Tipp für Familien Ziegen knuddeln in Dettingen: „Das tut einfach gut“
Die schlaue, eigenwillige Ziege hat in letzter Zeit viele Freunde gewonnen – nicht nur weil sie eine tolle Landschaftspflegerin ist. Ein Blick in die „Ziegenstadt“ Dettingen.
Die schlaue, eigenwillige Ziege hat in letzter Zeit viele Freunde gewonnen – nicht nur weil sie eine tolle Landschaftspflegerin ist. Ein Blick in die „Ziegenstadt“ Dettingen.
Unbekümmert ist wohl das rechte Wort für dieses Wesen: Man liegt unterhalb des mit einer alten Linde gekrönten Calver Bühl, dem Hügel und Wahrzeichen von Dettingen an der Erms, auf einer trotz der Trockenheit noch sattgrünen Wiese und ein paar Ziegen wuseln um einen herum. Eine kleine prüft kurz die Schnürsenkel der Trekkingschuhe und wandert unbeeindruckt weiter zu einem jungem Baum, der ist mit einem Holzzaun geschützt, aber ein netter Spaziergänger beugt einen Ast, damit ein Bock auf den Hinterbeinen mal eine Blatt-Kostprobe nehmen kann.
„Wir kommen hier einmal in der Woche zum Knuddeln hin“, sagt ein Familienvater, der im Gras von einer Ziege beschnuppert sein Dosenbier trinkt, während seine Kinder mit den Geißlein am Hang herum staksen und sie beim Fressen streicheln. Die Allmende von Dettingen, eine seit Jahrhunderten allen in der Gemeinde gehörende Weidefläche, hat immer eine für Menschenhand leicht zu öffnende Pforte im Zaun und ist ein Anziehungspunkt nicht nur für tierliebende Familien mit Kindern.
Dettingen ist eine Ziegenstadt, wenn man so will. Es trägt die „Geiß“ zwar nicht im Wappen (wie Beuren) oder im Namen (wie Geislingen, Geißbach oder Gaisburg), aber seine 10 000 Bewohner tragen den Spitznamen „Goißköpf“. Und dafür kursieren mehrere Erklärungen: Eine lautet: die Dettinger versteckten ihre Ziegen vor plündernden Soldaten – der Ort wurde im Dreißigjähren Krieg arg gebeutelt – vorsorglich im Rathaus, wo die neugierigen Geißlein daraufhin die Köpfe aus den Fenstern steckten.
Eine andere lautet, dass die Ziegen 1783 einem Jagdtross von Herzog Karl Eugen weichen mussten. Da die Tür zum Rathaus offen stand, zog es sie zielstrebig in die amtliche Fluchtburg. Eine dritte Erklärung ist eher verwaltungstechnischer Natur: Demnach soll eine in Dettingen residierende Gräfin einen halben Steinbock in ihrem Wappen getragen haben.
So eine Ziegentradition verpflichtet natürlich. Aber Dettingen ist längst industriell geprägt, Ziegen sind tiefste Vergangenheit. „Auch mein Großvater hatte viele Ziegen, das war die Kuh des kleinen Mannes“, erinnert sich Matthias Buck, der Vorsitzende des Vereins Ziegenfreunde. Sein Bruder habe noch hobbymäßig zwei, drei Ziegen gehalten, sagt Buck, und eines Tages vor gut 20 Jahren sei die Gemeinde auf ihn zugekommen mit der Anfrage, ob er sich nicht die Haltung einer Ziegenherde zur Landschaftspflege auf der Allmende vorstellen könne. Für einen berufstätigen jungen Mann eine Herausforderung. Aber im Verein durchaus machbar, es war die Geburtsstunde der Ziegenfreunde Dettingen.
