Die digitale Transformation bietet die Chance, Journalismus auf seinen Wesenskern zu destillieren. Das gelingt allerdings nicht zum Nulltarif.

Chefredaktion: Anne Guhlich (agu)

Demokratie lebt nicht allein von freien Wahlen oder rechtsstaatlichen Institutionen. Sie lebt vor allem von einem gemeinsamen Narrativ – einer Vorstellung davon, was uns als Gesellschaft bewegt, was uns wichtig ist. Das entsteht aber nicht von selbst. Es wird gestaltet, verhandelt und vermittelt – durch Diskurse, Debatten – und durch Journalismus.

 

Doch gerade in einer Zeit, in der sich Aufmerksamkeit zur härtesten Währung entwickelt hat, wird diese Rolle des Journalismus herausgefordert. Der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde prägte den berühmten Satz: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Dazu gehört die informierte Teilhabe der Bürger am demokratischen Prozess – ein Zustand, der heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Ein Gegenpol zu den Filterblasen

In den vergangenen Jahren ist der Meinungsbildungsprozess, der an dieser Stelle kaum mehr „demokratisch“ genannt werden kann, immer schriller und vielstimmiger geworden. Spätestens während der Coronapandemie wurde deutlich, dass es nicht das eine gesellschaftliche Narrativ gibt, sondern dass jede Filterblase ihre eigenen Themen und Erzählungen kultiviert und dafür ihre eigenen Medien – seien es Telegram-Gruppen oder Youtube-Kanäle – nutzt.

Die Autorin Anne Guhlich ist stellvertretende Chefredakteurin der StZ. Foto: Lichtgut

Die Journalistinnen und Journalisten digitaler Tageszeitungen müssen sich in einem Kampf um Aufmerksamkeit beteiligen, der mit ungleichen Mitteln geführt wird. Zu bestimmten Mitteln kann der Journalismus nicht greifen, ohne seine Gestalt zu verlieren. Zwei Beispiele: Erstens – die Verbreitung von Unwahrheiten, um Reichweite zu erzielen und zweitens die Inkaufnahme einer schädlichen Wirkung.

Die Unwahrheit: Populistinnen und Populisten fühlen sich nicht an den zentralen Kern des deutschen Presserechts gebunden, wonach Journalisten verpflichtet sind, die Wahrheit zu ermitteln und zu berichten. Als wahr verkaufte, jedoch erfundene und emotional aufgeladene Themen, die sich in den sozialen Netzwerken rasend schnell verbreiten, erhalten teilweise die weitaus größere Aufmerksamkeit als der sachlich und wahrheitsgemäß aufgeschriebene Text aus dem Gemeinderat. Jede populistische Desinformation aber geht zulasten des demokratischen Diskurses.

Journalismus ist Dienst am Gemeinwohl

Zweitens: die psychologischen Tricks. Alle digitalen Plattformen – ob Streamingdienste oder soziale Netzwerke – leben von der Aufmerksamkeit ihrer Nutzer. Sie setzen gezielt psychologische Mechanismen ein, um möglichst viel Zeit zu binden – bis hin zur Entwicklung von Abhängigkeiten. Die Folgen übermäßiger Bildschirmzeit, insbesondere bei jungen Menschen, sind längst ein ernstes gesellschaftliches Thema.

Journalismus aber ist kein Aufmerksamkeitsgeschäft um jeden Preis, sondern versteht sich als Dienst am Gemeinwohl. Eine Schädigung seiner Nutzerschaft kann er nicht in Kauf nehmen. Journalisten tragen Verantwortung – und sie nehmen sie an.

Die entscheidende Frage lautet also: Wie kann regionaler, digitaler Journalismus in diesem ungleichen Wettbewerb bestehen, ohne sich selbst zu verlieren?

Eine abschließende Antwort darauf gibt es bislang nicht. Doch ein Blick in die digitale Werkstatt der Stuttgarter Zeitung zeigt, wie sich neue Wege erschließen lassen.

Die Leserbedürfnisse im Mittelpunkt

Erstens: die Leserbedürfnisse in den Mittelpunkt stellen. Jahrzehntelang arbeiteten Redaktionen in der Tradition der Autorenzeitungen mit dem Selbstverständnis, dass es die Redaktionen sind, die definieren, welche Themen auf die Agenda kommen und welche nicht. Relevanz war etwas, das am Konferenztisch ausgehandelt wurde und nicht durch die zu unterrichtende Leserschaft determiniert wird. Heute lässt sich dank digitaler Analysewerkzeuge erkennen, welche Inhalte Leserinnen und Leser wirklich interessieren – und welche sie ignorieren. Auch die tiefgründigste politische Analyse kann keine demokratische Wirkung entfalten, wenn sie nicht gelesen wird. Demokratie lebt von Mehrheiten.

