eine Suche, die auch Tante Lydia in ihren Aufzeichnungen umtreibt, die beständig zwischen Verteidigungsschrift und Selbstdemontage schwanken. Atwood verschränkt dabei nicht nur die Stimmen dieser drei Frauen miteinander, sondern verknüpft auch die Handlungsstränge so, dass man sich plötzlich mitten in einem Spionagethriller wiederfindet. Doch dabei wird einem erst bewusst, wie schmerzlich man den ruhigen, gesetzten Ton aus dem „Report der Magd“ bereits seit ein paar Hundert Seiten vermisst hat.
Denn leider wirkt der Ton der jungen Frauen oft bemüht und unbeholfen, während Tante Lydias Geschwätzigkeit ebenso enerviert wie ihre ständigen Leserapostrophen oder ihre penetranten Überdeterminierungen. Hinzu kommt, dass sich Atwood nur selten die Zeit gegönnt zu haben scheint, Szenen durch prägnantere Beschreibungen mehr Tiefenschärfe zu verleihen. So erfährt beispielsweise eine Sechzehnjährige von der Ermordung ihrer Eltern durch eine Autobombe, ist kurz sprachlos und denkt eine Zeile später: „Welcher Irre hätte sie umbringen wollen? Ich kannte niemanden, der normaler war als die beiden.“
Nicht viel ist geblieben von dem geistreichen Humor und dem sarkastischen Esprit, der den „Report der Magd“ so auszeichnet. Was dieser an Qualitäten zu bieten und durch sein offenes Ende gewonnen hat, verspielt „Die Zeuginnen“ leichtfertig mit einem melodramatisch kitschigen Schlussakkord. Aber so anfechtbar der Roman literarisch sein mag, als Event wird er noch eine Weile tosen.