Dieter Kosslick gibt Gartentipps Warum sind Staudengärten so beliebt, Herr Kosslick?
Ex-Berlinale-Chef Dieter Kosslick gärtnert! Er verrät, wie sein Garten bei Pforzheim zur Völkerverständigung beitrug und warum im Krimi der Gärtner der Mörder ist.
Ex-Berlinale-Chef Dieter Kosslick gärtnert! Er verrät, wie sein Garten bei Pforzheim zur Völkerverständigung beitrug und warum im Krimi der Gärtner der Mörder ist.
Wenn Dieter Kosslick nicht vor Publikum über seine Erlebnisse beim Internationalen Filmfestival Berlinale erzählt, das er bis vor Kurzem geleitet hat, schreibt er Essays über die gesellschaftliche Bedeutung von Gärten.
Herr Kosslick, wie wird ein Filmfestivaldirektor zum Gärtner?
Ich gärtnere schon lange. Kino und Gärten können große Unterhaltung sein. Es passiert immer vieles und Schönes, aber auch Grausames. Es gibt interessante Filme, in denen Gärten und Parks eine zentrale Rolle spielen.
Welche?
Ordnung versus Chaos und Verbrechen zum Beispiel. In den korrekten Barockgärten finden, wenigstens in Filmen, fürchterliche Morde statt. Wie in Peter Greenaways berühmtem Film „Der Kontrakt des Zeichners“. Diese akkuraten Gärten des Absolutismus stehen für Macht, Arroganz und Willkürherrschaft. Aber Gärten haben auch wie Filme eine soziale und kulturelle Komponente.
So?
Kino verbindet und kann zu Toleranz erziehen, indem die Filme Menschen zeigen, die einen anderen Glauben, eine andere Kultur und Haltung zur Gesellschaft haben. Und der Garten hat auch etwas Verbindendes: Beim sogenannten Urban Gardening, also dem Gärtnern inmitten der Städte wie zum Beispiel im Prinzessinnengarten in Berlin. Dort gärtnern Menschen aus der ganzen Welt miteinander, da braucht man die Sprache des anderen nicht zu kennen. Gemeinsames Pflanzen und Ernten bietet ungekannte Integrationsmöglichkeiten.
Nicht immer sind Gärten friedliche Orte. Oder woher kommt der Spruch: Der Mörder ist immer der Gärtner?
Der Unverdächtigste ist oft der Mörder, das ist ein altes Schema im Krimi. Eine sogenannte Fehlspur wird gelegt. Und die führt oft zum Gärtner. Und man kann mit Gärtnern auch gut soziale Unterschiede leicht klarmachen.
Wie das?
Nehmen wir den Visconti-Film „Der Leopard“. Burt Lancaster, der den unendlich reichen sizilianischen Graf spielt, tritt auf seine Terrasse und schaut über seinen weitläufigen Besitz. Einige Meter entfernt arbeitet der Gärtner, aber der Graf schaut ihn nicht mal eine Sekunde an. Er ignoriert ihn. Da zeigen sich die Klassenverhältnisse: hier der Arbeiter, dort der reiche Graf.
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Sowohl Gärtner als auch Künstler erschaffen etwas aus dem Nichts. Ist das ein bisschen wie Gott spielen?
Gärtner wie auch Kreative schaffen oft Neues und Paradiesisches. Und so sagen auch Kunstwerke und Gärten viel über ihre „Schöpfer“ aus: gradlinig und akkurat, vielseitig und oft verwunschen. Symmetrie drückt oft den Wunsch nach Ordnung aus und stabilisiert Menschen. Andere lieben mehr den Wildwuchs.
Dann wäre der Gärtner mit dem wildesten Garten der selbstbewusstere?
Schwer zu sagen. Charmant finde ich jedenfalls die Haltung des berühmten Stauden-Gärtners, manche sagen Staudenpapst, Karl Förster. Er hat Gärten für den „intelligenten faulen Gärtner“ entworfen. Bei seinen „automatischen Blütengärten“, wie er sie nennt, blüht immer etwas. Farben und Blühzeiten sind so aufeinander abgestimmt, dass wenig Arbeit notwendig ist. Ich liebe auch seine poetischen Buchtitel wie „Es wird durchgeblüht“, „Vom Blütengarten der Zukunft“ , „Neuer Glanz des Gartenjahres“ und „Blauer Schatz der Gärten“.
Warum sind eigentlich Staudengärten derart in Mode?
