Dieter Blum und der Marlboro-Cowboy Der Augenblick des Schönen

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Dieter Blum ist weltbekannt geworden mit seinen Fotos des Marlboro-Mannes. Am Dienstag war er unser Redaktionsgast in Esslingen.

Dieter Blum (links) unterhielt sich mit  Kai Holoch über ein Leben für den Moment – wenn er nicht gerade   fotografierte. Foto: Horst Rudel
Dieter Blum (links) unterhielt sich mit Kai Holoch über ein Leben für den Moment – wenn er nicht gerade fotografierte. Foto: Horst Rudel

Esslingen - Weltberühmt machte Dieter Blum die Werbekampagne für Marlboro. Bevor es den Geschmack von Freiheit und Abenteuer gab, war Marlboro eine mittelmäßig erfolgreiche Frauen-Zigarette. Mit seinen rauchenden Cowboys hat der Esslinger Fotograf Dieter Blum Bilder geschaffen, die jetzt zum unverrückbaren Gedächtnis der Gesellschaft gehören.

Der 79-Jährige hat am Dienstag einige seiner Fotos zum Gespräch mit dem Esslinger Redaktionsleiter Kai Holoch mitgebracht. Sie hängen an einer Wäscheleine und sprechen ins Publikum. Immer wieder wandert der Blick zu den Fotos, zu ihrer formal perfekten Ästhetik. „Ich wollte nicht, dass meine Bilder Böses tun“, sagt Blum. Aber sind sie deswegen weniger wahr, weil sie schön sind? Auch das Schöne ist ein Teil der Welt, wenn es auch manchmal schwerfällt, es zu sehen.

Blum gehörte zum Jetset der 70er- und 80er-Jahre wie Gunter Sachs, Brigitte Bardot oder Mick Jagger, und ein bisschen lebte er auch wie sie: Mit 20 000 Dollar Bargeld in der Hemdtasche flog er nach Moskau, um den Kreml zu fotografieren. 10 000 Doller kostete allein der Sprit des Helikopters, der nur an Sonntagen fliegen konnte, weil an Werktagen die Gefahr bestand, abgeschossen zu werden.

Für einen Afrikatrip ließ er sich einen VW-Bus umbauen und tourte ein Jahr durch entlegene Gegenden des Kontinents. Und das Afrika in den 1970er-Jahren war weiß Gott entlegen. Ein Telegramm an den ugandischen Diktator Idi Amin holte ihn aus dem Knast, in den ihn Grenzsoldaten gesteckt hatten, und rettete ihm so das Leben. Blum: „Ein paar Wochen später sind Kollegen dort durch einen Genickschuss getötet worden.“ Er wäre auch nicht Dieter Blum, wenn er nicht in langen Sätzen das Versagen des speziell umgebauten Volkswagens schildern würde. Es muss alles perfekt sein, etwas anderes duldet er nicht.

„Ich bin ein großer Diktator“, sagt er, „ich lasse mich nicht gängeln.“ Er habe nur einmal geduldet, dass Amateure in seinem Werk herumpfuschten – ausgerechnet als er einen Bildband über Esslingen gemacht habe. Die Wunde schmerzt noch heute sehr, daran lässt er keinen Zweifel.

Er arbeitete nach dem Motto: Adlige gibt es viele – und Beethoven nur einen. Ein Bildband über Herbert von Karajan aber brachte zwei ebenbürtige Künstler in den Ring. Ein Bild hat Geschichte geschrieben: Es zeigt den Dirigenten in einer Lichtstimmung zwischen Rembrandt und Caravaggio. Ein anderes wollte Karajan partout nicht in dem Bildband haben, weil dort ein kleiner Bauchansatz zu sehen war. Zwar wurde der winzige Makel für die „Stern“-Reportage, für die Dieter Blum als weltbester Fotograf ausgezeichnet wurde, wegretuschiert. Doch im Bildband war das Bäuchlein wieder da. Karajan explodierte. Die nächsten Fotos des Maestros musste Blum heimlich aus der Jackentasche fotografieren, weil er nicht mehr mit Kamera das Konzerthaus betreten durfte.

Über Technik redete er kaum, auch wenn das die rund 90 Zuhörer einforderten. „Man kann auch mit einer Billig-Kamera gute Bilder machen“, sagt er. Er begann in Esslingen mit einer Kodak Retina, wollte mit seinen Fotos zu Geld kommen für eine gute Ausrüstung. Er mischte die Esslinger Lichtbildner auf, forderte Ausstellungen ein, die Geld in die Kasse brachten und begann dann seine Weltkarriere unter anderem beim „Stern“, damals das stolze Flaggschiff der Fotoreportage.

Wenn es nicht die Technik ist, was unterscheidet ein gutes von einem schlechten Bild? „Ist es die Diagonale, der goldene Schnitt, die Symmetrie?“, fragt ein Zuhörer. Nein, es sei der Moment, der das Bild ausmache. In einem einzigen Moment, so die Philosophie von Dieter Blum, zeigt eine Szene die höchste Ästhetik oder die tiefste Aussage. Diesen Moment führt Blum bewusst herbei durch einen genauen Bildaufbau: Der Moment, in dem sich der Balletttänzer so streckt, dass er aussieht wie ein fliegender Vogel, der Moment, in dem Romy Schneider als aufgeregtes, unsicheres Mädchen im Kino Scala in Esslingen wartet. Hat es je einen Moment gegeben, in dem er nicht abgedrückt hätte? „Nein“ sagt er später im Gespräch und lacht.

Es gibt auch Momente der Stille. Auf einem Foto der Marlboro-Serie sitzt ein Cowboy auf seinem Pferd einsam unter einer Laterne neben einem Straßenkreuzer – es ist ein Bild wie aus einer anderen Welt. Blum hat Ikonen geschaffen. Nun ist er selbst zur Ikone geworden und versucht, die Ernte seines Lebens einzufahren. Mehr als 70 Bildbände, rund 60 000 Dias, etwa 21 Terabyte Festplatte: das alles würde er gerne in eine Stiftung überführen, damit sein Werk beisammen bleibt und zu einem Moment werden kann für die Ewigkeit.