München - Zweieinhalb Jahre lang hat die Staatsanwaltschaft München II wegen des Diesel-Abgasskandals bei der VW-Tochter Audi ermittelt. Nun wird Rupert Stadler als langjähriger Vorstandschef des Ingolstädter Premiumherstellers wegen Betrugs, mittelbarer Falschbeurkundung und strafbarer Werbung angeklagt. Mit ihm auf der Anklagebank sollen der frühere Porsche-Manager Wolfgang Hatz und zwei Ingenieure sitzen. Das wohl mitangeklagte Trio könnte teils zu Kronzeugen mutieren, um die eigene Schuld klein zu halten und dabei schmutzige Wäsche waschen.
Stadler, der Bauernsohn aus dem oberbayerischen Kreis Eichstätt, hat eine steile Karriere hinter sich. Er studierte Betriebswirtschaft an der Fachhochschule Augsburg, fing bei Audi im Vertrieb an, wurde Bürochef von VW-Konzernchef Ferdinand Piech in Wolfsburg. Der schickte ihn 2003 als Audi-Finanzvorstand nach Ingolstadt zurück. Als erster Nicht-Ingenieur und mit gerade mal 43 Jahren wurde er 2007 Vorstandschef, als Nachfolger von Martin Winterkorn, der VW-Konzernchef wurde. 2015 wurde er sogar als Nachfolger von Winterkorn gehandelt.
Der Ex-Manager hat den Spitznamen Teflon-Stadler
Stadlers steiler Aufstieg im Volkswagen-Konzern ist mittlerweile nur noch Geschichte. Die Ermittler werfen ihm zwar nicht vor, die Abgasbetrügereien selbst in Auftrag gegeben zu haben. Er soll aber spätestens Ende September 2015 von Audis Verwicklung in den Fall gewusst und trotzdem den Verkauf entsprechender Autos von Audi und VW nicht verhindert haben. Die illegalen Abschaltvorrichtungen, die dem Oberbayer den Kopf kosteten, wurden jedoch bereits ab 2006 entwickelt. Befohlen könnte sie Stadler wegen dieser zeitlichen Abfolge damit nicht haben.
Aber der 56-Jährige hat sich seinen Spitznamen Teflon-Stadler nicht ohne Grund erworben. Vieles hat er in seiner fast zwölfjährigen Amtszeit an der Spitze von Audi einfach abperlen lassen. Das schließt auch Vorwürfe im Zuge des Diesel-Abgasskandals mit ein, was Stadler nun zum Verhängnis werden könnte. Die Ermittler glauben beweisen zu können, dass Stadler nach Ende September 2015 weiter dafür gesorgt hat, abgasmanipulierte Autos zu verkaufen.
Weil Audi in vielerlei Hinsicht eine Technologieschmiede für den gesamten VW-Konzern war, betrifft das nicht nur Fahrzeuge der Marke Audi. Die Ingolstädter haben speziell große Diesel-Motoren und deren mutmaßlich illegale Abschaltvorrichtungen auch für die Konzernmarken VW und Porsche entwickelt. Die jetzige Anklage gegen Stadler und das Entwicklertrio umfasst deshalb 250 712 Autos von Audi, 71 577 von VW und 112 131 von Porsche, die in Europa und den USA im Wissen um ihr fragwürdiges Innenleben an den Mann gebracht worden sind. In der Summe geht es um mehr als 430 000 Fahrzeuge.
Diesel-Skandal kostete Volkswagen bisher 30 Milliarden Euro
Volkswagen gab nach Bekanntwerden des Diesel-Skandals seinerzeit auf Druck der US-Umweltbehörden zu, Dieselabgase durch eine Software manipuliert zu haben. Diese erkannte, ob sich ein Fahrzeug auf dem Prüfstand befand und hielt auch nur dann die Stickoxidwerte ein. Auf der Straße waren die Abgaswerte um ein Vielfaches höher. Die Wiedergutmachung in dem Skandal hat Volkswagen bislang 30 Milliarden Euro gekostet.
Weil die Ankläger die Rolle von Audi als wesentliche Keimzelle bei allen Abgasbetrügereien beschreiben, wäre ein öffentlicher Prozess doppelt erhellend. Weder Stadler noch dessen Anwalt haben sich in letzter Zeit noch zu den Vorwürfen geäußert. Solange der tief gefallene Manager sich öffentlich mitgeteilt hat, hatte er jede persönliche Verfehlung energisch bestritten. Das radikale Vorgehen der Justiz signalisiert indessen, dass sich die Staatsanwälte ihrer Sache sicher sind. Was im Zuge der Ermittlungen an die Öffentlichkeit gedrungen ist, zeichnet auch ein Bild des Selbstverständnisses von Manager Stadler.