Geranien in Blumenkästen sind schön, aber heute ist Vielfalt angesagt. Diversität ist das neue Wort und dafür steht auch der Staudengarten. Übrigens sagen Gärten viel über ihre Besitzer aus.
Haben Sie ein Beispiel?
Melania Trump, die Frau des Ex-Präsidenten, ließ gleich nach Einzug ins Weiße Haus den vielfältigen Staudengarten der Obamas rausreißen, Steinplatten und langweiligen Rasen anlegen und gradlinig weiße Rosen pflanzen, totale Kontrolle wird symbolisiert. Dagegen können Staudengärten nicht zu hundert Prozent kontrolliert werden. Ein Staudengarten birgt Überraschungen.
Welche zum Beispiel?
Meine sehr alte Pfingstrose hatte dieses Jahr zum ersten Mal fünf Blüten gehabt. Welche Freude. Seit der Pandemie ist „Natur“ wieder sehr beliebt. Die stickige Enge der Städte, Luftverschmutzung, Lärm und Hektik wurden wie selten zuvor empfunden. Stadtflucht ist heute eine große Bewegung. Raus ins Freie! Die Natur wurde in diesen Coronazeiten genauso vermisst wie die Kultur und das Kino.
Die Leute kommen aber zögerlich zurück ins Kino und Theater. Warum?
Die Leute gewöhnen sich erst langsam an die neue Freiheit – für viele noch ungewohnt. Aber das wird sich mit dem sonnigen Sommer schnell ändern. Die Sehnsucht nach Kultur ist groß.
Sind viele Gärtner unter Ihren Künstlerfreunden?
Ja, in Berlin haben viele einen Schrebergarten. Da wird Prosecco nach getaner Arbeit genossen.
Hatten Sie auch Gartenfreunde unter den berühmten Festivalgästen?
Die Berlinale mit ihren Stars findet ja im Februar statt, und da ist im Garten nicht viel los. Aber wir haben einmal im Foyer eines der Festivalkinos einen Kräutergarten in Containern angepflanzt und nach dem Film konnte man sich für Frühstücksrührei die Kräuter mit nach Hause nehmen. Da gab’s dann schon viele Gespräche mit Gartenfreundinnen wie Frances McDormand und Isabella Rossellini und der Starköchin Alice Waters.
Und wie sieht Ihr Garten aus?
Er ist knapp 400 Quadratmeter groß. Ich habe viele Biotulpen gepflanzt, Storchenschnäbel, Elfenspiegel und kaukasisches Vergissmeinnicht von Karl Förster, zwei Feigenbäume bringen reichlich Ernte. Kaiserkronen kann ich jedem empfehlen, der mit seinem Garten Eindruck schinden will. Mein Garten ist hoffnungslos überpflanzt. Ein Fehler, wenn die Leidenschaft mit einem durchgeht und man an keinem Blumenmarkt vorbeikommt, ohne etwas mitzunehmen.
Was fasziniert Sie am Gärtnern?
Ich bin in einer Bäckerei aufgewachsen, und auch da gibt es viele Gemeinsamkeiten mit dem Garten, wo es wächst und blüht. Auch beim Brezelbacken geht der Teig auf und am Ende gibt’s eine wunderschöne Brezel. Ich gehe als Erstes morgens in den Garten und sehe die Veränderungen. Es ist faszinierend, den Pflanzen beim Wachsen zuzusehen. Im Hochbeet wächst Feldsalat und wir ernten seit Wochen. Irgendwie ist es auch wie mit Kindern, die noch wachsen. Egal wie groß sie werden, sie sind immer schön und machen Freude. Meine Nachbarin hat 50 Jahre alte Rosenstöcke noch von ihrer Mutter gepflanzt. Unglaublich, welche Kraft die noch haben und immer üppiger blühen.
In Ihrem Essay in dem Bildband „Gärten des Jahres 2022“ erzählen Sie auch vom Garten Ihrer Kindheit. Wie war es dort?
Das war in den 50er Jahren gewesen, also kurz nach dem Krieg. Das war ein kleiner Gemüsegarten, ein Stück Land, das uns von der Gemeinde Ispringen bei Pforzheim zugeteilt wurde.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Buchtipp – Das sind die „Gärten des Jahres 2022“
Mussten Sie mithelfen?
Ich habe zugeschaut, wie meine Mutter pflanzte, und auch ein wenig geholfen. Es ging immer um die Erdbeeren und die Frage, sind das nun badische oder württembergische Früchte? In Ispringen ist die Erdbeergrenze. Die Erdbeeren der linken Gartenseite waren badische und rechts wuchsen die württembergischen. So trug der kleine Garten zur Völkerverständigung bei. Und ich liebte Hansträuble.
