Dieter-Dämmerung Im Selbstzerstörungsmodus

Jesse Ritch ist ausgeschieden. Foto: dapd
Jesse Ritch ist ausgeschieden. Foto: dapd

Am Samstagabend ist DSDS-Finale: Aber das Jahrzehnt der entfesselten Castingshows neigt sich dem Ende zu, die Quoten der Sendungen bröckeln.

Chef vom Dienst: Tobias Schall (tos)
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Köln - Da steht der junge Mann nun. Das Studio hat sich geleert, die Putzkolonne entert das Studio, die Aufräumarbeiten haben im Coloneum begonnen. In zehn Minuten geht hier das Licht aus, wird durchgesagt. Es geht auf Mitternacht zu. Jesse Ritch sieht ein bisschen deplatziert aus, jetzt, da die Show in Köln vorbei und sein Traum geplatzt ist. In einem seltsamen roten Anzug steht er verloren auf der Bühne, auf der unbedeckten Brust baumelt eine Kette, die silbernen Schuhe, die vor wenigen Minuten im Glamour der spektakulär inszenierten Hochglanzveranstaltung irgendwie passend wirkten, sehen fürchterlich aus. Ein Überbleibsel, wie der Kater nach einer rauschenden Nacht. Der 20-Jährige ist aus einem RTL-Universum zurück in der Realität. „Ich bin traurig, ich bin verletzt.“

Der Schweizer ist gerade bei „Deutschland sucht den Superstar“, kurz DSDS, ausgeschieden. Er hat das Finale am Samstag verpasst, Dritter ist er geworden. Bald wird man ihn vergessen haben, vielleicht schon nächste Woche, wenn die neunte Staffel auf RTL vorbei ist. Seit zehn Jahren spuckt die Sendung Teenager wie ihn am Ende aus.

Models, Hunde, Politiker – alles durch

DSDS in Köln ist eine industrielle Massenproduktion von Sternchen. Vielleicht endet es bald. Viele sehen nach einem Jahrzehnt des entfesselten Castingwahns das Ende dieser Formate heraufziehen. Immer öfter ist von einer „Dieter-Dämmerung“ zu lesen in Anspielung auf den formatprägenden Juror Dieter Bohlen. So unterschiedlich die Shows heißen, die sich in beispielloser Kreativlosigkeit im Fahrwasser der Sendung zu positionieren versucht haben und Model, Bands, Hunde oder Politiker suchen – alle schwächeln. Die Modelsuche „Germanys Next Topmodel“ hat beispielsweise die Werbepreise aufgrund schwächerer Quoten um bis zu 30 Prozent senken müssen. Das Publikum scheint satt. Auch und vor allem beim Flaggschiff DSDS, zuletzt schauten noch 4,65 Millionen Menschen zu. Eine gute Quote – vor einem Jahr waren es im Schnitt aber noch 6,38 Millionen, in der Hochzeit mehr als zehn Millionen. RTL wird auch 2013 einen Superstar suchen (und nicht finden) – vielleicht zum letzten Mal. Beginnt das Ende dort, wo in TV-Deutschland alles angefangen hat?

Bernhard Pörksen hofft das. „Als Bürger kann ich diese Entwicklung nur begrüßen.“ Er sitzt am anderen Ende der Niveauskala. Dieter Bohlens Antithese. Pörksen ist 2008 zum Professor des Jahres gewählt worden, smart und eloquent. Der Weg zu ihm führt durch die verwinkelten Gänge des Brechtbaus in Tübingen. Vorbei an unzähligen kleinen Räumen, durch enge Flure, in den auf unbequemen Stühlen Studenten auf Einlass warten. Pörksen, 43, sitzt in Raum 260. Er ist einer der Experten des Castingirrsinns in Deutschland. Sein Buch „Die Casting-Gesellschaft“ ist das Schwarzbuch der Branche.

Er nippt an seinem Cappuccino und hat das Gefühl, dass das alles bald kalter Kaffee sein wird. Oder zumindest das meiste. „Wir erleben das Ende einer bestimmten Form der Brachialinszenierung. Das Publikum hat in einem Jahrzehnt ein Gespür entwickelt, dass bei diesen durchgestylten Formaten alles auf den Effekt hin konzipiert sei, ob Weinkrampf, die Liebe, oder die Versöhnung.“ Die Sendungen hätten es damit so übertrieben, dass auch die Restglaubwürdigkeit dahin sei.

Vor zehn Jahren hat RTL mit der ersten Sendung von „Deutschland sucht den Superstar“ das Fernsehen revolutioniert. Es trat an mit dem Versprechen, Stars zu schaffen, und bediente stattdessen Voyeurismus und niedere Instinkte jener, die Freude an der Hinrichtung von Menschen finden. Der „Spiegel“ hat diese Formate kürzlich als eine Art Labor der Ellenbogengesellschaft charakterisiert, als eine Ausgeburt seiner Zeit.

Deutschland ging es 2002 schlecht, kein Wachstum, Entlassungswellen, Diskussionen über Hartz IV und den Zustand des Bildungssystems. In diesem Umfeld vieler offener sozialer Fragen ging DSDS auf Sendung und bot einfache Antworten an. Jeder kann es schaffen. Sei stärker als der andere, sei besser. Das offerierte man. Brutal im Ton, knallhart in der Darstellung der Schwächen – das zeigte man. Die Kaderschmiede des Neoliberalismus mit Dieter Bohlen als Ikone der Nur-die-Harten-kommen-in-den-Garten-Philosophie. Die „Spiegel“-Conclusio: der Neoliberalismus ist tot, Castingshows sind tot. Pörksen sieht andere Gründe für die Baisse der Castingshows. Er sagt: „Die Formate haben sich selbst korrumpiert, sie sorgen für einen Inszenierungsüberdruss, sie behaupten Authentizität, aber sie können keine liefern.“




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