Modelle wie das des BBC-Journalisten Dimitri Shiskin helfen dabei, die Leserbedürfnisse zu adressieren: Er unterscheidet verschiedene „User Needs“ – von klassischer Information bis hin zu Orientierung, Alltagshilfe oder Inspiration. Studien zeigen, dass das Interesse an konstruktiven, lösungsorientierten Inhalten besonders groß ist. Das digitale Produkt „StZ Extra“ greift dieses Bedürfnis auf – jeden Tag erhalten die Abonnenten der Stuttgarter Zeitung Texte, die über das Nachrichtengeschehen hinausgehen und etwa aus den Bereichen Gesundheit, Arbeitswelt, Beziehung oder Kulinarik inspirierende und lösungsorientierte Ansätze anbieten.

Klar definierte Zielgruppen

Zweitens: tiefgründiger Journalismus für klar definierte Zielgruppen. In der digitalen Transformation haben es Journalisten mit einer immer größeren Informationsflut bei gleichzeitig sinkenden Kapazitäten zu tun. Redaktionen laufen Gefahr, immer oberflächlicher zu berichten, wenn sie pauschal alles aus der Welt der Politik, Wirtschaft, dem Sport und der Kultur für dokumentationswürdig halten und sich nicht damit beschäftigten, wie sich die Leserschaft zusammensetzt und ihr Programm auf ihre Zielgruppen zuschneidet. Oberflächliche Berichterstattung aber ist für Redaktionen, die auf werthaltigen digitalen Journalismus setzen, keine Option. Diese Infohäppchen gibt es im Netz kostenlos im Überfluss.

Für unsere Zielgruppen wie etwa die Beschäftigten in der Autoindustrie oder die VfB-Interessierten zählt nicht die schnelle Schlagzeile, sondern die tiefe Recherche. Wohl nirgends sonst bekommen die Menschen die relevanten Informationen aus ihren Interessensgebieten so schnell und so tiefgründig wie von den Kolleginnen und Kollegen aus dem StZ-Autorenteam Auto beziehungsweise dem digitalen Produkt Mein VfB. Damit wären also zwei von vielen Zielgruppen genannt, die die Stuttgarter Zeitung mit Berichterstattung versorgt.

Gemeinschaft mit den Nutzern

Drittens: Näher ran – Journalismus ist weit mehr als Berichterstattung. Die Nutzerinnen und Nutzer einer regionalen Zeitungsmarke bilden eine Gemeinschaft. Gerade in einer Zeit, in der Einsamkeit ein zunehmendes Problem wird, gewinnt das verbindende Potenzial von Zeitungsmarken immer mehr an Bedeutung. Unsere Leserschaft ist miteinander vernetzt über unsere Auftritte in den sozialen Medien, sie kommen aber auch im echten Leben in Kontakt miteinander bei Spaziergängen oder Podiumsdiskussionen. Damit journalistische Inhalte ihren Weg ins Leben der Menschen finden, müssen sie in Form und Ausspielkanal in den Alltag passen. Wer morgens keine Zeit für das E-Paper hat, nutzt einen kurzen Post auf Instagram. Der noch junge Kanal StZ Familie etwa erreicht mittlerweile fast 10 000 Follower – andere Formate wie Stadtkind oder TikTok-Kanäle sprechen gezielt junge Menschen an. Mit Podcast-Projekten wie „Gudrun Ensslin. Terror, Haft, Tod“ sprechen wir von der Studentin bis zum pensionierten Historiker die politisch interessierte Nutzerschaft in ihrer ganzen Bandbreite an.

Die Zukunft ist investigativ

Viertens: Investigativer Journalismus. George Orwell prägte den Satz: „Journalismus ist, etwas zu drucken, was jemand nicht gedruckt haben möchte. Alles andere ist PR.“ Zu lange galt das bloße Kuratieren von Pressemitteilungen oder das Paraphrasieren von Pressekonferenzen als Qualitätsjournalismus. Doch das Zusammenfassen bestehender Inhalte kann in Zukunft von Künstlicher Intelligenz übernommen werden. Durchschnittlicher Journalismus wird verschwinden – und das ist eine Chance. Die Transformation zwingt uns, den Kern des Journalismus zu destillieren: Aufdecken, enthüllen, recherchieren.

Hier kommen Sie ins Spiel, liebe Leserinnen und Leser. Wenn wir wollen, dass Journalismus Teil unserer demokratischen Kultur bleibt, ist seine Stärkung eine gemeinsame Aufgabe. Mit jedem Artikel, den Sie online lesen – ebenso wie mit jedem Video, das Sie schauen oder jedem Post, den Sie liken – treffen Sie eine Entscheidung: darüber, wie sich die Medienlandschaft entwickelt. Daraus erwächst Verantwortung. Und die Chance, Medienzeit bewusst zu nutzen.