Anfangs hatte der Verein eine einzige Herde. Heute sind es zwei – mit 41 Altziegen und 33 Kitzen, die auf 18 Hektar Weidefläche die Büsche kurz halten. Die Landschaftspflege ist das eine. Beim Landwirtschaftsministerium in Stuttgart ist man froh über die Haltung von Ziegen, denn schöne Kulturlandschaften wie die Wacholderheiden in Baden-Württemberg, seien durch die Beweidung von Schafen und Ziegen entstanden. Eine Pflicht zum Mitführen von Ziegen in Schafherden gibt es nicht – aber gern gesehen und finanziell gefördert durch die Naturschutzbehörden wird der Mehraufwand der Ziegenbeweidung trotzdem, denn es habe den Vorteil, „dass auch Pflanzen gefressen werden, die von Schafen in der Regel vermieden werden“, wie die Ministeriumssprecherin Friederike Lanfermann sagt.
Neben dem Landschaftserhalt gilt es bei der Ziegenhaltung aber auch den Faktor „Menschliches“ zu berücksichtigen: Neben den 80 passiven Mitgliedern der Dettinger Ziegenfreunde gibt es auch ein Dutzend aktive, die in der kalten Jahreszeit wöchentlich den Stall ausmisten, die Tiere füttern, auf deren Wohlergehen achten und sie im Sommer von Weideplatz zu Weideplatz führen achten.
Eine der Aktiven ist Katrin Österreich, Mitte 30. Sie sagt: „Ich habe Tiere schon immer gemocht. Aber der Umgang mit den Ziegen ist eine Art Seelenbalsam. Er tut einfach gut.“ Die Tiere hätten alle ihre eigenen Namen und ihre Eigenwilligkeiten.
Im März, als die Ziegen noch stallgebunden und die Zicklein gerade geboren waren, kamen sich Mensch und Tier natürlich sehr nahe. An Samstagen konnte da beobachtet werden, wie Ziegen zum Vergnügen der Kinder auf gebeugten Rücken von Papa oder Mama balancierten, wie sie sich kraulen ließen oder – erst zwei Wochen alt – erste Kämpfe ausführten und donnernd die mit wenigen Zentimeter langen Hörnern ausgestatteten Dickschädel aufeinander krachen ließen.
„Wir haben Patenschaften für Ziegen, für Kinder ist das etwas ganz Besonderes“, sagt Matthias Buck. Die Paten können für einen Jahresbeitrag ihren Zicklein einen Namen geben, sich persönlich um sie kümmern.
Einfach sympathisch, aufgeweckt und anspruchslos scheint die Ziege zu sein – nach dem Hund der erste domestizierte Tierbegleiter der Menschen. Also das ideale Haustier? Besser als die launische Katze? Der Hund, der mitunter Sorgenfalten auf der Stirn trägt? Matthias Beck muss da schmunzeln und sagt, die Ziegen seien schon schlau und verschmitzt. Aber es gebe auch den Spruch: Wenn du kein Problem hast, dann lege dir eine Ziege zu.
Es habe in Dettingen mal einen Feldweg gegeben, der voll mit Fallobst gewesen sei. Eines Tages kam ein Anruf von der Polizei: „Herr Beck, alle Ihre Ziegen sind draußen auf der Straße. Bitte kümmern Sie sich.“ Buck fuhr raus und stellte fest: Der Feldweg war blitzblank von den Birnen geräumt – und alle Ziegen saßen schon wieder friedlich in ihrem Unterstand, als ob nichts gewesen wäre. Wiederkäuend.
Auch Dorothea Quast vom Ziegenzuchtverband Baden-Württemberg sieht die Eignung von Ziegen als Haustiere für Privatiers mit Gartengelände eher eingeschränkt. Es gebe schon viele Anfragen von Wiesenbesitzern, die an Ziegen als Mähinstanz denken würden. „Aber die Ziege ist ein Herdentier, es müssten schon mindestens zwei bis drei sein.“ Im Übrigen brauche es eine großzügige Fläche, denn die Hierarchie in den Herden sei extrem, es brauche Rückzugsmöglichkeiten, damit die Schwächeren nicht „Mobbingattacken“ des Leittieres zum Opfer fallen. Ein Unterstand ist auch nötig, denn im Regen stehen mögen die Ziegen nicht.
