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Diederichsens Buch "Über Pop-Musik" Um Musik geht es nur am Rande

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Diedrich Diederichsen hat ein Buch "Über Pop-Musik" geschrieben. Um Musik geht es ihm dabei aber höchstens am Rande. Ob er am Donnerstagabend bei seiner Lesung in Stuttgart auch über Abba sprechen wird? 

Auch Abba kommen in Diedrich Diederichsens Buch Über Pop-Musik vor. Was aber würde der Popkritiker sehen, wenn er sich im SI-Centrum mal das Abba-Musical ansähe? Foto: dpa
Auch Abba kommen in Diedrich Diederichsens Buch "Über Pop-Musik" vor. Was aber würde der Popkritiker sehen, wenn er sich im SI-Centrum mal das Abba-Musical ansähe? Foto: dpa

Stuttgart - Pop-Musik, das muss man gleich mal festhalten, ist für Diedrich Diederichsen erst in zweiter Instanz: Musik. Diederichsen ist einer der wichtigsten deutschen Popkritiker und -theoretiker, einst Chefredakteur bei der Musikzeitschrift Spex. Heute ist er unter anderem Dozent an der Stuttgarter Merz-Akademie und am Donnerstagabend liest er im Theater Rampe, ebenfalls Stuttgart, aus seinem neuen Buch "Über Pop-Musik".

Pop-Musik, schreibt Diederichsen gleich in der Einführung, sei für ihn "nicht nur sehr viel mehr als Musik". Sondern eine Art Gesamtheit von sozialem Kontext, kultureller Praxis, Inszenierung in Wort und Bild, Performance, Fan-Kultur - etwas radikal Subjektives, das immer im Zusammenhang gedacht werden muss und erst im Auge des Betrachters entsteht. Harter Stoff.

Abba zum Beispiel

Wer bei "Pop-Musik" an Dudelfunk denkt, liegt bei Diederichsen also falsch. Abba zum Beispiel: Die schwedische Inkarnation des Schlager-Pop kommt bei Diederichsen schon vor, drei Mal wird die Band im Index aufgeführt. Diederichsen interessiert aber keineswegs, ob etwa "Dancing Queen" oder "Mamma Mia" gut geschriebene Pop-Songs sind. Diederichsen ordnet Abba vielmehr "in der Normalität einer hegemonialen Schlagerdominanz" ein, "die es in den 70ern mit Staatsfernsehen und einer stabilen Mainstreamkultur noch gab". Vor allem aber interessiert ihn, wie es Abba gelang, "den Null-Sound, eine durch kein Soundzeichen von der konventionellen Musikalität ablenkende Normalität, wieder erfolgreich einzuführen".

Null-Sound, das sitzt. Nicht nur gegenüber Benny Andersson und Björn Ulvaeus, also den männlichen Abba-Mitgliedern und Sound-Ingenieuren, denen Diederichsens Urteil angesichts fast 400 Millionen verkaufter Tonträger allerdings egal sein könnte. Die zitierte Passage aus Diederichsens Buch soll vor allem zeigen, von wem der Autor sich abwendet: von der Masse derer, die Pop-Musik nur als Musik hören. Die also die Melodie mögen, die Pop sozusagen instrumentell hören - als Stimmungsverstärker, -aufheller, -dämpfer.

Und Diedrich Diederichsen fährt fort, indem er dem britischen Musiksoziologen Simon Frith folgend eine Verbindung von Abba und der britischen Punk-Band Sex Pistols herstellt. Da wird "die reine, soundfreie, blöde Dur-Melodie" (also Abba) genommen und als Mittel zur Überwindung der "mittlerweile ihrerseits ideologisch gewordenen Rock-Musik" eingesetzt: gemeinsam vereint im Kampf gegen den verächtlichen Stadion-Rock, auch wenn Abba das vermutlich nie im Sinn gehabt haben.

Diederichsen entwirft damit sozusagen die intellektuelle Version der Haltung all jener Dschungelcamp-Zuschauer, die "Ich bin ein Star" natürlich nicht als Schaulustige einschalten, sondern aus einer ironischen Distanz heraus zusehen. Vielleicht kann man das ja auch als Kritik am verstaubten "Qualitätsfernsehen" in ARD und ZDF deuten? Ich bin so schlau, ich schau Doof-TV.