Dieter Hundt über Labbadia-Rede „Im Fußball muss man mit Kritik leben“

Der VfB-Aufsichtsratschef Dieter Hundt ermahnt Bruno Labbadia. Foto: dapd 25 Bilder
Der VfB-Aufsichtsratschef Dieter Hundt ermahnt Bruno Labbadia. Foto: dapd

Nach der Wutrede des VfB-Trainers Bruno Labbadia meldet sich Dieter Hundt zu Wort. Der Aufsichtsratschef hat nur begrenztes Verständnis für den verärgerten Coach.

Sport: Marko Schumacher (schu)
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Stuttgart – Auch Dieter Hundt hat nach dem Spiel gegen Leverkusen die Brandrede von Bruno Labbadia verfolgt. Der VfB-Aufsichtsratschef hat Verständnis für die Emotionen, sagt aber auch: „Ich sehe einen derartigen Umgang mit den Medien nicht als dauerhaft gute Basis an.“
Herr Hundt, wie war Ihre erste Reaktion, als Sie am Sonntagabend den Auftritt von Bruno Labbadia gesehen haben?
Ich war überrascht. Ich hatte aber während des Spiels den Eindruck, dass er leidet. Offenbar sind die letzten Wochen nicht spurlos an ihm vorbeigegangen.

Wie hat Ihnen die Rede gefallen?
Ich begrüße, dass er damit Leben, Emotion und sein Engagement für den Verein zum Ausdruck gebracht hat – und damit auch seinen Willen bekundet, aus der aktuell schwierigen sportlichen Situation wieder herauszukommen. Mir ist es lieber, wenn einer auch mal den Kragen platzen lässt. Das ist besser, als immer nur lar­moyant nach Gründen für die  derzeit nicht zufriedenstellenden Leistungen der Mannschaft zu suchen.

Sind Sie bei der Wortwahl nicht hin und wieder zusammengezuckt?
Zum Fußball gehört auch mal ein Kraftausdruck.

Können Sie den Inhalt seiner Ausführungen nachvollziehen?
Er hat deutlich gesagt, es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder das Bemühen, Verbesserungen zu erzielen, oder aber – ich sage das mal mit meinen Worten – die Situation geht einem am Hinterteil vorbei. Ich unterstelle, seine Reaktion ist ein Zeichen dafür, dass er engagiert daran arbeiten will, dass der VfB Stuttgart wieder bessere Zeiten erlebt.

Ist es aus Ihrer Sicht der richtige Weg, die Medien zum Feindbild aufzubauen?
Es gab auf diesem Feld ja schon berühmte Vorgänger wie Giovanni Trapattoni oder Uli Hoeneß. Jetzt gehört auch Bruno Labbadia zu dieser Hall of Fame. Allerdings sehe ich einen derartigen Umgang mit den Medien nicht als dauerhaft gute Basis an.

Teilen Sie Labbadias Eindruck, dass Trainer wie „Mülleimer“ behandelt werden?
Nein. Ich wüsste nicht, von wem. Er ist von den Medien angegangen worden. Da muss jemand, der in der Öffentlichkeit steht, durch, das ist mir schon oft passiert. Wer öffentliche Ämter bekleidet und verantwortliche Positionen im Fußball übernimmt, muss auch mit Kritik leben.

Empfanden Sie die Kritik als ungerecht?
Ich kann das schlecht beurteilen. Das liegt aber auch daran, dass ich ein ziemlich dickes Fell habe.

Haben Sie Labbadias Worte allein als Kritik an den Medien wahrgenommen oder auch an der Vereinsführung?
Ich habe das als Reaktion auf die Kritik der Medien an der sportlichen Leitung in den vergangenen Tagen und Monaten verstanden.

Bruno Labbadia hat aber auch wieder einmal gesagt, dass 20 Millionen Euro hätten eingespart werden müssen. Nervt es Sie, wenn dies regelmäßig als Begründung für die sportliche Misere herhalten muss?
Dass ich mit dieser Aussage nicht viel anfangen kann, dürfte klar sein.

Warum?
Wir haben unverändert den fünft- oder sechstteuersten Kader in der Bundesliga. Wenn wir uns daran orientieren, haben wir sportlich noch viel Luft nach oben.

Dennoch sagen viele, man müsse die Ansprüche senken und dürfe nicht immer vom Europapokal reden, wenn die Konkurrenz viel mehr Geld investiert als der VfB.
Wir haben gewusst, dass wir in diesem Jahr noch einmal ein wirtschaftlich schwieriges Jahr durchstehen müssen. Wir sind noch immer dabei, Sünden der Vergangenheit zu korrigieren, die auch wir in der obersten Führungsebene mitgetragen haben. Wir haben auch einen teuren Stadionumbau hinter uns, der uns finanziell belastet hat. Nächstes Jahr wird uns der Rücken deutlich freier sein. Dann werden wir wieder andere Überlegungen anstellen können.

Das heißt, nächstes Jahr wird wieder groß investiert.
Wir haben auch in diesem Jahr investiert. Sie dürfen nicht vergessen: wir haben Vedad Ibisevic schon in der Winterpause geholt. Was nächstes Jahr passiert, werden wir sehen. Jetzt lassen wir erst einmal die Saison laufen und schauen, wo wir am Ende landen.

Wären Sie in dieser Saison auch einmal mit einem Platz im Mittelfeld zufrieden?
Ich habe noch im Ohr, was der Kapitän Serdar Tasci vor Saisonbeginn gesagt hat: die Platzierung der letzten Saison zu wiederholen wäre eine Zielsetzung. Das sehe ich ähnlich.

Momentan sieht es aber eher nach Abstiegskampf aus.
Ich bin überzeugt: nein. Natürlich bin ich derzeit nicht zufrieden, aber ich mache mir keine Sorgen, dass wir ernsthaft in Schwierigkeiten kommen könnten. Wir sollten nicht vergessen: fast die identische Mannschaft hat in der vergangenen Saison die Rückrunde auf Platz drei abgeschlossen. Das ist für mich Benchmark.

Woran liegt es dann, dass es nicht läuft?
Wir sind deutlich schlechter gestartet, als wir es erhofft und auch erwartet hatten. Die Niederlage gegen Wolfsburg war sehr unglücklich. Wir waren spielerisch ebenbürtig. Das hat die Mannschaft etwas aus dem Tritt gebracht. In München kann man verlieren – auch wenn es nicht auf diese Art hätte sein müssen. Sehr unzufrieden war ich mit dem Spiel gegen Düsseldorf, in dem mir die Leidenschaft, der Biss und Ideen gefehlt haben. Diese Eigenschaften habe ich gegen Leverkusen wieder vorgefunden.

Sie haben die 0:3-Heimniederlage gegen Hoffenheim unterschlagen.
Da war ich nicht im Stadion, was offenbar auch besser war. Das muss eine desaströse Vorstellung gewesen sein.

Wie groß ist Ihr Vertrauen in die sportliche Führung, den VfB Stuttgart wieder nach oben zu führen?
Das Vertrauen ist vorhanden. Gegen Leverkusen hat das Team Leben gezeigt.

Würden Sie sich wünschen, dass Bruno Labbadia seinen Vertrag verlängert?
Ich bin mit seiner Arbeit sehr zufrieden. Wenn dieses Thema ansteht, werden wir darüber diskutieren.




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