Mitte Juni des vergangen Jahres haben ihn die Ermittler wegen Betrugsverdacht und Verdunkelungsgefahr verhaften und ihn vier Monate lang in Untersuchungshaft im Gefängnis Augsburg-Gablingen schmoren lassen. Frei kam er nur gegen Kaution. Zugleich wurde eine Kontaktsperre hinsichtlich anderer Beteiligter am Diesel-Skandal verhängt. Teflon-Stadler wolle nicht nur abperlen lassen sondern unterdrücken, hieß es in Justizkreisen. Nicht ohne Grund: Die Ermittler haben Stadlers Telefon abhören lassen und dabei ein bemerkenswertes Gespräch belauscht. Darin soll der damalige Audi-Chef darüber sinniert haben, einen gegenüber Staatsanwälten allzu auskunftsfreudigen Audianer konzernintern kalt zu stellen.
Winterkorn bestreitet alle Vorwürfe
Dieses und andere pikante Details dürften in einem Prozess, der im kommenden Jahr beginnen könnte, ausgebreitet werden, wenn das Gericht die Anklage zulässt. Gleiches gilt für ein zweites Verfahren im Zuge des Abgasskandals, welches die Braunschweiger Staatsanwaltschaft betreibt. Angeklagt ist hier der ehemalige VW-Chef Martin Winterkorn – und zwar in einer personell wie prozesstaktisch sehr ähnlichen Konstellation gemeinsam mit vier Untergebenen. Um Anstifter und Ausführende dürfte es hier wie dort gehen und damit um das Ausmaß individueller Schuld.
Juristisch gesehen ist das eine heikle Gemengelage. Sich auf Kosten anderer sauber zu waschen, ist ein unter Beschuldigten übliches Verhalten. Die Wahrheitssuche erleichtert das nicht immer. Andererseits löst das auch die Zungen.
Auch Winterkorn hat bis zuletzt alle Vorwürfe bestritten. Auch in Braunschweig muss das Gericht noch entscheiden, ob die Anklage zugelassen wird. Auch dort gilt das aber unter Justizexperten als sicher. Mehr als eine zeitliche Verzögerung können die Angeklagten und ihre Anwälte wohl nicht erreichen, lauten die Einschätzungen hier wie dort. Beide Prozesse – der in München und der in Braunschweig – könnten dann endlich für die Klarheit sorgen, auf die betrogene Autokäufer und Öffentlichkeit schon lange warten. Das Insiderwissen der Betroffenen gäbe das allemal her. Und alte Seilschaften zählen im Zweifel wenig, wenn es um den eigenen Kopf geht.
Im Falle Stadlers mitangeklagt ist dem Vernehmen nach mit Topmanager Wolfgang Hatz eine ausgesprochene Schlüsselfigur. Er hat in den Jahren des Diesel-Betrugs sowohl bei Porsche, VW und Audi gemanagt – und zwar vor allem in der Entwicklung, also dem Ort des mutmaßlich kriminellen Geschehens. Zuletzt war Hatz Porsche-Vorstand. Bisher hat er alle Vorwürfe bestritten. Die anderen beiden in München Mitangeklagten sind ein ehemaliger Audi-Ingenieur und ein früherer Audi-Techniker, die beide zumindest teilweise geständig sein sollen.
Stadler verdoppelte Audi-Umsatz auf 60 Milliarden Euro
Ein kurzer Prozess ist nicht zu erwarten. Darauf deuten die mehreren hundert Seiten Beweismaterial hin, die die Ermittler zusammengetragen haben, um die Schuldfrage zu klären. Wer den größten Anteil an der Schuld hat, ist noch offen. Die größte Fallhöhe droht jedoch fraglos Stadler. Lange schien es so, als könnte er sich ganz aus der Schusslinie halten. Die Aktionärsfamilien Porsche und Piech haben ihm lange den Rücken gestärkt. Schließlich war Stadler es, der den Umsatz von Audi auf 60 Milliarden Euro verdoppelte, Mercedes beim Absatz überholte und Audi zu einem globalen Unternehmen machte. Erst als er voriges Jahr in Untersuchungshaft musste, waren seine Tage konzernintern gezählt. Vor Gericht könnte jetzt die nächste Stufe der Demontage eines mächtigen Managers folgen, der sich lange für unangreifbar gehalten hat.
Stadler wie Winterkorn dürfte mittlerweile klar sein, dass es jeweils um alles geht. Ihre Karrieren liegen bereits unwiderruflich in Trümmern. Schuldsprüche vor Gericht könnten zudem nicht nur über Gefängnis oder Freiheit entscheiden, sondern auch darüber, ob sie von ihren ehemaligen Arbeitgebern für entstandene Schäden in Regress genommen werden. Die Managerdämmerung im VW-Reich zieht nun endgültig herauf.