Dieter Hundt – eine Ära geht zu Ende Der unablässige Präsident

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Dieter Hundt scheidet nach 17 Jahren an der Spitze der Arbeitgeberverbände schweren Herzens aus. Er stellt sein Licht nicht unter den Scheffel – auch wenn sein Abschied als VfB-Präsident negativ in Erinnerung bleiben dürfte.

Berliner Büro: Roland Pichler (rop)
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Berlin - Er wirkt angespannt. Als Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt zusammen mit seiner Ehefrau Christina den Langhanssaal des Bundespräsidialamts betritt, macht der Mann mit den gewellten Haaren ein ernstes Gesicht. „Warum lacht Hundt nicht?“, sagt nach dem Bildtermin ein Fotograf. Gut möglich, dass es einem der bekanntesten Wirtschaftsvertreter in Deutschland in diesen Minuten ein bisschen schwer ums Herz wird. Bundespräsident Joachim Gauck hat das Ehepaar Hundt mit wenigen Gästen zum Mittagessen ins Schloss Bellevue geladen. Es herrscht eine feierliche Atmosphäre. An der Decke hängt ein gewaltiger Kronleuchter, Marmorsäulen zieren den Raum. Dass sich der Bundespräsident eineinhalb Stunden Zeit für den 75-jährigen Unternehmer nimmt, soll die Wertschätzung ausdrücken. Der umtriebige Dieter Hundt, der in seinem Leben unzählige Fototermine absolviert hat, steht vor dem Abgang von der großen Bühne. Am kommenden Montag wird die Kanzlerin den Präsidenten der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) im Deutschen Historischen Museum in Berlin verabschieden. Tags darauf wird schon der Nachfolger, der bisher kaum bekannte Bremerhavener Unternehmer Ingo Kramer, den Arbeitgebertag eröffnen.

Es gehört zu den Eigenschaften des unablässigen Präsidenten, dass er selbst von seinem Ausscheiden wohl am wenigsten überzeugt ist. Trotz fortgeschrittenen Alters hat der Arbeitgeberchef in den vergangenen Jahren seine Spieldauer stets verlängert. Möglich war dies, weil Deutschlands Bosse überzeugt sind, keinen Besseren finden zu können. D. H., so die Initialen auf seinen Maßhemden, ist einer, der nicht so leicht loslässt. Das zeigt sich in seinem eigenen Unternehmen. Beim Autozulieferer Allgaier Werke in Uhingen sitzt er noch immer fast jeden Tag am Schreibtisch oder besucht Kunden im In- und Ausland. Als Aufsichtsratschef von Allgaier will er auch in den nächsten Jahren darüber wachen, dass die Geschäfte laufen. Doch die Zahl der Auftritte vor Kameras wird abnehmen. 17 Jahre hat der gebürtige Esslinger die Interessen der Wirtschaft vertreten. Noch immer schmeichelt ihm, wenn er in den Zeitungen als Stimme der Wirtschaft bezeichnet wird. Eitelkeiten sind ihm nicht fremd. Im Verband wird der Präsident ehrfurchtsvoll als „Professor Hundt“ angesprochen. Mitarbeiter sagen, die Liebe zu Österreich, wo Hundt ein Ferienhaus besitzt, habe seinen Hang zu Titeln geprägt. Der Verbandschef, der in Zürich Maschinenbau studierte und promovierte, legt auf Formalien jedenfalls großen Wert.

Wenn sich der Arbeitgeberpräsident äußert, provoziert er oft Kritik. Seine Gegner halten ihm vor, ein altmodischer Wirtschaftsführer zu sein. Tatsächlich macht sich der Präsident mit seinen Mahnungen zum Standort und Appellen zu Kürzungen von Sozialleistungen nicht nur Freunde. Sein striktes Nein zu einem gesetzlichen Mindestlohn und sein Eintreten für die Kernenergie rufen auch bei manchen Managern gelegentlich Stirnrunzeln hervor. Doch Hundt ist alles andere als ein Scharfmacher, er strebt vielmehr nach Ausgleich. Wenn es an die Umsetzung von Forderungen geht, beweist Hundt große Beweglichkeit. Sichtbar wird Hundts Streben nach Konsens auch beim Termin im Präsidialamt. Zum Mittagessen im Schloss Bellevue hat der Arbeitgeberpräsident den Gewerkschaftsführer Michael Sommer gebeten. Sommer sitzt an seiner Seite. Das ist mehr als eine freundliche Geste. Wohl kaum ein Unternehmer ist von der Sozialpartnerschaft mehr überzeugt als der Mann aus Uhingen. Das zeigt sich auch, wenn der Familienunternehmer Gäste in seinem Betrieb am Rande der Schwäbischen Alb empfängt. Dort erleben die Besucher einen Patriarchen, der sich mit seinen Mitarbeitern auch über das Berufliche hinaus unterhält.