Trotzdem allem beobachtet Quast, die für das Herdbuch mit seinen 15 eingetragenen Rassen zuständig ist, ein Comeback des kleinen Wiederkäuers. Da habe doch bei der letzten Auktion ein Bock tatsächlich 4000 Euro erzielt, wo sonst 1000 oder 1500 Euro üblich seien. Auch die Einführung der fetten Burenziege aus Südafrika (sie bringt bis zu 85 Kilo auf die Waage) Ende der 1970er Jahre sei erfolgreich gewesen.
Und die Kurse „Bock auf Ziege“, die Anfänger in der Ziegenhaltung über alles aufklären – von der Anmeldung über die Ohrmarke, das Veterinäramt, die Tiergesundheit bis zum Füttern –, seien ständig ausgebucht, sagt Quast. Ebenso Seminare, die Auskunft geben über die „Signale“ der Ziegen. Was sagt uns das, wenn dieses schlaue Tier seine Lippen verzieht? Die Ohren anlegt oder den Rücken krümmt? Kommuniziere mit deiner Ziege!
Dabei ist der demografische Rückgang frappierend. Während sich die Zahl der Schafe in Baden-Württemberg seit rund 75 Jahren konstant etwa bei einer viertel Million hält, hat der Ziegenbestand extrem Federn lassen müssen. 1951 gab es laut dem Statistischen Landesamt noch 248 486 Ziegen im Land, danach stürzten die Zahlen ab bis auf einen aussterbebedenklichen Stand von knapp 15 000 im Jahr 1977. Immerhin, der Bestand hat sich seitdem leicht erholt. Vor zwei Jahren ging man von 35 000 Exemplaren aus.
Ein Nischenprodukt bleibt die Ziege trotzdem. Es gebe 2500 Ziegenhalter im Land, die meisten hätten drei bis zehn Ziegen, es gebe aber auch Betriebe mit bis zu 400 Tieren und sogar eine auf Ziegenmilch spezialisierte Molkerei im Schwarzwald, berichtet Dorothea Quast.
Die Dettinger Ziegenfreunde melken ihre Ziegen nicht, sondern vermarkten nur das Zickenfleisch, das unter der Hand weg geht wie warme Semmeln. Andere, wie der landschaftlich wunderschön gelegene Ziegenhof Loretto bei Zwiefalten am Fuß der Schwäbischen Alb verkaufen die Käseprodukte ihrer Ziegen. „Wir haben sechs Käsesorten und vermarkten direkt – unter anderem auf den Märkten in Reutlingen, Tübingen und Biberach“, sagt Achim Schäfer, Agrarwissenschaftler und Pächter vom Lorettohof. Seine 50 Muttertiere klettern freiwillig und pünktlich einmal am Tag in einen hölzernen Hochstand und lassen sich von Maschinen melken. Sie produzieren zwei bis vier Liter am Tag, eine gut Basis für die Käseproduktion.
Aber auch für Schäfer ist das Gewerbe nicht alles. Er mag die Tiere einfach: „Die sind zutraulich, die sind aufgeweckt und ziemlich schlau. Einen Riegel zu öffnen, ist für sie überhaupt kein Problem. Um etwas höher Gelegenes zu erreichen, klettern sie auf den Rücken der anderen.“
Das Verhältnis Mensch zu Ziege hat vielleicht noch Zukunftspotenzial: Im Kommen sind jetzt entspannende Yoga-Kurse mit Ziegen, wie sie etwa der Ziegenhof Holzer in Hochdorf anbietet und bei denen die Klettertiere mitunter auf dem Rücken der Teilnehmer herumspazieren. In Nordrhein-Westfalen bietet ein Bauernhof auch Wanderungen mit Ziegen – an der Leine. Wer da wen als Leitbock führt, bleibt noch auszuhandeln.