Die Zukunft der Region Stadt, Land, Verdruss – die Wohnmisere

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Die Mieten steigen, Bauplätze sind rar – wird Wohnen unbezahlbar? Auf Einladung von Stuttgarter Zeitung, L-Bank und Roland Berger beleuchten die Ministerin Hoffmeister-Kraut und drei Experten Ursachen und Folgen des Problems.

Die Suche nach günstigem Wohnraum erfordert bei den steigenden Mieten in den Ballungsgebieten eine Menge Glück, Geduld und Kreativität. Foto: privat 5 Bilder
Die Suche nach günstigem Wohnraum erfordert bei den steigenden Mieten in den Ballungsgebieten eine Menge Glück, Geduld und Kreativität. Foto: privat

Stuttgart - Gemeinschaftsbad, Gemeinschaftsklo, Gemeinschaftsküche und 500 Euro Miete für 15 Quadratmeter privaten Rückzugsraum – wer in Stuttgart und anderen attraktiven Universitätsstädten ein WG-Zimmer sucht, kennt solche Angebote. Und er weiß, dass es keine Fantasiepreise sind, sondern reale Angebote bei konstant hoher Nachfrage. Wer den Zuschlag will, muss schnell sein.

Eine Familie mit drei Kindern, Hund, einem Auto und diversen Fahrrädern will sich in der Region Stuttgart niederlassen. Mieten oder gar selbst bauen? Bauplätze sind in den Ballungsgebieten extrem knapp, und die Mieten steigen immer weiter, da es kaum Angebote gibt. Die Leerstandsquote in der Landeshauptstadt lag zuletzt bei gerade einmal 0,6 Prozent (2017), zudem gibt es in den bestehenden Wohnungen relativ wenige Wechsel.

In einer aktuellen Wohnungsbaustudie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ist von „bekannten Umzugsstarrheiten“ die Rede. Klassischer Fall: Die Kinder ziehen aus, aber die Eltern bleiben in der nun eigentlich zu großen Wohnung, da eine kleinere bei den heutigen Mieten im Verhältnis deutlich teurer wäre.

Diskussion mit der Wohnungsbau-Ministerin Hoffmeister-Kraut

Wird Wohnen unbezahlbar? In Tübingen droht der grüne OB Boris Palmer mittlerweile mit Bauzwang und Enteignungen, wenn in der Stadt Bauflächen brachliegen. Wie schwierig es ist, Lösungen zu finden, zeigt auch die Debatte über den Mietendeckel, den der rot-rot-grüne Berliner Senat beschlossen hat: Zwar applaudiert der Mieterverein, doch Bauwirtschaft und Vermieter befürchten, dass der Markt lahmgelegt werde – unter anderem durch lange Gerichtsstreitigkeiten.

„Bezahlbarer Wohnraum entwickelt sich zur wichtigsten Frage im Land“, sagt Landesministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU), in deren Zuständigkeit neben Wirtschaft und Arbeit auch der Wohnungsbau gehört. Welche Folgen das für die Gesellschaft hat und was getan werden kann – darüber diskutiert sie demnächst in illustrer Runde.

Bei einer Veranstaltung der Reihe „Die Zukunft der Region“, zu der unsere Zeitung mit der L-Bank und der Unternehmensberatung Roland Berger in die Rotunde der L-Bank einlädt, trifft Hoffmeister-Kraut auf den Heilbronner Oberbürgermeister Harry Mergel, Leiter der Internationalen Bauausstellung 2027, Andreas Hofer, und auf Samir Sidgi, Geschäftsführer der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG). Sie befassen sich mit Fragen wie dieser: Wird die Wohnmisere zum sozialen Sprengstoff und zur Wachstumsbremse in eigentlich prosperierenden Regionen?