Das Nebeneinander von Betrieb, Verband und weiteren Aufsichtsratstätigkeiten erfordert ein großes Arbeitspensum. In den vergangenen Jahren bestieg er meist zu Wochenbeginn das Privatflugzeug, um ein oder zwei Tage in Berlin zu verbringen und dort Gespräche zu führen. 30 bis 40 Stunden in der Woche kommen für die BDA leicht zusammen. Für den Verband ist Hundt immer erreichbar. Möglich machen dies sein ausgeprägtes Organisationstalent und das Denken in klaren Strukturen. Jeder Vorgang passt bei ihm in eine Klarsichtfolie. Als Glücksfall erweist sich für ihn der BDA-Hauptgeschäftsführer Reinhard Göhner, der dem Präsidenten den Rücken freihält. Göhner, der früher CDU-Bundestagsabgeordneter war, ist der strategische Kopf. Hundt verlässt sich voll und ganz auf ihn. Der Chefposten bei der BDA ist ein Ehrenamt, Hundt bekommt dafür kein Geld. Der Lohn des Präsidenten besteht aus Auftritten mit Ministern, Kanzlern und ausländischen Staatschef. Hundt ist bei diesen Anlässen anzumerken, dass er die Momente im Scheinwerferlicht genießt. Unterstützt wird er von seiner Ehefrau, die ihren Mann bei repräsentativen Terminen begleitet. Beim Bundespresseball ist das tanzbegeisterte Paar Dauergast. Wie Hundt daneben noch Zeit für sein Hobby Fußball bleibt, ist sein Geheimnis.

Mit seinem Einsatz hat der schwäbische Unternehmer in Bonn und Berlin viel erreicht. Nachdem das Bündnis für Arbeit unter Kanzler Helmut Kohl gescheitert war, erreichte Hundt mit dem Sozialdemokraten Gerhard Schröder eine Verständigung. Im Bündnis wurde eine moderate Lohnpolitik verabredet. Den großen Durchbruch erreichte Hundt unter Schröder mit der Agenda 2010. Während der Finanzkrise verständigten sich Wirtschaft und Gewerkschaften mit der Politik auf die massive Ausweitung der Kurzarbeit, was die Folgen der Rezession milderte. Mit drei Kanzlern hatte Hundt zu tun. In Kohl fand er einen väterlichen Freund. Oft gingen die  Familien in Österreich wandern. Mit Schröder saß der Arbeitgeberchef manchmal nächtelang bei gutem Wein zusammen. Hundt rechnet es dem Niedersachsen hoch an, dass er stets sein Wort hielt. Mit Kanzlerin Angela Merkel wurde Hundt nie so richtig warm. Beide respektieren sich. Anlässlich seines 70. Geburtstags sagte Merkel, manchmal beginne der Tag für sie nicht gut, weil sie im Radio höre, was der Arbeitgeberpräsident auszusetzen habe. Was als heiterer Spruch gemeint waren, enthält Wahrheiten.

Als Hundt im Jahr 2011 seine erneute Kandidatur bekanntgab, schrieb ihm Kohl, er sei damit bald länger im Amt als der Kanzler der Einheit. Seine Partner beschreiben Hundt trotz der Differenzen als berechenbare Größe. Auch jetzt erhält er wieder Briefe von Persönlichkeiten, die ihn fragen, was ohne ihn werden soll in Zeiten, in der die Große Koalition orientierungslos wirkt. Für die Wirtschaft war Dieter Hundt auch deshalb wichtig, weil er Zugang zu wichtigen Leuten hat. „Als Arbeitgeberpräsident müssen Sie auch die Vorstandschefs von Dax-Konzernen anrufen können“, sagt ein erfahrener Lobbyist. In dieser Hinsicht hat es der Nachfolger schwer.

Der frühere Arbeitsminister und Gewerkschaftsvize Walter Riester (SPD) führte einst schwierige Tarifverhandlungen mit Hundt. Riester lobt an seinem ehemaligen Gegenüber die Zuverlässigkeit. Er kennt aber auch seine Sturheit. „Es ist wie im Fußball: Hundt ist immer überzeugt, dass er auf der Siegerseite steht“, sagt Riester. Beim VfB Stuttgart holte sich Hundt eine Abfuhr. Weil der Druck von Fans und Medien übermächtig wurde, musste Hundt als Aufsichtsratschef seinen Hut nehmen. Der erzwungene Abschied schmerzt ihn noch immer. Er ist überzeugt, beim VfB vieles richtig gemacht zu haben. Wenig bekannt ist, dass sein Einsatz für den österreichischen Regionalligisten Bad Aussee nicht nur finanziell im Desaster endete. Nach einem hoffnungsvollen Start folgte der totale Absturz des Vereins. Hundt ficht das kaum an. „Ich habe in meinem Leben immer Glück gehabt“, sagt er.

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