Was ist das denn?
Rote Johannisbeeren. Mit Zucker oder auf dem Kuchen schmeckten die super. Mein schönstes Erlebnis war jedoch Kartoffeln anpflanzen und ernten. Unglaublich, wenn man den Schatz ausgräbt. Mit den Händen in Boden rein und da liegen die goldgelben Knollen. Es war für mich wie ein Wunder. Und Kartoffelkäfer gab’s auch noch.
Was passierte mit denen?
Rein in die Streichholzschachtel und weg. Ein wenig ekelig. Aber die schönen Marienkäfer mochte ich natürlich gerne. In der Zwischenzeit fressen sie bei mir im Garten die Blattläuse. Später habe ich mit meiner Mutter den Garten noch mal angelegt auf dem weitläufigen Grundstück eines alten Bauernhofs in Norddeutschland, den wir gekauft hatten.
War das der Garten mit dem Nazi und den Narzissen?
Genau. Der Vorbesitzer war in den 40er Jahren Bürgermeister und trug Naziuniform auf dem Land. Im ersten Frühjahr hatten wir uns gewundert, warum hinter dem Haus endlose Reihen wilder Osterglocken mit großem Abstand wuchsen. Es stellte sich heraus, dass der Nazibürgermeister in voller Begeisterung vor seinem Haus ein riesiges Hakenkreuz aus den gelben Blumen anpflanzte. Das wurde natürlich jährlich größer; und als er aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, hatte er große Mühe, die Pflanzen wieder rauszureißen. Er pflanzte sie dann parallel zueinander, weil sich ja Parallelen nur in der Unendlichkeit treffen.
Was haben Sie dann mit diesen Naziresten im Garten gemacht?
Mit Karl Försters Ritterspornen und Phlox bekämpft. Erfolgreich!
Welche Gärten würden Sie noch umgestalten? Welche Art Garten mögen Sie nicht?
Steingärten und Schottergärten. Aber die sind ja im Ländle auch verboten. Ich würde gerne noch mal einen richtigen Gemüsegarten anlegen mit Permakultur. Und alles Bio. Jetzt behelfe ich mich mit einem Hochbeet.
Haben Sie zu bestimmten Pflanzen eine besondere Beziehung?
Ja. Zu Taubennesseln.
Warum das denn?
Sie erinnern mich an meine Kindheit. Wir haben damals die honigsüßen Blüten ausgesaugt. Lila und weiße Taubnesseln stehen auch bei mir wieder im Garten. Kann ich Anfängern nur empfehlen. Sie vermehren sich gut, locken Bienen an, sehen gut aus und: genau das Richtige für faule Gärtner.
Nach über 60 Jahren Gartenerfahrung: Haben Sie noch einen Tipp für Gartenanfänger?
Geduld sollte man haben und ein wenig Bescheid wissen über Pflanzen und Böden. Es gibt so viele schöne Gartenbücher und Fernsehsendungen. Kein Gift im Garten versprühen. Es gibt für alles eine biologische Alternative. Und nicht Zuviel düngen. Schon gar nicht frisch gepflanzte Rosen. Die sollten erst mal zwei, drei Jahre anwachsen, dann kann man düngen. Aber gleich im Frühjahr brauchen sie viel Wasser. Und Ringelblumen, Calendula aussähen. Die blühen robust, sind eine Augenweide und für Geburtstage und das Wohnzimmer immer wunderschöne Sträuße.
Info
Dieter Kosslick
Man nennt ihn auch Mr. Berlinale – von 2001 bis 2019 war der 1948 in Pforzheim geborene Dieter Kosslick Chef des Berliner Filmfestivals Berlinale. Er hat 2021 das Buch „Immer auf dem Teppich bleiben“ geschrieben.
Dieter Kosslick liest am 22. Mai bei der 750-Jahr-Feier des Dorfes Ispringen bei Pforzheim, wo er aufgewachsen ist, über jüdische Backwaren aus seinem alten Bagelbuch „Das Buch Bagel“.
Das Buch
In dem opulent bebilderten Fotoband von Konstanze Neubauer und Dieter Kosslick: „Die Gärten des Jahres 2022. Die 50 schönsten Privatgärten“, erschienen im Callwey-Verlag (www.callwey.de, 312 Seiten, 59,95 Euro) ist Dieter
Kosslicks Essay über die gesellschaftspolitische Bedeutung von Gärten zu lesen.