Wertvolle Erfahrungen aus Heilbronn

Harry Mergel kann dabei auf die städteplanerischen Erfahrungen zurückschauen, die er am Heilbronner Neckarbogen gemacht hat. Auf einer unansehnlichen Gewerbefläche, wo einst Altöl und Papier entsorgt wurde, ist im Rahmen der Bundesgartenschau ein moderner Stadtteil entstanden. 800 Menschen wohnen dort heute, in den kommenden Jahren wird die Zahl auf 3500 Bewohner anwachsen.

Dort ist manches von dem schon verwirklicht, worin auch Andreas Hofer einen Ansatz zur Lösung des Wohnproblems sieht: Reduktion von individuellem Wohnraum bei gleichzeitiger Aufwertung von gemeinschaftlichen Flächen. Beispiel: In einem Hochhaus des neuen Heilbronner Quartiers teilen sich 60 Wohnparteien zwei Waschmaschinen und zwei Trockner. Die Einsatzzeiten werden per App gebucht. Dadurch wird weniger Platz in den Wohnungen zugestellt, gleichzeitig entwickeln sich die Waschküchen zu einem Nachbarschaftstreff.

Hofers Vorstellung von Mikroapartments, die um gemeinschaftliche Flächen gruppiert sind, geht in eine ähnliche Richtung. Er ist überzeugt, dass der Hebel zu günstigerem Bauen in der Reduktion von Wohnfläche liegt. Hintergrund: Bewohner von Einpersonenhaushalten verfügen statistisch über doppelt so viel Wohnraum wie die Bewohner von Familienwohnungen.

In Stuttgart und Köln ist es besonders eng

Wie eng es auf dem Wohnungsmarkt zugeht, ist in der Studie des IW eindrücklich nachzulesen. So klaffen in Köln und Stuttgart die Fertigstellung von neuen Wohnungen und der aktuelle Bedarf besonders weit auseinander. „Hier fehlen nicht nur aktuell Wohnungen, sondern auch längerfristig bedarf es einer weiteren Steigerung der Bautätigkeit“, heißt es in der Studie. Der Bedarf an neuen Wohnungen, errechnet für die Jahre 2016 bis 2020, werde in Stuttgart nur zu 56 Prozent durch Neubauten gedeckt. In Köln sind es sogar nur 46 Prozent.

Die vielerorts problematische Situation der Metropolen ­ erstreckt sich auch auf die benachbarten Landkreise. „Dort stellen sich ähnliche Herausforderungen“, schreibt das IW.

Der Weg zu günstigeren Mieten führe über größere Anstrengungen im Wohnungsbau. Dabei sei die Bereitstellung von Bauflächen das Nadelöhr, Investoren gebe es genug. „Hierfür muss aber auch die Bereitschaft der Bevölkerung gewonnen werden, die häufig großen Bauprojekten kritisch gegenübersteht.“ Dies wirft auch die Frage auf, wie die Immobilienwirtschaft in der Zwickmühle zwischen Bauflächenmangel und örtlichen Widerständen klarkommt. Samir Sidgi kann dabei aus der Praxis sprechen. Die städtische SWSG unterhält 18 500 Mietwohnungen und tritt zudem als Bauträger auf. Derzeit betreibt sie in Stuttgart zwölf Baustellen.

Ministerin Nicole Hoffmeister-Kraut ist der Meinung, dass staatliche Fördermittel am effizientesten von den Kommunen eingesetzt werden können. An Geld aus öffentlichen Kassen, so zeigen die vergangenen Jahre, fehlt es nicht: Die zur Verfügung stehenden Fördermittel wurden nicht ausgeschöpft. Probleme sind eher fehlende Bauflächen, lange Genehmigungsprozesse und der Fachkräftemangel in der Bauwirtschaft.

Der Weg zur Veranstaltung

Diskussion Die Veranstaltung „Stadt, Land, Verdruss – Wird Wohnen unbezahlbar?“, zu der unsere Zeitung, die L-Bank und die Unternehmensberatung Roland Berger einladen, findet am Donnerstag, 14. November 2019, in der Rotunde der L-Bank, Börsenplatz 1, in Stuttgart statt. Beginn: 19 Uhr.