Dieter Kosslicks Berlinale-Memoiren Anekdoten eines Festivaldirektors und Cineasten

Dieter Kosslick am 16. Februar 2019 vor dem Berlinale-Palast vor seiner letzten Bären-Verleihung als Festivaldirektor Foto: imago/ZUMA Press/Manuel Romano

Der frühere Berlinale-Chef Dieter Kosslick erzählt in seinem Buch „Immer auf dem Teppich bleiben“ von Hollywoodstars, europäischer Filmkunst und der Zukunft des Kinos.

Stuttgart - Hollywood nach Berlin zu locken war nie einfach – wie Dieter Kosslick es als Berlinale-Direktor geschafft hat, beschreibt er in seinen Memoiren. 2007 kam sogar Clint Eastwood mit seinem Film „Letters from Iwo Jima“, eine Ausnahme nur für Dieter: Sonst geht der Star im Februar Ski fahren.

 

Lust am Kino – und schräger Humor

Kosslick verkörperte als Berlinale-Chef die pure Lust am Kino, seine gute Laune wirkte ansteckend. Seine Reden auf Englisch mit Pforzheimer Akzent brachten jeden Saal zum Johlen. Selbst bei Muttersprachlern von der Insel kam er an: „Ich dachte immer, das Buch über 3000 Jahre deutschen Humor hätte nur eine halbe Seite“, habe der Engländer Sir Richard Attenborough zu ihm gesagt, schreibt Kosslick – „ich empfand das als Kompliment“.

Ein Bond-Girl und die Rolling Stones

Sein Buch ist gespickt mit launigen Anekdoten aus seinen Berlinale-Jahren von 2001 bis 2019. „Dank der Großzügigkeit meiner guten Bekannten, der James-Bond-Produzentin Barbara Broccoli“ habe Halle Berry 2002 zweimal den Dreh zu „Die another Day“ in London“ unterbrochen und bekam für „Monster’s Ball“ einen Silbernen Bären. 2008 lockte Kosslick die Rolling Stones nach Berlin und spielte als ehemaliger Gitarrist der Coverband The Meters mit Ron Wood „Time is on my Side“. Er offenbart auch, wie der indische Filmstar Shah Rukh Khan es als Moslem vermeidet, in Kuss-Szenen die Lippen seiner Partnerinnen zu berühren.

Viele große Frauen

Kosslick teilt liebevolle Erinnerungen an Jurypräsidentinnen wie Frances McDormand, Tilda Swinton und Meryl Streep – eine handelt von einem Tankstellen-Blumenstrauß, der großen Eindruck machte. Er beschreibt, wie Anke Engelke 2002 als Journalistin am roten Teppich Russell Crowe aus der Fassung brachte und dann Berlinale-Moderatorin wurde. Schwere Momente spart der Ex-Direktor nicht aus, etwa die Berlinale-Eröffnung 2004: „Jude Law, Nicole Kidman und Renée Zellweger hatten mir wenige Stunden zuvor abgesagt. Der Job des Festivaldirektors kann manchmal sehr einsam sein.“

Maultaschen und Brezeln

Kosslick tippt auch seine 1948 in Pforzheim beginnende Vita an. Er schwärmt von den „seelenschmeichelnden schwäbischen Maultaschen“ seiner Mutter und den „Düften der Bäckerei“, über der er aufwuchs. Butterbrezeln sei er „auch heute noch verfallen“. 1969 verließ er Pforzheim und fuhr an Stuttgart vorbei nach München. Dort zog er in eine studentenbewegte WG und widmete sich der Zeitungswissenschaft, bis ihn der progressive SPD-Bürgermeister Hans-Ulrich Klose nach Hamburg lockte als Redenschreiber.

Kosslick ist ein großer Filmförderer

Bald übernahm Kosslick dort das Filmbüro, gründete das Low-Budget-Filmforum, traf Pedro Almodóvar, Lars von Trier, Michael Winterbottom und Ken Loach, hob die Europäische Filmförderung aus der Taufe und wurde 1991 Chef der Filmstiftung NRW, der ersten deutschen Filmförderung. All das erzählt er stolz, aber ohne den Buchtitel zu konterkarieren: „Immer auf dem Teppich bleiben“.

Konflikte mit Iran und China

Kosslick outet sich als politischer Mensch, der die Berlinale geprägt hat. Er beschreibt das Ringen mit dem iranischen Regime, an einen Auftritt der rebellischen Schauspielerin Golshifteh Farahani, den leeren Jurystuhl des mit Hausarrest belegten Regisseurs Jafar Panahi 2011 und den Goldenen Bären für Asghar Farhadis Gesellschaftsdrama „Nader und Simin“. Kosslick erzählt auch, wie die chinesische Zensur 2019 eskalierte und Zhang Yimous Film „One Second“ kurzfristig verbot – und der Kulturminister ihm mitteilte, man werde der Berlinale künftig „helfen, die richtigen Filme zu finden“.

Gedanken zur Zukunft des Kinos

Und die Zukunft des Kinos? Es müsse sich einmal mehr neu erfinden, glaubt Kosslick. Er beschwört das Leinwanderlebnis, besonders im Berlinale-Kino Zoo-Palast, geht auf ökologische Produktionen ein und hinterfragt den deutschen „Förderdschungel“. Eine Anregung: die Kinos vormittags für Schulvorstellungen öffnen.

Kosslicks Memoiren sind ein kurzweiliges Lesevergnügen nicht nur für Cineasten. Er gewährt Blicke hinter die Kulissen, aber, wie er zu Beginn anmerkt: „natürlich immer mit schwäbischer Diskretion“.

Das Buch

Dieter Kosslick: Immer auf dem Teppich bleiben.
Hoffmann und Campe, 336 Seiten, 25 Euro

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