Diebstahl bei Geldtransportfirma Die Million ist weg – Und wer sagt die Wahrheit?

Die Diebin steckte nur Scheine mit einem Wert von 50 Euro und mehr ein. Foto: Bernd Wüstneck/dpa

Ein 32-Jähriger soll Drahtzieher hinter einem Diebstahl bei einer Geldtransportfirma gewesen sein. Seine Teilnahme gibt er zu. Aber die zentrale Rolle habe jemand anderes gespielt.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Schon der Tattag ist hollywoodreif gewesen: Während die Kolleginnen und Kollegen in der Kaffeepause waren, gab Minersa S. Gas bei der Stuttgarter Werttransportfirma, für die sie seit knapp einem halben Jahr arbeitete. Sie packte Geldbündel ein. „Sie nahm nur die 200er, 100er und ein paar Bündel mit Fünfzigern“, sagt ihre damalige Chefin als Zeugin vor dem Stuttgarter Landgericht am Dienstag aus. Das „Kleingeld“ habe sie nicht interessiert. So kam in wenigen Minuten die Summe von 1,25 Millionen Euro zusammen, die sie im Garderobenbereich in eine Sporttasche steckte und damit das Weite suchte. Ein Beutezug, der nach einem Drehbuch förmlich schreit.

 

Und nun kommt noch beim inzwischen dritten Prozess zu dem Fall ein Eifersuchts- und Lügendrama hinzu: Wer sagt die Wahrheit? Die 45-jährige Minersa S., seit einem Jahr nach Verbüßung ihrer Haftstrafe wieder auf freiem Fuß? Sie sagte damals, ein 13 Jahre jüngerer Mann habe sie im Oktober 2022 dazu gebracht, den Coup zu landen. Sie seien ein Paar gewesen. Mit ihm wollte sie nach Serbien abhauen und dort ein neues, gutes Leben anfangen. Stimmt nicht, sagt der heute 32-jährige Robert S., gegen den am Dienstag das Verfahren in der Sache begonnen hat. Im vergangenen Herbst wurde er gefasst – da war Minersa sogar schon wieder auf freiem Fuß. Die Frau sei die treibende Kraft gewesen, er nur der gutmütige Kumpel, der sie nach Wien gebracht habe – ohne je dafür entlohnt zu werden. Gar nicht wahr, so die Version der Frau, sie habe kein Geld bekommen, er sei damit durchgebrannt, habe ihr falsche Liebesschwüre und Versprechungen gemacht. Und er wieder: Er habe von ihr nichts wollen, sie unattraktiv gefunden, da sie „mindestens 100 Kilo schwer“ gewesen sei. Beide bezichtigen sich gegenseitig der Lüge.

Die Anklage geht davon aus, dass der inzwischen 32-jährige Robert S. den Großteil der Beute eingesackt habe. 50 000 habe ein Bekannter bekommen, der die Flucht auf den Balkan von Wien aus nach dem Diebstahl organisiert habe, 20 000 die ehemalige Mitarbeiterin der Sicherheitsfirma fürs Zusammenraffen und Raustragen der Scheine. Beim Erzählen seiner Lebensgeschichte offenbarte er auch, warum er sich über einen Teil der Beute gefreut hätte.

In Serbien aufgewachsen, verdiente er seit er 16 ist Geld als Handballspieler. Als Jugendlicher zunächst ein Stipendium mit 150 Euro im Monat, als Erwachsener als Profi in der ersten Liga. „Davon hab ich gelebt“, sagt er. 1000 bis 1200 Euro im Monat habe er verdient, bis er 24 war. Dann hab ihn die Liebe zu einer Frau nach Deutschland geführt, die serbische Wurzeln hatte. Im Internet hatten sie sich kennengelernt.

In Deutschland konnte er dann zunächst nicht mehr weiter spielen. Zwar habe er nach mehreren Probetrainings Angebote von Vereinen bekommen, aber mangels Papiere nicht anheuern können. So kam er in eine Karosseriebaufirma, wo er Lackierungen kontrollierte. 1800 Euro habe er da verdient. Die Ehe ging in die Brüche, er lernte eine Frau kennen, die ihm einen besseren Verdienst in Aussicht stellte, sollte er mit ihr zusammen eine Bar eröffnen. Sie bauten gemeinsam ein altes Spielcasino um. Dort habe er dann etwa zwei Wochen vor „der Sache“, wie er den Diebstahl aus der Werttransportfirma nannte, Minersa S. kennengelernt. Sie sei ihm zu aufdringlich gewesen, habe ihn, den Ex-Profisportler, nach Drogen gefragt. Immer wieder habe sie sich ihm angenähert.

Nach zwei oder drei Treffen habe sie gesagt, dass sie in der Firma arbeite, wo sie Zugriff auf sehr viel Geld habe. Die „Geschichte“, also der Diebstahl, habe irgendwann „wie ein Angebot auf dem Tisch gelegen“. 10 000 Euro sei ihm geboten worden für die Fahrt bis zur Grenze nach Österreich. In Wien habe dann ein Bekannter aus der Bar in Sindelfingen übernommen, er sollte Minersa S. nach Serbien bringen. „Die letzten fünf Kilometer ging ich durch den Wald zu Fuß, es war fürchterlich“, schilderte die Frau im Trio den für sie für viel Geld organisierten Weg.

Das Verfahren am Landgericht wird am Freitag fortgesetzt Foto: IMAGO//TOBIAS STEINMAURER

Dass er beteiligt war, das stritt der 32-Jährige beim Prozessauftakt nicht ab. Jedoch die Verantwortung für den gesamten Coup und dessen Planung will er nicht tragen. Auch habe er keine Ahnung, wo das Geld gelandet sei. Geht es nach ihm, hat die Frau es noch. Diese These sollte wohl ein Video eines kroatischen Online-Formats untermauern, dass sein Verteidiger dem Gericht zur Verfügung stellte. Minersa S. gelte in Kroation als Star, sagt der Moderator. Das sei ihr gar nicht so recht, sagt sie draußen vor dem Saal nach ihrem Auftritt als Zeugin. „Die feiern das, was ich gemacht habe, aber das war ja falsch.“ Sie wünschte, sie könnte die Tat ungeschehen machen, fügt sie hinzu. In dem Interview sagte sie, im Leo-Oberteil am Strand fröhlich lachend, sie sage nicht, wo das Geld sei. „Das war gelogen – ich weiß nicht, wo es ist“, sagt sie dazu nun im kalten Deutschland. Sie habe diese Formulierung gewählt, um „das Interview spannender zu machen.“

Das Verfahren gegen den 32-Jährigen wird am Freitag, 16. Januar, fortgesetzt.

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