Diebstahl-Hotspot Mercaden „Unser Center ist ein sicherer Ort“

Laut Kriminalstatistik ist das Bahnhofsviertel mit den Mercaden „einsame Spitze“ in Sachen Diebstahlsdelikte. Besonders gerne geklaut werden demnach Alkohol und Drogerieartikel. Foto: picture alliance / dpa

Die Kriminalstatistik ist eindeutig: Am Böblinger Bahnhof wird oft und viel geklaut. In den Mercaden sieht man darin jedoch kein überdurchschnittliches Problem.

Die Finger gleiten über eine Parfümflasche. Mehr als hundert Euro kostet der edle Duft – zu viel für den schmalen Geldbeutel. Dabei wäre es doch so einfach, das Ding einfach in der Handtasche verschwinden zu lassen. Schwupps! Und dann nichts wie raus aus dem Laden. Doch daraus wird nichts: Eine kräftige Hand schließt sich um den Arm und die Worte „Anzeige“ und „Ladendiebstahl“ hängen bleischwer in der Luft.

 

Diese und ähnliche Szenen sind offenbar keine Seltenheit in den Böblinger Mercaden. Das ist zumindest eine Erkenntnis aus der Polizeilichen Kriminalstatistik für Böblingen im Jahr 2024. Kriminaldirektor Ludwig Haupt, der Leiter des Polizeireviers Böblingen, hatte zuletzt im Gemeinderat über die Entwicklung der Straftaten in seinem Zuständigkeitsgebiet berichtet. Ein Brennpunkt stach dabei besonders heraus: der Bereich um den Böblinger Bahnhof. „Einsame Spitze“ sei das Viertel in Sachen Diebstahl. Hauptgrund für die hohen Fallzahlen dürfte die unmittelbare Nähe zum Mercaden-Einkaufszentrum sein.

Beim Centermanagement der Mercaden ist man sich der Problematik durchaus bewusst. „Wie bei allen Standorten in Bahnhofsnähe mit einer lebendigen Einzelhandels- und Gastronomielandschaft gibt es sehr hohe Passantenfrequenzen. Viele Zigtausend Menschen nutzen jeden Tag den öffentlichen Personennahverkehr. Allein am Bahnhof in Böblingen sind im Jahr elf bis zwölf Millionen Menschen unterwegs“, erklärt Unternehmenssprecherin Birgit Neumann. Gemessen daran sei die Zahl der Diebstahlsdelikte dort nicht überdurchschnittlich hoch, meint die PR-Beraterin.

Ähnlich sieht man das bei der Polizei – zumal das Einkaufszentrum Mercaden auch verkehrsgünstig an der Autobahn liege und zusammen mit eigenem Parkhaus, angrenzendem Bahnhof und Busbahnhof sowie der stark frequentierten Bahnhofstraße eben viele Menschen anziehe. „Zugleich zieht es einen Personenkreis an, der für delinquentes Verhalten aufgrund des Alters eher infrage kommt“, sagt Yvonne Schächtele. Die Pressesprecherin beim Polizeipräsidium Ludwigsburg meint damit insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene. „Diese zeigen in allen Gesellschaften Phasen regelüberschreitenden Verhaltens“, sagt die Polizeihauptkommissarin.

Durch das vielfältige Angebot gepaart mit kostenlosem WLAN-Zugang sei das Einkaufszentrum ein beliebter Treffpunkt und Aufenthaltsort für Jugendgruppen und übe nicht nur auf diese „eine gewisse Sogwirkung“ aus. „Dies unterscheidet sich allerdings nicht von ähnlichen Örtlichkeiten in anderen Städten“, stimmt Schächtele mit Unternehmenssprecherin Claudia Neumann überein.

Bei Böblingens Polizeirevierleiter Ludwig Haupt klingt das allerdings etwas anders. Man bekomme „wahnsinnig viele Anzeigen“ von den Mercaden, sagte er im Gemeinderat. Das Security-Team sei aber sehr wachsam und halte die auf frischer Tat ertappten Personen bis zum Eintreffen der Polizei fest. Haupt sprach von einem „relativ umfassenden Hellfeld“. Deshalb sei das Dunkelfeld, also die Zahl der nicht erkannten Fälle, eher gering. „Wir haben ein großes Augenmerk darauf“, so der Kriminaldirektor.

Sicherheitsdienst, Videoüberwachung und Ladendetektive kommen in den Mercaden zum Einsatz

In erster Linie kommen in den Mercaden der hauseigene Sicherheitsdienst sowie Videoüberwachungen und Ladendetektive zum Einsatz. Die Polizei sei aber durchaus regelmäßig vor und gelegentlich auch im Einkaufszentrum präsent, betont Polizeipressesprecherin Yvonne Schächtele – sei es im normalen Streifendienst oder wegen Einsatzlagen.

Bei seinem Vortrag in der Gemeinderatssitzung räumte Ludwig Haupt allerdings ein, dass die Polizeipräsenz rund um den Bahnhof zuletzt etwas nachgelassen habe. Er habe zwar stark dafür geworben, Streifenwagen auch mal vor dem Bahnhof abzustellen und in diesem Bereich sichtbarer aufzutreten. „Leider ist das aber etwas eingeschlafen, wir versuchen, es wieder aufleben zu lassen“, versprach er.

Kriminaldirektor Ludwig Haupt leitet seit Oktober 2024 das Polizeirevier Böblingen. Foto: Polizeipräsidium Ludwigsburg

Wie die Gemeinderatssitzung Anfang Juni zeigte, wäre eine verstärkte Polizeipräsenz rund um Bahnhof wohl durchaus dringend erwünscht. In dem Gremium entwickelte sich eine lebhafte Debatte über ein zunehmendes Unsicherheitsgefühl in diesem Bereich. Die hohen Fallzahlen bei Diebstahlsdelikten sind da wenig hilfreich. „Unser Center ist ein sicherer Ort“, hält Mercaden-Sprecherin Claudia Neumann dagegen. Die Sicherheitsstandards seien sehr hoch und immer auf dem neusten Stand. „Auch unser Sicherheitspersonal wird regelmäßig geschult und ist immer präsent“, erklärt die PR-Verantwortliche. „Wir arbeiten sehr eng und vertrauensvoll mit der Polizei zusammen, tauschen uns intensiv aus und engagieren uns gemeinsam in der Präventionsarbeit“, sagt Neumann.

Zur Frage, welche Artikelarten denn besonders häufig geklaut würden, möchte man bei den Mercaden keine Angaben machen. Die Polizei ist hier etwas auskunftsfreudiger: „Der größte Teil der Diebstahlsanzeigen bezieht sich auf Lebensmitteldiebstähle beziehungsweise Diebstähle von Alkoholika und Drogerieartikeln“, sagt Pressesprecherin Schächtele.

Polizeipräsenz im Bahnhofsbereich

Sichtbar und unsichtbar
Laut Polizeisprecherin Yvonne Schächtele sind regelmäßig Streifenbesatzungen vor beziehungsweise in den Mercaden präsent. Außerdem seien beständig Einsatzkräfte „im Rahmen einer Konzeption zur Stärkung der Sicherheitslage und Aufklärung“ rund um das Bahnhofsviertel unterwegs – sowohl in Uniform als auch in Zivil.

Spezialkräfte
Schächtele bestätigt auch die Aussage von Polizeirevierleiter Ludwig Haupt, wonach regelmäßig Kräfte des Polizeipräsidiums Einsatz in Göppingen in Böblingen vor Ort seien (wenn auch in anderer Montur), um die Polizeipräsenz speziell im Bereich rund um den Bahnhof sichtbar zu erhöhen.

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